WIEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der ATX ist am Dienstag mit einem Minus von 0,82 Prozent bei 6.452,99 Punkten aus dem Handel gegangen. Anleger dämpften ihre Risikobereitschaft wegen Sorgen im Technologiesektor, während gleichzeitig vage Hoffnungen auf eine Lösung im festgefahrenen Konflikt zwischen den USA und dem Iran kursierten. Auf Rohöl-Ebene schwankte Brent stark: Nach einem Anstieg auf fast 112 Dollar je Barrel ging es im Verlauf wieder auf 108,4 Dollar zurück. Besonders auffällig waren die Kursreaktionen rund um AT&S, BAWAG und den Rechtsstreit zwischen Rasperia und Strabag/Raiffeisenbank Russland.

Am Wiener Aktienmarkt hat sich das Grundmuster des Tages klar durchgezogen: Erst starke Abwärtsimpulse, dann ein allmähliches Eindämmen der Verluste. Der ATX rutschte zum Handelsschluss um 0,82 Prozent auf 6.452,99 Punkte ab, der ATX Prime gab im selben Zeitraum um 0,84 Prozent auf 3.168,08 Zähler nach. Damit spiegelte sich in den Kursen nicht nur die klassische Mischung aus Gewinnmitnahmen und Sektorrotationen wider, sondern vor allem die Nervosität über makroökonomische und geopolitische Trigger, die an den europäischen Märkten in dieser Phase ohnehin schnell durchschlagen.
Technisch betrachtet war die Stimmung eng mit dem Wechselspiel aus Energiepreisen und Risikoappetit verknüpft. Bei den großen europäischen Indizes sorgten „vage Hoffnungen“ darauf, dass im Konflikt zwischen den USA und dem Iran eine Lösung möglich sein könnte, zunächst für Stabilität. Konkreter werden diese Erwartungen allerdings nur in Form von Gerüchten über einen möglichen Kompromissvorschlag von Vermittlern aus Katar und Pakistan, der die Forderungen beider Seiten ausbalancieren soll. In solchen Phasen reagieren Trader oft besonders sensibel auf jede neue Schlagzeile, weil die Erwartung an eine Entspannung direkt die Risikoprämie in vielen Anlageklassen beeinflusst.
Der zweite, unmittelbarere Kanal führte über den Ölmarkt. Nachdem der Preis für Rohöl der Sorte Brent wegen der Sorge vor weiteren Angriffen auf Öltanker in der Straße von Hormuz fast auf 112 Dollar je Barrel gestiegen war, drehten die Kurse im Verlauf wieder ab. Zuletzt lag Brent bei 108,4 Dollar und damit 1,1 Prozent unter dem Schlusskurs des Vortages. Für den Wiener Handel ist das relevant, weil die Energie-Komponente nicht nur Kurspsychologie treibt, sondern auch Erwartungen an Margen und Transportkosten prägt. Entsprechend gab OMV um 1,0 Prozent nach, während der ATX insgesamt das Minus zwar hielt, aber die Dynamik nach dem Tagesauftakt abflachte.
Parallel dazu blieb der Technologiesektor ein Bremser. Die Anleger zeigten sich offenbar vorsichtig, was die nähere Entwicklung der Branche betrifft; genau diese Unsicherheit kam im Kursbild von AT&S zum Ausdruck. Der steirische Halbleiterhersteller verlor am Ende 6,6 Prozent. Solche Bewegungen sind an der Börse häufig mehr als nur ein „Einzeltitel-thema“: Wenn ein Segment unter Druck gerät, verlagert sich Kapital nicht selten zunächst in defensivere Werte oder in Titel, die weniger stark von kurzfristigen Nachfrage- oder Investitionszyklen abhängen. Dass AT&S deutlich schwächer aus dem Handel ging, passt damit in das übergeordnete Risikomuster des Tages.
Auf der Unternehmens- und Kapitalmarktseite sorgte zudem ein Gerichtsbeschluss in Russland für Schlagzeilen. Ein Gericht im russischen Kaliningrad gab einer Klage des russischen Strabag-Aktionärs Rasperia Trading Limited statt und verurteilte die Raiffeisenbank Russland sowie österreichische Strabag-Kernaktionäre zur Zahlung von 342 Millionen Euro. Laut Angaben eines RBI-Sprechers der APA bezog sich die Forderung auf eine Schadenersatzklage in Wien, nachdem ein Klagelimit um 300 Millionen Euro überschritten worden war und 42 Millionen Euro Gerichtsgebühren angefallen waren. Auffällig war die unmittelbare Kurswirkung: RBI drehten zum Tagesende um 1,1 Prozent in den Gewinnbereich, Strabag gab dagegen um 0,4 Prozent nach.
Auch im Bankensektor standen konkrete Analystenimpulse im Vordergrund. BAWAG verlor zwar 1,71 Prozent auf 160,80 Euro, gleichzeitig wurde aber das Kursziel der Deutsche Bank Research für BAWAG von 191 auf 193 Euro angehoben. Zudem bestätigte die Deutsche Bank-Expertin Marlene Eibensteiner ihre Kaufempfehlung „Buy“ und begründete dies mit der Aussage, dass die „Investment-Story“ nach Vorlage der Quartalszahlen intakt bleibe. Dass der Titel trotzdem fällt, zeigt, wie stark kurzfristige Marktstimmung gegen einzelne Research-Signale arbeiten kann, wenn etwa das Gesamtumfeld riskanter wird oder einzelne Sektoren unter Druck geraten.
Daneben setzten sich weitere Einzeltitel in Bewegung: Erste Group gab um 1,5 Prozent nach, während Andritz das Kursziel ebenfalls spürbar durch Research-Unterstützung bekam. Die Deutsche Bank Research erhöhte das Kursziel für Andritz von 95 auf 99 Euro, die Empfehlung „Buy“ wurde zusätzlich vom zuständigen Experten Lars Vom-Cleff bestätigt; am Kursbild spiegelte sich das mit einem Plus von 0,38 Prozent auf 80,00 Euro. Schoeller-Bleckmann (SBO) fiel um 1,0 Prozent auf 29,15 Euro, erhielt jedoch ebenfalls Rückenwind durch eine Bestätigung des „Kaufen“-Votums sowie des fairen Werts von 45,10 Euro. Ganz oben im ATX standen derweil CA Immo mit 2,9 Prozent Zuwachs – ein Hinweis darauf, dass trotz des schwächeren Gesamtmarktes selektiv Kapital in einzelne Wachstums- oder Reversal-Storys fließen kann.
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