DRESDEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie des Ifo-Instituts rechnet nach einer geplanten Elterngeldreform mit deutlich geringeren Einsparungen als bislang vom Bundesfamilienministerium in Aussicht gestellt. Für die Jahre von November 2027 bis Ende 2030 nennt das Ifo-Calculationswerk bis zu 880 Millionen Euro weniger Ausgaben. Gleichzeitig soll das Ministerium im selben Zeitraum rund 1,6 Milliarden Euro einsparen. Entscheidend für die Differenz ist laut Berechnungen vor allem, wie stark der Anteil der Väter tatsächlich steigt.

Die Elterngeldreform soll zwei Ziele gleichzeitig erreichen: weniger Ausgaben für den Staat und eine stärkere Beteiligung von Vätern. Genau an dieser Stelle setzt jedoch eine neue Rechnung des Ifo-Instituts an, die die Wirkung beider Ziele miteinander verknüpft. Der Kern der Analyse lautet: Sobald die Reform tatsächlich mehr Väter in die Leistung zieht, sinkt die potenzielle Ersparnis überproportional. Das liegt nicht an einer falschen Annahme über die Programmlogik, sondern an der Verteilungswirkung: Väter erhalten im Schnitt höhere Beträge als Mütter, wodurch zusätzliche Inanspruchnahme die Gesamtkosten weniger stark drückt als erwartet.
Für den betrachteten Zeitraum von November 2027 bis Ende 2030 kommt das Ifo damit auf eine Größenordnung von bis zu 880 Millionen Euro weniger Ausgaben als ohne Reform. Demgegenüber nennt das Bundesfamilienministerium als Sparziel rund 1,6 Milliarden Euro im gleichen Zeitraum. Die Differenz ist nicht nur ein politischer Streit um die passende Zahl, sondern ergibt sich aus der Methodik der Kostenannahmen: Die Studie vergleicht explizit die Kosten des Elterngelds mit und ohne Reform und stützt sich dafür auf Daten des Statistischen Bundesamts. Diese Kombination macht die Rechnung besonders sensibel für Annahmen zur späteren Inanspruchnahme durch Väter.
Der Einfluss des Väteranteils wird im Ifo-Ansatz über reale Ausgangswerte sichtbar. Für Kinder, die 2023 geboren wurden, bezog laut Statistischem Bundesamt knapp jeder zweite Vater Elterngeld; hält man diesen Status quo fest, ließe sich die maximale Ersparnis von 880 Millionen Euro erzielen. Schon eine kleine Verschiebung ändert jedoch das Bild: Wenn der Anteil jedes Jahr um einen Prozentpunkt steigt, sinkt die Ersparnis den Berechnungen zufolge auf rund 597 Millionen Euro. Bei zwei Prozentpunkten beträgt der erwartete Effekt nur noch etwa 311 Millionen Euro, und ab einem jährlichen Plus von rund 3,1 Prozentpunkten spart der Staat dem Modell nach gar nichts mehr.
Auch die konkrete Ausgestaltung der Reform deutet in eine Richtung, die diese Spannungslogik plausibel macht. Der Reformentwurf sieht vor, die Bezugsdauer von 14 auf 12 Monate zu verkürzen und dabei je drei Monate für jeden Elternteil zu reservieren. Weitere sechs Monate sollen die Partner anschließend flexibel untereinander aufteilen können. Nimmt hingegen nur ein Elternteil Elternzeit, gibt es maximal neun Monate Elterngeld. Parallel sollen der Mindestbetrag von 300 auf 330 Euro und der Höchstbetrag von 1.800 auf 1.900 Euro angehoben werden. Technisch betrachtet kann eine solche Mischung aus Kürzung der Gesamtdauer, stärkerer Kopplung an beide Elternteile und gleichzeitiger Aufwertung der Leistungsgrenzen genau jene Verhaltensänderungen auslösen, die die Einsparseite unter Druck setzen.
Aus Sicht der Kostenrechnung und Anreizmechanik bringt das Ifo diese Zielkonflikte in einer pointierten Interpretation auf den Punkt: Sparziel und Anspruch, mehr Väter zu erreichen, stehen sich demnach gegenseitig im Weg. Die Studie bezieht dabei ebenfalls den zeitlichen Charakter der Entwicklung mit ein. Zwar sei der Väteranteil zuletzt nur um 0,2 Prozentpunkte pro Jahr gewachsen; ein schnellerer Anstieg sei jedoch nicht ausgeschlossen. In der Praxis bedeutet das für die Planung von Haushaltsmitteln: Sobald die Reform die erwartete Dynamik entfaltet und Monate nicht verfallen, steigt zwar die Zielerreichung beim Anteil der Väter, gleichzeitig erhöht sich aber die Rechnungslast, weil mehr Zahlfälle mit höheren durchschnittlichen Elterngeldbeträgen entstehen.
Damit rückt auch ein politischer Mechanismus in den Fokus, der in Reformen sozialer Leistungen häufig unterschätzt wird: Haushaltswirkungen hängen weniger an der formalen Leistungshöhe als an der tatsächlichen Teilnahmeverteilung. Historisch wurde Elterngeld in Deutschland immer wieder so weiterentwickelt, dass Erwerbs- und Familienarbeit besser koordiniert werden sollten; dabei veränderte sich stets auch die Inanspruchnahme. Die aktuelle Ifo-Berechnung setzt deshalb keine andere Priorität als eine rein statistische Plausibilisierung: Sie zeigt, dass selbst wenn die Reform in der Gesamtarchitektur konsistent ist, die fiskalische Wirkung im Wesentlichen an die Zahl der beteiligten Väter und deren durchschnittliche Bezugsprofile gekoppelt bleibt. Für Entscheider heißt das: Die Zielgröße „mehr Väter“ sollte im gleichen Atemzug mit einem belastbaren Kostenmodell nach oben und unten abgesichert werden.
Für Unternehmen und Verbände mit Blick auf Familienfreundlichkeit bleibt die Diskussion dennoch relevant, auch wenn sie auf den ersten Blick haushaltsnah wirkt. Elterngeld beeinflusst die Planbarkeit von Elternzeit und damit indirekt die Personal- und Einsatzplanung in vielen Branchen. Wenn die Reform so umgesetzt wird, wie sie im Entwurf angelegt ist, werden Personalabteilungen stärker mit flexibleren Bezugskorridoren je Elternteil arbeiten müssen. Gleichzeitig liefert die Ifo-Studie ein Signal an die öffentliche Debatte: Wer Einsparungen verspricht, sollte die Abhängigkeit vom tatsächlichen Väterverhalten deutlich machen. Nur dann lassen sich politische Ziele, Haushaltswirkungen und die realen Entscheidungen in Familien sauber miteinander in Einklang bringen.
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