ERIWAN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine erste systematische Bewertung aller 127 Flachwasser-Korallenriffe zeigt ein massives Risiko für den Lebensraum. Die Weltnaturschutzunion IUCN stuft 96 Prozent als vom Aussterben bedroht ein und ergänzt damit die Rote Liste der Ökosysteme. Als Haupttreiber nennt die Organisation die Erwärmung der Meere, verstärkt durch Hitzewellen, Überfischung sowie zusätzliche lokale Belastungen. Gleichzeitig hebt die IUCN hervor, dass eine Erholung noch möglich ist – aber entschlossener Klimaschutz nötig bleibt.

Bei Korallen denkt man oft an spektakuläre Unterwasserlandschaften, doch die neue Bewertung der Weltnaturschutzunion (IUCN) stellt vor allem eine Frage: Wie stabil sind diese Lebensräume noch, wenn Hitze und lokale Belastungen zusammenkommen? In der Untersuchung wurden alle 127 Flachwasser-Korallenriffe weltweit systematisch betrachtet, die für die hohe Artenvielfalt entscheidend sind. Das Ergebnis ist eindeutig alarmierend: Für 96 Prozent stuft die IUCN das Risiko als „höchste Gefährdungsstufe“ ein, und damit als akut vom Aussterben bedroht. Lediglich bei vier Riffen fehlten aus Sicht der IUCN ausreichende Daten für eine verlässliche Beurteilung.
Im Kern geht es um die sogenannten Flachwasser-Korallenriffe bis etwa 40 Meter Wassertiefe, in denen Temperatur, Licht und Strömung zusammen die Lebensbedingungen für viele Arten prägen. Korallen sind dabei keine „passiven“ Bauwerke, sondern leben mit einem empfindlichen Stoffwechsel: Wenn das Wasser zu warm wird, stoßen sie die Mikroalgen ab, die in ihrem Gewebe leben und die Korallen ernähren. Das führt zum Ausbleichen (Bleaching). In der Praxis bedeutet das häufig mehr als nur Farbverlust – ausbleichen kann in der Folge zum Absterben ganzer Korallenbestände beitragen. Die IUCN verknüpft diese Dynamik ausdrücklich mit einer Zunahme von Hitzewellen im Meer im Zuge des Klimawandels.
Technisch betrachtet verschiebt sich damit nicht nur ein „Durchschnittswert“ der Ozeane, sondern die Häufigkeit und Intensität von Extremphasen, die das Regenerationsfenster verkürzen. Für ihre Bewertung nimmt die IUCN das mittlere Klimaszenario aus dem Bericht des Weltklimarats IPCC als Grundlage: bis Ende des Jahrhunderts soll sich die Atmosphäre um rund 2,7 Grad erwärmen. Dass das ursprünglich angestrebte 1,5-Grad-Ziel gegenüber dem vorindustriellen Niveau inzwischen als nahezu unerreichbar gilt, bildet im Bericht den Hintergrund für die Dringlichkeit. In der Folge können Hitzestressereignisse so stark sein, dass Erholungsphasen zwischen den Ereignissen nicht mehr ausreichen, um Populationen wieder aufzubauen.
Neben der Erwärmung nennt die IUCN weitere Faktoren, die das Risiko verstärken. Dazu zählt auch Überfischung, unter anderem in Ostasien, in der Karibik und in Brasilien. Hintergrund ist ein ökologischer Kipppunkt: Bestimmte Fische wie Papageienfische und Zackenbarsche halten Algen in Schach. Wenn diese „Grazing“-Funktionen fehlen, können Algenbestände nach Hitzeschocks schneller dominieren. Auch zunehmende Küstenbebauung, Verschmutzung und zu starker Tourismus werden als zusätzliche Belastungen genannt – sie wirken oft direkt auf Wasserqualität, Sedimentbelastung und anthropogenen Stress, sodass Korallen nach einem Bleaching-Event schlechter regenerieren können.
Die IUCN stellt die betroffenen Flachwasser-Korallenriffe deshalb nun auf die Rote Liste der Ökosysteme. Dieses 2014 gestartete Instrument bewertet nicht primär einzelne Arten, sondern das Risiko eines Zusammenbruchs ganzer Lebensräume. Laut IUCN sind bislang mehr als 4.000 Ökosysteme erfasst. Ein Kollaps beschreibt dabei eine tiefgreifende Umstellung im Ökosystem: Wenn ein Riff zusammenbricht, verschwindet das Fundament – die harten Korallen – weitgehend. Algen und Schwämme breiten sich aus, das ehemals artenreiche System verarmt und kann viele dort beheimatete Tiere nicht mehr ausreichend versorgen, von Muscheln und Seegurken bis zu Rifffischen, Meeresschildkröten und Haien.
In der Kommunikation der IUCN wird deutlich, dass es sich nicht nur um Naturschutzromantik handelt, sondern um eine Art globales Gesundheitsbarometer. „Korallenriffe zeigen so klar wie kaum etwas anderes an, wie gesund Ozeane sind“, sagte IUCN-Generaldirektorin Grethel Aguilar. Sie betont zugleich, dass Korallenriffe noch eine Chance hätten, sich zu erholen – allerdings nicht ohne entschlossenen Klimaschutz. Die weitere Erwärmung der Ozeane müsse gestoppt werden, um den Übergang von wiederherstellbaren Schäden hin zu dauerhaften Zusammenbrüchen zu verhindern.
Für die Praxis bedeutet das: Unternehmen und Behörden, die in Küstenregionen planen oder Ressourcen bewirtschaften, bekommen einen sehr konkreten Maßstab an die Hand. Wenn ein Lebensraum wie ein Riff wiederholt über Hitzeschwellen kommt, steigen die Kosten für spätere Renaturierung, während der Nutzen für Fischerei, Tourismus und Küstenschutz sinkt. Der Bericht, vorgestellt im Rahmen der Weltnaturkonferenz COP17 in Eriwan, macht außerdem klar, dass Maßnahmen gleichzeitig an mehreren Hebeln ansetzen müssen: Klimaschutz als größter Faktor, ergänzt durch reduzierten Fangdruck, wirksameren Umweltschutz entlang der Küsten und eine Steuerung des Tourismus, die Stressspitzen vermeidet. Die entscheidende Frage ist damit weniger, ob Korallen „irgendwann“ leiden, sondern ob das System noch Zeit hat, sich zwischen den Ereignissen zu stabilisieren.
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