WOLFSBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Volkswagen bündelt die Entwicklung von Fahrerassistenzsystemen und hochautomatisiertem Fahren in Europa neu in einer Einheit namens „OneTeam“. Die Organisation soll die Kompetenzen der Softwaretochter Cariad und der Konzernmarken zusammenführen, damit Teams schneller und direkter zusammenarbeiten. Formell soll „OneTeam“ im November starten. Geleitet wird die Einheit von Manuel Birke, der künftig sowohl an den Audi- als auch an den Cariad-Vorstand berichtet.

Volkswagen strukturiert die Entwicklung rund um Fahrerassistenzsysteme und hochautomatisiertes Fahren neu und bündelt sie europaweit in der Einheit „OneTeam“. Der Schritt zielt auf kürzere Abstimmungswege zwischen Software und Marken ab – genau an der Stelle, an der in der Praxis häufig nicht die Technik als solche, sondern Schnittstellen, Freigabeprozesse und Zuständigkeiten Zeit kosten. Laut interner Ankündigung im VW-Intranet, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegt, werden in „OneTeam“ die Kompetenzen der Softwaretochter Cariad sowie der Konzernmarken zusammengeführt. Der Kontext ist wichtig: In modernen Assistenzsystemen reichen die Aufgaben von Sensor- und Perzeptionslogik über prädiktive Modelle bis hin zu Fahrfunktionen und deren Validierung – und all das muss in einem konsistenten Entwicklungs- und Integrationsprozess zusammenlaufen.
Technisch bedeutet die neue Organisation vor allem, dass Software-Teams stärker in einer gemeinsamen Plattformlogik arbeiten sollen. Cariad-Chef Peter Bosch positioniert „OneTeam“ als Grundlage für eine „höchst wettbewerbsfähige, gemeinsam konzernweit nutzbare Technologieplattform“. Das ist mehr als ein Management-Satz: Eine konzernweite Plattform kann identische Bausteine für die Systemarchitektur, wiederverwendbare Software-Komponenten und standardisierte Schnittstellen für das Zusammenspiel von Assistenzfunktionen ermöglichen. Gerade bei Funktionen wie Spurführung, Autobahnassistent oder hochautomatisierten Sequenzen zählt dabei nicht nur die Modellgüte, sondern auch die Engineering-Geschwindigkeit – etwa wenn Datensets, Trainingspipelines und die systematische Absicherung über Fahrzeugserien hinweg konsistent gehalten werden sollen. Dazu kommt, dass die Assistenzentwicklung heute typischerweise auf KI-gestützte Mustererkennung setzt, selbst wenn die Gesamtsystemkette stark mit klassischer Regeltechnik und Sicherheitslogik verzahnt ist.
Mit „OneTeam“ verknüpft VW damit auch eine klare Führungslogik: Die Einheit soll durch die Führung von Audi „klare Verantwortung“ schaffen. Geleitet wird die neue Organisation von Manuel Birke, dem Cariad-Technikchef für Fahrerassistenzsysteme; er berichtet künftig sowohl an den Audi- als auch an den Cariad-Vorstand. Für die Praxis ist diese Doppelberichtslinie relevant, weil sie die typische Reibung zwischen Produktverantwortung der Marke und technologischer Entwicklung reduziert. Audi übernimmt damit eine Koordinationsrolle, die in solchen Programmen entscheidend ist, wenn es darum geht, Anforderungen aus Fahrzeugprojekten in die Software-Roadmap zu übersetzen. Gleichzeitig soll die Einheit nach Angaben aus der Ankündigung formal im November die Arbeit aufnehmen – ein Zeitplan, der darauf hindeutet, dass VW den organisatorischen Umbau nicht nur als Umstrukturierung betrachtet, sondern als unmittelbaren Hebel für die Entwicklungstaktung.
Der organisatorische Umbau fällt jedoch in eine Phase, in der Cariad bereits „im Umbruch“ ist. Laut Bericht lässt Konzernchef Oliver Blume im Unterschied zu seinem Vorgänger weniger selbst entwickeln und setzt stattdessen stärker auf externe Partner – etwa in China mit Xpeng oder in den USA mit Rivian. Auch eine Zusammenarbeit mit dem Zulieferer Bosch bei automatisierten Fahrfunktionen war demnach im Juli beendet worden. Vor diesem Hintergrund wirkt „OneTeam“ wie eine Gegenbewegung: während Teile des Entwicklungsportfolios stärker extern beschafft werden, soll die interne Plattformkompetenz für Fahrerassistenzsysteme und hochautomatisiertes Fahren konzernweit gebündelt werden. Interessant ist dabei auch, dass Cariad sich nun unter anderem auf Eigenentwicklungen von Schlüsseltechnologien fokussiert, darunter Fahrdynamik-Software, Cloud-Anwendungen und Infotainment-Systeme. Solche Bereiche sind nicht unabhängig von Fahrerassistenz: Gerade Cloud-Funktionen und Datenflüsse sind oft Voraussetzung dafür, dass Modelle nach Validierung im Feld aktuell gehalten werden können und Software-Updates systematisch planbar werden.
Personell steht das Software-Unternehmen ebenfalls unter Druck. Seit Ende 2023 schrumpfte Cariad den Angaben zufolge von rund 6.500 auf etwa 4.300 Beschäftigte; künftig sollen nochmals rund 1.000 Stellen wegfallen. Das unterstreicht, dass VW seine Tech-Organisationen in eine effizientere Struktur bringen will. In diesem Umfeld wird „OneTeam“ zur Versuchsanordnung für Geschwindigkeit: weniger Hierarchieebenen, weniger Abstimmungszyklen und eine klarere Zuständigkeit über Marken- und Softwaregrenzen hinweg. Konzernentwicklungschef Werner Tietz ordnet den Umbau als weiteren Schritt zur Effizienzsteigerung im Rahmen der Transformation ein. Aus Entwicklersicht ist das vor allem deshalb bedeutsam, weil die Assistenzentwicklung stark von iterativen Schleifen lebt: von Systemdesign über Implementierung bis zur Absicherung – und weil wiederkehrende Probleme in großen Organisationen häufig genau in den Übergaben entstehen.
Marktseitig liegt die Relevanz auf der Hand: Wer in der KI-Entwicklung für Fahrzeugfunktionen zu lange braucht, läuft Gefahr, nicht nur bei einzelnen Features, sondern beim Gesamtpaket aus Hardware-Nähe, Software-Integrationsfähigkeit und Datenstrategie hinterherzufallen. Der Schritt zeigt zudem, dass Volkswagen den Fokus weg von isolierten Teilprojekten hin zu konzernweit nutzbaren Technologiebausteinen verschiebt. Damit ist „OneTeam“ auch eine Antwort auf die Grundsatzfrage vieler Hersteller: Wie lässt sich einheitliche Assistenzsoftware über unterschiedliche Fahrzeuglinien und Märkte hinweg skalieren, ohne dass jede Marke „ihr“ eigenes System neu erfinden muss? Eine gemeinsam genutzte Plattform kann dafür die Grundlage sein – vorausgesetzt, die Entwicklungspipeline, die Teststrategie und das Release-Management werden tatsächlich mitgezogen.
Für Unternehmen und Zulieferer bedeutet die Neuausrichtung vor allem mehr Verbindlichkeit im Engineering-Alltag. Wenn eine Führungsstruktur wie die von Audi und die interne Technikleitung über Birke die Schnittstellenrolle übernimmt, wird es einfacher, Anforderungen und Abnahmekriterien frühzeitig zu klären. Gleichzeitig bleibt es abzuwarten, wie stark sich die organisatorische Bündelung tatsächlich in den Prozessen niederschlägt: Nach Angaben aus der internen Ankündigung blieben zunächst weitere Einzelheiten offen. Klar ist aber, dass VW den November-Start als Meilenstein für den neuen Arbeitsmodus plant. Entscheidend wird sein, ob „OneTeam“ die Entwicklungsgeschwindigkeit messbar erhöht – etwa über kürzere Integrationszyklen, schnellere Iterationen bei KI- und Systemkomponenten sowie eine konsistentere Validierung über den Konzern hinweg.
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