RIAD / LONDON (IT BOLTWISE) – Das King Faisal Specialist Hospital and Research Centre (KFSH) nutzt Künstliche Intelligenz, um die Auslastung der Notaufnahme 24 Stunden im Voraus zu prognostizieren. Laut Angaben des Krankenhauses sinkt die Zeit von der Ankunft bis zur Untersuchung durch einen Arzt um rund 42 %. Auch die Wartezeit auf ein stationäres Bett fällt drastisch: von mehr als 13 Stunden im Jahr 2023 auf 3,2 Stunden bis Mitte 2025. Gleichzeitig soll der Prognosezeitraum künftig verdoppelt werden, um Engpässe früher abzufedern.

Die Notaufnahme ist in vielen Gesundheitssystemen der Dreh- und Angelpunkt für die Geschwindigkeit der Versorgung. Genau hier setzt das King Faisal Specialist Hospital and Research Centre (KFSH) an: Mit Künstlicher Intelligenz soll die Nachfrage nicht erst im Tagesverlauf gemessen, sondern in die nächsten 24 Stunden hinein abgeschätzt werden. Damit verschiebt sich die Steuerung von einem überwiegend reaktiven Betrieb hin zu einer Planung, die Personal- und Kapazitätsentscheidungen vor dem eigentlichen Engpass ermöglicht. Im Kern geht es um die Frage, wie sich aus historischen Mustern und laufenden Beobachtungen eine belastbare Prognose für die Auslastung ableiten lässt, ohne die klinischen Entscheidungen aus der Verantwortung der Teams herauszulösen.
Technisch betrachtet knüpft das Projekt an ein operatives Leitstellenkonzept an: Das Zentrum bündelt Teams für Krisenmanagement, Patientenfluss und Kapazitäten und nutzt dabei Echtzeit-Überwachung sowie datengestützte Entscheidungsprozesse. Die KI-Komponente liefert dabei keine ärztliche Diagnose, sondern wirkt als Prognose- und Koordinationshilfe. Konkret nennt KFSH, dass sich der Prognosezeitraum für die erwartete Nachfrage in der Notaufnahme künftig von 12 auf 24 Stunden ausweiten lässt. Diese Verdopplung ist nicht nur ein Komfortfeature für das Management, sondern verändert die Planungslogik: Wer 24 Stunden im Voraus verlässlichere Trends sieht, kann Schichtbesetzungen, Ablaufprioritäten und die Verteilung von Ressourcen früher anpassen.
Die berichteten Kennzahlen deuten darauf hin, dass die Umsetzung im Tagesgeschäft greifbar war. So verbesserte sich die durchschnittliche Zeit von der Ankunft bis zur Triage um etwa 24 %, während die Zeit von der Triage bis zur ärztlichen Untersuchung um 47 % sank. Insgesamt liegt die Wartezeit von der Ankunft bis zur Untersuchung durch den Arzt laut den Angaben bei rund 42 % weniger. Auch die stationäre Anschlusslogistik wurde adressiert: Für aufgenommene Patienten, die auf ein stationäres Bett warten, sank die mittlere Wartezeit um 75 % – von mehr als 13 Stunden im Jahr 2023 auf 3,2 Stunden bis Mitte 2025. Zusätzlich verbesserte sich die Gesamtverweildauer in der Notaufnahme um rund 30,5 %, obwohl die durchschnittliche tägliche Zahl der Besuche in der Notaufnahme gegenüber 2022 um etwa 8,5 % gestiegen sein soll.
Bemerkenswert ist dabei, dass die Maßzahlen unterschiedliche Abschnitte des Weges durch die Notaufnahme abbilden: Ankunft, Triage, ärztliche Untersuchung und anschließend die Verweildauer bzw. die Übergabe ins stationäre Setting. Genau diese Segmentierung ist für KI-Projekte im Gesundheitswesen entscheidend, weil sich sonst nicht sauber trennen lässt, ob die Wirkung aus einer besseren Vorhersage, aus Prozessanpassungen oder aus zusätzlicher Kapazität kommt. KFSH beschreibt zudem, dass das Team seit der Einrichtung der Leitstelle mehr als 300.000 Maßnahmen zur Überwachung und Unterstützung des Notaufnahmebetriebs durchgeführt hat. In der Praxis bedeutet das: Die KI arbeitet nicht im luftleeren Raum, sondern in einem Umfeld, in dem die Organisation laufend datenbasiert nachsteuert.
Aus Marktsicht zeigt die Meldung, wie stark sich der Wettbewerb um KI-gestützte Operations im Krankenhaus verlagert: Nicht nur Diagnostik, sondern auch Prozessintelligenz wird zum Hebel. Viele Häuser experimentieren derzeit mit Forecasting, sie stoßen aber häufig auf ähnliche Grenzen: Die Qualität der Eingangsdaten, die Definition von Zielgrößen und die Frage, wie zuverlässig eine Prognose in Maßnahmen übersetzt wird. Dass KFSH nach eigenen Angaben die Auslastungsprognose doppelt so weit in die Zukunft verlagert und gleichzeitig messbare Verbesserungen entlang der gesamten Notfallkette meldet, spricht für einen Ansatz, bei dem Vorhersagen direkt in koordinierte Eingriffe münden. Zugleich bleibt das klinische Personal verantwortlich für Triage und Behandlungsentscheidungen, während die Technologie die operative Abstimmung unterstützt.
Für die nächste Ausbaustufe dürfte vor allem die Einbettung in den Routinebetrieb entscheidend sein: Ein Prognosemodell, das 24 Stunden im Voraus Informationen liefert, muss robust gegen Wochen- und Saisoneffekte sein und auch auf atypische Tage reagieren. Dazu kommt die organisatorische Frage, welche Maßnahmen bei welcher Prognosequalität ausgelöst werden, etwa wann zusätzliche Ressourcen angefordert oder Abläufe angepasst werden. Wenn diese Brücke zwischen Modell und Betrieb gelingt, entsteht ein skalierbarer Mehrwert, weil sich die Methode auf andere Patientenflüsse oder andere Zeitfenster übertragen lässt. Neben den operativen Effekten nennt KFSH außerdem Einordnungen in Rankings und Brand-bezogene Auszeichnungen, was die öffentliche Sichtbarkeit stärkt – für IT-Entscheider zählt jedoch letztlich, wie gut sich die KI in bestehende Workflows integrieren lässt.
Auch wenn die Angaben aus der Einrichtung selbst stammen, lässt sich die Richtung klar beschreiben: Künstliche Intelligenz wird hier als Werkzeug zur Kapazitätsplanung und zur Reduktion von Wartezeiten eingesetzt. In Unternehmen und Klinikketten mit vergleichbaren Herausforderungen – schwankende Nachfrage, hohe Taktung, kurze Entscheidungsfenster – liefert das Modell einen Referenzpunkt: Prognosehorizont, Prozessschritte und messbare Ergebnisgrößen sollten zusammen gedacht werden. Wer als nächstes plant, sollte deshalb nicht nur die Modellgüte prüfen, sondern auch die Prozessarchitektur dahinter: von der Leitstellenlogik über Echtzeit-Observability bis hin zu klaren Verantwortlichkeiten zwischen Technik und klinischem Personal.
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