BONN / LONDON (IT BOLTWISE) – In Bonn startet die Sonderausstellung „Nie wieder! Gegen das Vergessen der NS-Verbrechen“ in der Bundeskunsthalle und setzt auf Kunst als Vermittler. Ein besonders markantes Exponat ist ein rekonstruierter Aufbau von Hans Haacke, der die NS-Propaganda um eine Marienstatue sichtbar macht. Daneben zeigt die Ausstellung ein interaktives Hologramm der Auschwitz-Schirmherrin Eva Umlauf, das Fragen von Schülern beantwortet. Im Hintergrund steht zugleich die Debatte um rechte Bewegungen und neue Formen des Gedenkens, etwa Streit um das Verlegen von Stolpersteinen.

Bundeskunsthalle Bonn zeigt „Nie wieder!“: Kunst, Zeitzeugen und digitale Erinnern-Formate
Bundeskunsthalle Bonn zeigt „Nie wieder!“: Kunst, Zeitzeugen und digitale Erinnern-Formate (Foto: IT BOLTWISE)
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Ein Baum kann als Kunstwerk wirken – und gleichzeitig als Beweisstück. In der Bundeskunsthalle in Bonn nimmt die Ausstellung „Nie wieder! Gegen das Vergessen der NS-Verbrechen“ genau diese doppelte Rolle ernst: Sie beginnt mit einem Motiv, das wie aus einem Märchenstoff kommt. Die silbrig schimmernde Abformung einer 650 Jahre alten Eiche, die „Josefseiche“ genannt wird, verweist auf das, was sich in ihrem Hohlraum abspielte: 1942 verbargen sich dort nach den Angaben im Ausstellungskontext die polnischen Brüder David und Paul Denholz. Die Rekonstruktion ist mehr als Symbolik, weil die Dimensionen der Eiche konkret genannt werden (30 Meter Höhe, 6,75 Meter Stammumfang) und damit die Vorstellung von Zuflucht greifbar wird. So setzt die Ausstellung schon am Anfang darauf, Erinnern nicht nur zu erzählen, sondern anschaulich zu materialisieren.

Die inhaltliche Dramaturgie verschiebt sich anschließend vom konkreten Versteck in den politischen Alltag der Gegenwart. Laut Bericht aus der Region Heidenau bei Dresden hat der Stadtrat dort beschlossen, künftig keine Stolpersteine mehr zum Gedenken an deportierte NS-Opfer zu verlegen. In der Ausstellung wird das als Teil eines größeren Drucks beschrieben, der sich aus einer gewandelten Debatte über Erinnerungskultur speist – mit Begriffen wie „Schuldkult“ und „Nationalmasochismus“, die in der öffentlichen Auseinandersetzung immer wieder auftauchen. Kuratorin Henriette Pleiger ordnet die Situation als Zuspitzung ein: „Es ist ein absolutes Drama“, sagt sie. „Wir haben vor zwei Jahren noch relativ unbefangen angefangen, diese Ausstellung vorzubereiten.“ Der Grundgedanke sei zunächst gewesen, die Gedenkstätten zu unterstützen; erst die Ereignisse der vergangenen Wochen und Monate hätten dem Projekt zusätzliche Brisanz gegeben. Damit wird aus einer Kunstschau ein Format, das auch auf gesellschaftlichen Widerstand reagiert.

Technisch interessant ist dabei weniger „Technik als Selbstzweck“, sondern wie sich Medienwahl und Vermittlungslogik ergänzen. Pleiger beschreibt den hybriden Charakter: „Die Ausstellung ist zu 70 bis 80 Prozent eine Kunstausstellung, die aber auch historische Beweise mit einbaut“, so die Kuratorin. Genau diese Mischung erklärt, warum die Ausstellung nicht nur in Vitrinen funktioniert, sondern Übergänge zwischen Interpretation und Dokumentation gestaltet. So setzt sie auf eine andere Herangehensweise als klassische Geschichtsbücher: Künstlerinnen und Künstler sind freier in der Darstellung, und wer Menschen erreichen will, müsse bewusst „verschiedene Zugänge“ wählen. Dazu gehören auch provozierende Wege, die zunächst Aufmerksamkeit erzeugen, bevor sie in inhaltliche Tiefe führen. Besonders in Zeiten, in denen die letzten Zeitzeugen aus Altersgründen abtreten, bekommt diese Vermittlungsarbeit einen anderen Stellenwert, weil das Publikum nicht mehr automatisch auf persönliche Erinnerungen zurückgreifen kann.

Ein Schwerpunkt liegt deshalb auf Arbeiten, die historische Mechanismen sichtbar machen. Das größte Objekt in Bonn ist eine rekonstruierte Installation von Hans Haacke aus dem Jahr 1988, die zunächst in Graz für Aufsehen sorgte. Hintergrund: Nach dem „Anschluss“ Österreichs hatten Nationalsozialisten die Marienstatue auf dem Marktplatz der Stadt mit NS-Propaganda ummantelt. Haacke rekonstruierte das 50 Jahre später im originalen Nazi-Design – aber mit anderem Text, der auf die Opfer verweist. Der Effekt entsteht aus der Nähe zum einst Verbreiteten: Die Arbeit zeigt nicht nur, „dass“ Propaganda existierte, sondern wie sie gestaltet war und wie sehr Gestaltung Meinung formen kann. Ergänzend treten Werke des Kölner Künstlers Andreas Maus in den Vordergrund, der 2021 mit dem „Euward“, dem europäischen Kunstpreis für Malerei und Grafik im Kontext geistiger Beeinträchtigung, ausgezeichnet wurde. Maus entwickelte seine Bildsprache nach eigener Darstellung mit Blick auf eine sehr persönliche Konsequenz: Er kam zu dem Bewusstsein, unter den Nazis vermutlich nicht überlebt zu haben, weil er den Behindertenmorden zum Opfer gefallen wäre. „Das künstlerische Arbeiten hilft, mich aus dem Teufelskreis der inneren Wut zu befreien“, sagt Maus.

Im nächsten Schritt verschiebt die Ausstellung den Schwerpunkt von der Bildsprache in Richtung Interaktion – und damit auch in Richtung digitaler Erinnerungsformate, die sich an junge Zielgruppen anpassen müssen. Susanne Siegert, deren TikTok-Kanal bewusst „keine.erinnerungskultur“ heißt, hat den Fokus darauf gelegt, Informationen über NS-Verbrechen zu vermitteln, obwohl sie selbst keine persönlichen Erinnerungen an diese Zeit hat. Der Kern ihres Ansatzes ist die Frage, warum das, was damals geschah, heute relevant bleibt. 2024 wurde ihr dafür der Grimme Online Award verliehen. Die Ausstellung greift diese Entwicklung auf und zeigt ein interaktives Hologramm der Schirmherrin Eva Umlauf, der Präsidentin des Internationalen Auschwitz-Komitees. Für die Erstellung des Hologramms wurden ihr etwa 1.000 Fragen gestellt – von Details wie „Können Sie den Deutschen vergeben?“ bis hin zu persönlichen Ankerpunkten wie „Haben Sie noch eine Tätowierung auf dem Arm?“ Das System gibt dabei nicht einfach neue Antworten aus, sondern ruft die Äußerungen ab, die Umlauf tatsächlich gegeben hat, sobald eine Schülerin oder ein Schüler eine passende Frage stellt. Genau diese technische Begrenzung ist entscheidend, weil sie die Funktion des Formats erklärt: Es soll Zeugnis abrufbar machen, nicht etwas „dazudichten“.

Gleichzeitig benennt die Ausstellung eine zentrale ethische Debatte, die gerade im Umfeld von KI-gestützten Medien wächst: Viele Bewahrer von Gedenkorten sehen es kritisch, wenn im Internet Holocaust-Opfer „animiert“ und zum Sprechen gebracht werden – weil dadurch die Grenze zwischen Fakten und Fiktion verwischt werden könnte. Diese Sorge wird in Bonn nicht weggewischt, sondern als Rahmen für die eigene Gestaltung gesetzt. Der Katalog selbst enthält ein eindringliches Vorwort von Eva Umlauf an die Jugend, in dem sie Verantwortung betont. „Ihr könnt nichts für die Verbrechen eurer Großeltern und Urgroßeltern“, stellt sie klar. „Aber Ihr tragt Verantwortung für die Zukunft. Wir alle tun das.“ Und weiter: „Ihr müsst nicht perfekt sein. Ihr müsst nur wach sein. Achtet auf euer Land. Achtet auf die Menschen um Euch. Und achtet auf die Wahrheit. Sie ist die Erste, die verloren geht – und die Letzte, die man zurückgewinnt.“ Damit wird das digitale Medium nicht als Ersatz für historische Arbeit positioniert, sondern als zusätzliche Brücke, die sich an überprüfbare Aussagen bindet.

Für die Praxis von Kultureinrichtungen und Bildungseinrichtungen ergibt sich daraus eine klare Lehre: Erinnerungskultur muss sowohl gegen Vergessen als auch gegen Verzerrung arbeiten. Die Ausstellung in Bonn verknüpft dafür mehrere Ebenen – materielle Symbolik wie die Josefseiche im Abguss, gestalterische Interventionen wie Haackes rekonstruierte NS-Umgestaltung, persönliche Bildbiografien wie bei Andreas Maus und schließlich ein interaktives Hologramm, das Zeugnis in eine dialogische Situation überführt. Dass parallel politische Entscheidungen wie in Heidenau den öffentlichen Diskurs spürbar verändern, zeigt zugleich, wie fragil etablierte Formen des Gedenkens sein können. Kunst wird in diesem Kontext nicht zur bloßen Stimmung, sondern zur Infrastruktur des Gesprächs: Sie erzeugt Einstiegspunkte, füllt Wissenslücken und kann selbst dann funktionieren, wenn direkte Zeitzeugenberichte fehlen. Für Entscheiderinnen und Entscheider in Kultur, Bildung und Medienbranche ist das vor allem eine Aufforderung, neue Formate nicht nur technisch zu denken, sondern in ihrer Wirkungskette aus Aufmerksamkeit, Kontext und überprüfbarer Aussage zu planen.


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