BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Deutsche Bahn InfraGo-Chefs Philipp Nagl nennt einen Zeitplan, ab wann sich die Pünktlichkeit im Fernverkehr wieder verbessern soll. Nach Angaben des Managements sollen die besonders heiklen Generalsanierungen den Ausschlag geben, sobald sie abgeschlossen sind. Für 2026 zeichnet sich hingegen ein weiterer Rückgang ab. Als Hauptgrund nennt Nagl veraltete technische Anlagen, die schneller ausfallen als sie repariert werden können.

Die Pünktlichkeit im Fernverkehr ist nach Angaben aus dem Bahn-Umfeld zuletzt nicht etwa stabil geblieben, sondern weiter erodiert: Von 64 Prozent im Jahr 2023 fiel die Quote auf rund 60 Prozent im vergangenen Jahr. Vor diesem Hintergrund hat Philipp Nagl, Chef der Infrastrukturtochter DB InfraGo, einen groben Fahrplan skizziert, wann sich die Lage wieder drehen könnte. Sein Argument ist dabei weniger eine kurzfristige Betriebsmaßnahme als eine physische Frage der Infrastruktur: Solange besonders schwierige Sanierungen laufen oder sich wegen Verzögerungen noch in der Endphase befinden, bleibt das System anfälliger für Störungen. Die zentrale Botschaft lautet damit nicht „sofortige Trendwende“, sondern „nach Abschluss der heiklen Abschnitte“.
Konkret nennt Nagl als nächstes großes Arbeitspaket zunächst die Modernisierung der Strecke Hannover–Berlin. Diese Modernisierung soll noch bis Ende des kommenden Jahres andauern; danach rückt aus seiner Sicht ein weiteres Sanierungsfenster in den Fokus. Für 2029 kündigt er eine weitere Etappe an, die er mit Hamburg–Hannover verbindet: Dann seien „die großen Strecken erledigt“, wodurch im Anschluss auch im gesamten Netz die Züge wieder pünktlicher werden sollen. Technisch ist die Logik nachvollziehbar: Generalsanierungen zielen auf überalterte Komponenten, die im Alltag nicht nur Leistungseinbußen verursachen, sondern auch den Fehlerhaushalt erhöhen. Wenn etwa Weichen, Oberleitungen oder Stellwerke schneller verschleißen bzw. ausfallen als sie zeitnah instandgesetzt werden können, verschiebt sich die Systembilanz von planbarer Bau- und Wartetätigkeit hin zu dauerhaften Unregelmäßigkeiten im Betriebsablauf.
Dass dieser Teufelskreis aktuell stärker zuschlägt, führt Nagl auf veraltete technische Anlagen zurück. Besonders relevant ist dabei der Zusammenhang zwischen Temperaturextremen und der Robustheit von Infrastruktur: Die Zahl der Verspätungsfälle, die mit gestörten Infrastrukturanlagen zusammenhängen, soll 2026 um 40 Prozent gestiegen sein. Als Auslöser nennt er vor allem die Belastung durch einen sehr kalten Winter und einen sehr heißen Sommer, die extreme Temperaturen auf Infrastrukturkomponenten ausüben. Gerade bei Anlagen, die über Jahre hinweg an harte Lastzyklen angepasst wurden, können sich Alterungseffekte durch Witterung beschleunigen; gleichzeitig verhindert die Häufung von Schadensfällen eine „saubere“ Reparaturfolge, weil Ressourcen in mehreren Regionen parallel gebraucht werden. Damit steigt das Risiko, dass eine Störung nicht nur lokal wirkt, sondern Anschluss- und Fahrplanfolgen nach sich zieht.
Neben dem technischen Verschleiß kommt als zweiter Hauptfaktor die Auslastung hinzu. Die Strecke Hamburg–Berlin sei ursprünglich für einen Fernzug pro Richtung und Stunde konzipiert gewesen. Heute fährt dort laut Nagl allein die Bahn im 30-Minuten-Takt; hinzu kämen Verkehre von Wettbewerbern wie Flix und möglicherweise weitere Angebote des italienischen Unternehmens Italo. Für die Pünktlichkeit bedeutet das: Je dichter der Fahrplantakt, desto weniger „Puffer“ bleibt bei Störungen. Schon kleine Eingriffe in die Stabilität – etwa durch ausfallbedingte Rangier- oder Anpassungsprozesse – können bei hoher Taktung zu Kaskaden führen, weil Verspätungen nicht mehr einfach absorbiert werden. Außerdem verschiebt sich die Betriebsstrategie: In einem System mit hoher Auslastung wird Umleitung oder Fahrplanersetzung deutlich aufwendiger, weil Kapazitäten für Ausweichwege nicht beliebig vorhanden sind.
Historisch betrachtet verweist der Bahnplan auf eine länger laufende Erwartung: Schon der frühere Bahnchef Richard Lutz hatte betont, dass sich die Pünktlichkeit mit jedem sanierten Korridor weiter verbessern soll. Real ist jedoch das Gegenteil eingetreten, wie die genannten Zahlen zeigen. Der Grund liegt häufig in der Dynamik großer Bauprogramme: Sanierungen schaffen zwar langfristig bessere technische Voraussetzungen, führen aber kurzfristig zu Baustellenzuständen, Verkehrsführungen, temporären Einschränkungen und erhöhtem Abstimmungsbedarf. Wenn sich Projekte zudem nach Verzögerungen und anhaltenden Problemen mehrfach überarbeiten müssen, verschiebt sich der „Zeitpunkt der Entlastung“ nach hinten. Genau in dieser Lücke entsteht die Wahrnehmung, dass man trotz Baufortschritt mehr Störungen erlebt als stabilisierte Fahrzeiten. Für die nächsten Jahre heißt das: Unternehmen und Fahrgäste müssen die Phase als Transformationsperiode verstehen, nicht als reine Wartungsarbeit „nebenbei“.
Auch auf der Zielmarke der Politik ist der Abstand spürbar. Die Bahnstrategie des Bundesverkehrsministeriums sieht bis Ende 2029 eine Pünktlichkeitsquote im Fernverkehr von mindestens 70 Prozent vor. Davon ist der bundeseigene Konzern derzeit weit entfernt, und die Prognose wird zusätzlich belastet durch mögliche Verschlechterungen 2026. Aus Sicht der Marktmechanik ist das relevant, weil Pünktlichkeit nicht nur ein Qualitätsversprechen an Fahrgäste ist, sondern indirekt auch die Wettbewerbsfähigkeit im Schienenpersonenverkehr beeinflusst: Wer regelmäßig Zeit verliert, muss mehr Ressourcen in Kundenservice, Entschädigungsprozesse und operative Stabilisierung investieren. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Planbarkeit für Anschlussverkehre im Personenverkehr und an die Koordination von Umsteige- und Logistikketten in der Mobilität, selbst wenn die unmittelbare Aufgabe des Fernverkehrs nicht „Ware“ transportiert. Gerade in Regionen, in denen Schiene für Pendler und Geschäftsreisen eine zentrale Rolle spielt, wird damit die Stabilität zur betriebswirtschaftlichen Größe.
Für Unternehmen, die auf verlässliche Mobilität angewiesen sind, ist die eigentliche Entscheidungsfrage daher nicht „wann ist das Problem weg“, sondern „wie lässt sich die Umbruchphase überbrücken“. Technisch spricht der Fahrplan für einen Ansatz, der nach Abschluss der großen Korridore die Systemstabilität erhöhen soll: weniger Störereignisse aus verschlissener Technik, weniger Reibungsverluste durch Reparatur-Stau und eine bessere Fähigkeit, auf Betriebsanomalien schnell zu reagieren. Gleichzeitig bleibt die Herausforderung der Kapazitätsdichte, insbesondere dort, wo zusätzliche Wettbewerberverkehre den Takt weiter verdichten. Ein realistischer Blick heißt deshalb: Selbst wenn die Generalsanierungen ab 2029 spürbar wirken, wird der Betrieb nur dann nachhaltig stabiler, wenn Instandhaltung, Ersatzteil- und Reparaturprozesse in der Geschwindigkeit der Auslastung mithalten. In der Zwischenzeit dürfte die Nachfrage nach belastbarer Prognostizierbarkeit – etwa in Form von konsequenter Störungsinformation und schnellerer Betriebssteuerung – weiter steigen, weil Zeitpläne immer weniger als „garantiert“ wahrgenommen werden.
Interessant ist schließlich, wie stark das Thema „Pünktlichkeit“ damit an das Zusammenspiel von Technik und Betriebsplanung gekoppelt bleibt. Weichen, Oberleitungen und Stellwerke sind keine abstrakten Anlagenkomponenten, sondern direkte Ursachen für konkrete Minuten- und Sekundeneffekte im Fahrplan. Wenn Temperaturextreme häufiger auftreten oder die Altersstruktur der Anlagen eine schnellere Alterung begünstigt, verschiebt sich die gesamte Risikokurve. Dass Nagl die Strahlwirkung erst nach dem Abschluss der besonders heiklen Sanierungen erwartet, ist deshalb auch als Systemaussage zu lesen: Erst wenn kritische technische Knoten stabiler laufen, kann sich die Betriebsqualität im Fernverkehr wieder in Richtung der 70-Prozent-Zielmarke bewegen. Für den weiteren Verlauf bleibt entscheidend, ob die genannten Bauetappen ohne neue Verzögerung durchlaufen und ob die Instandhaltung die steigende Schadenshäufigkeit in den Griff bekommt.
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