NEW YORK CITY / LONDON (IT BOLTWISE) – Amulya Vishwanath, Gründerin von Techable Ventures, ordnet Physical AI als Aufbauphase ein: Unternehmen würden gerade zentrale „Bausteine“ für Robotik neu denken. Sie vergleicht den Fortschritt mit einem LEGO-Zeitalter, in dem sich grundlegende Komponenten wie Greifer, Aktoren und Spezial-Software erst später zu vollständigen Systemen zusammenfügen. Entscheidend sei dabei Skalierbarkeit in der Entwicklung – und der Zugang zu Top-Talenten in den USA. Ihr Ansatz als VC: Gründer mit einem Netzwerk verbinden, um Know-how auch gegen die Sogwirkung großer KI-Konzerne zu sichern.

Der Begriff „Physical AI“ klingt nach einer neuen Welle, doch in der Sicht von Amulya Vishwanath steckt weniger Hype als vielmehr eine spürbare Bauphase dahinter. Die Gründerin und Managing Partner von Techable Ventures, die zuvor fast sieben Jahre als Product Marketer bei NVIDIA tätig war, beschreibt das Feld derzeit als „LEGO era“: Viele Komponenten existieren bereits, aber sie müssen als funktionale, wiederverwendbare Bausteine so zusammengesetzt werden, dass aus einzelnen Demonstrationen robuste Robotik-Systeme werden. Genau diesen Übergang will sie bei Investments und im Gründer-Enablement vorantreiben – von der Grundlagenarbeit bis zur späteren Systemintegration.
Ihr Bild ist dabei nicht nur poetisch, sondern technisch gut nachvollziehbar. Robotik scheitert in der Praxis häufig an der Kette aus mehreren Teilproblemen: Wahrnehmung, Planung, Steuerung, Hardware-Mechanik und die Auslegung der Software-Stack-Schichten müssen zusammenpassen. Vishwanath stellt besonders heraus, dass gerade Software-Grundlagen und „building blocks“ neu bewertet und neu gebaut werden. Anders gesagt: In dem Moment, in dem etwa Greifer/Hand-Subsysteme oder Aktuatoren nicht mehr als Einmal-Prototypen behandelt werden, sondern als standardisierte, adaptierbare Komponenten für unterschiedliche Roboterarchitekturen, lässt sich Innovation für mehr Teams replizierbar skalieren.
Dass sie dabei den Vergleich zum „ChatGPT moment for robotics“ aufruft, zeigt die Erwartungen, die in der Branche aktuell mitschwingen. Der Ankerpunkt ist jedoch ein anderer als bei reinen Software- oder Sprachmodellen: Ein Robotersystem muss nicht nur Inhalte generieren, sondern in der physikalischen Welt handeln, unter realen Einschränkungen wie Sensorrauschen, Reibung, Latenzen, Bauteiltoleranzen und wechselnden Umgebungsbedingungen. In der „LEGO“-Metapher steckt deshalb auch eine Reihenfolge: Erst wenn grundlegende Hardwarebausteine (zum Beispiel Robot-Hand-Komponenten oder Aktoren) und die zugehörigen Steuerungs- und Lernmechanismen für mehrere Einsatzfälle belastbar sind, entstehen echte „big-ticket“-Use-Cases, die über Nischen hinausgehen.
Historisch betrachtet ordnet Vishwanath die Entwicklung in wiederkehrende Innovationszyklen ein. Sie verweist sowohl auf die Internet-Ära als auch auf die Industrie-Revolution – und meint damit nicht, dass sich Robotik 1:1 übertragen lässt, sondern dass sich technologische Fortschritte oft in Phasen vollziehen: Zuerst entstehen Werkzeuge, dann Standards oder wiederverwendbare Muster, und anschließend wachsen daraus ausgereifte Systeme. Übertragen auf Physical AI heißt das: Heute werden „Basics“ aufgebaut, die später wie zusammengesetzte LEGOs zu größeren Lösungen werden. Diese Logik ist vor allem deshalb relevant, weil die Branche aktuell sowohl generalistische Robotikansätze als auch spezialisierte Systeme entwickelt – und beide Perspektiven unterschiedliche Anforderungen an Software-Architekturen und Integrationspfade stellen.
Ein zweiter Schwerpunkt ihrer Aussagen betrifft weniger Technik als vielmehr Umsetzungsgeschwindigkeit – und die hängt in Robotik besonders stark am Personal. Vishwanath nennt Talente als zentralen Faktor für den US-Markt und bezeichnet das Netzwerk zu Top-Profilen als eine Art „Moat“ von Techable Ventures. In der Praxis bedeutet das: Wenn hochqualifizierte Ingenieurinnen und Ingenieure, die sowohl Robotik-Software als auch Hardware-nahe Entwicklung beherrschen, von großen Akteuren abgezogen werden, wird Talentverfügbarkeit zur strukturellen Engstelle. Für Startups kann sich das unmittelbar in der Time-to-Prototype, der Iterationsrate und damit in der Fähigkeit niederschlagen, aus einem funktionierenden Ansatz auch ein Produkt mit stabiler Performance in realen Umgebungen zu machen.
Der VC-Fokus auf Physical AI lässt sich außerdem im Wettbewerb um Plattform- und Ökosystemvorsprünge einordnen. Während große Unternehmen in der Regel Ressourcen bündeln, um Modell-, Cloud- und Hardware-Stack weiter zu vertiefen, profitieren Startups davon, dass sie spezifische Teilprobleme schneller angreifen und spezialisierte Integrationen liefern können. Genau hier setzen Vishwanaths Vorstellungen an: Wenn die Branche die „Grundlagen“ für Robotik-Software neu denkt, verschiebt sich der Wettbewerb weg von isolierten Demo-Effekten hin zu wiederholbaren Engineering-Mechanismen. Für Gründer kann das bedeuten, dass sich Investitionen stärker auf Interoperabilität, modulare Komponenten und Skalierung der Test- und Validierungsprozesse konzentrieren statt ausschließlich auf einzelne Algorithmen.
Für Unternehmen und Entscheidungsträger ergibt sich daraus eine klare Konsequenz: Physical AI sollte man weniger als einzelne Technologie bewerten, sondern als mehrstufige Lieferkette aus Bausteinen, die erst später als vollständiges System „einrasten“. Wer heute pilotiert, tut gut daran, nicht nur die beeindruckende Funktion im Labor zu prüfen, sondern auch die Wiederverwendbarkeit der Bausteine, die Software-Architektur für neue Hardware-Varianten und die realistische Talent- und Integrationsplanung. Vishwanaths „LEGO“-Rahmung macht das messbar: Ein Roboter ist dann zukunftsfähig, wenn sich neue Fähigkeiten oder Komponenten ohne komplette Neuentwicklung in die bestehende Architektur einfügen lassen. Damit rückt für die nächsten Monate weniger das einzelne Modell als der Weg zur skalierbaren Systemintegration in den Mittelpunkt.
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