FRANKFURT AM MAIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Das Agrar-Geschäftsklima ist im September 2026 auf -3,1 Punkte gesunken und damit so niedrig wie seit Juni 2016 nicht mehr. Vor allem hohe Betriebsmittelpreise drücken auf die Bewertung der aktuellen wirtschaftlichen Lage, die ebenfalls nachgibt. Gleichzeitig hellen sich die Zukunftserwartungen auf: Die Einschätzung für die kommenden zwei bis drei Jahre verbessert sich auf -2,7 Punkte. Die Rentenbank will mit ihrem Liquiditätsprogramm I kurzfristige Engpässe abfedern, während viele Betriebe trotz Druck weiter investieren.

Das Rentenbank-Agrarbarometer zeichnet ein deutlich zweigeteiltes Bild der deutschen Landwirtschaft. Während das Agrar-Geschäftsklima im September 2026 auf -3,1 Punkte fällt und damit den niedrigsten Stand seit Juni 2016 erreicht, kippt die Stimmung nicht vollständig in Richtung Pessimismus: Die Zukunftserwartungen setzen sich im Vergleich zu den vorherigen Quartalen wieder ein Stück weit nach oben. Entscheidend dafür ist weniger eine Entspannung in der Gegenwart, sondern eine bessere Bewertung der wirtschaftlichen Entwicklung in den kommenden Jahren. In Zahlen wird das besonders sichtbar, weil die Bewertung der aktuellen wirtschaftlichen Lage auf -3,5 Punkte zurückgeht, während sich die Einschätzung der künftigen Entwicklung auf -2,7 Punkte verbessert.
Technisch betrachtet handelt es sich dabei um ein Stimmungs- und Erwartungsbarometer, das mehrere Komponenten zusammenführt und damit unterschiedliche Zeithorizonte getrennt abbildet. So sinkt das Klima im aktuellen Erhebungszeitraum, obwohl die Einschätzung der wirtschaftlichen Entwicklung in den kommenden zwei bis drei Jahren an Stabilität gewinnt. Auch bei der Beurteilung der künftigen Lage bleiben die Betriebsmittelpreise ein dominanter Faktor: 49 % der Betriebe mit negativen Erwartungen nennen sie als einen der wichtigsten Gründe. Danach folgt mit 42 % die Agrarpolitik. In der Praxis bedeutet das: Selbst wenn Betriebe die makroökonomische Perspektive etwas optimistischer sehen, bleiben die laufenden Kosten ein unmittelbarer Hebel, der Investitionsentscheidungen und Liquiditätssteuerung stark beeinflusst.
Der Bericht verortet den Druck auf landwirtschaftliche Betriebe zudem nicht nur bei betriebswirtschaftlichen Kosten, sondern auch in externen Unsicherheiten. Genannt werden wirtschaftliche Unsicherheiten, geopolitische Entwicklungen sowie Wetterextreme, die zusammen mit den hohen Betriebsmittelpreisen die Lage verschärfen. Für die Unternehmen ist das weniger eine Frage „ob“ Risiken existieren, sondern „wie schnell“ sich Belastungen in den Cashflow übersetzen. Genau in diesem Spannungsfeld positioniert sich die Rentenbank mit ihrem Liquiditätsprogramm I: Als Förderbank für die Agrarwirtschaft und den ländlichen Raum zielt sie darauf, Liquidität bereitzustellen, wenn finanzielle Engpässe kurzfristig auftreten. In der Meldung heißt es, seit dem Start im Juni habe man bereits rund 1.000 Kredite mit einem Gesamtvolumen von über 50 Millionen Euro zugesagt.
Dass dennoch investiert wird, ist für viele Leserinnen und Leser das überraschendste Detail. Laut Erhebung haben 74 % der befragten Landwirtinnen und Landwirte in den vergangenen zwölf Monaten Investitionen getätigt; für die nächsten zwölf Monate planen sogar 52 % weitere Investitionen. Das lässt sich als Signal interpretieren, dass Betriebe trotz ungünstiger Indikatoren Handlungsfähigkeit beweisen wollen – etwa bei Hof- und Anlagentechnik, Modernisierungsschritten oder der Ausrichtung auf künftige Anforderungen. Gleichzeitig zeigt die weitere Kostenbelastung durch Betriebsmittel, warum die Finanzierung nicht nur als „Begleitung“ der Investitionsphase funktioniert, sondern als Voraussetzung für Tempo und Umfang. Nikola Steinbock, Sprecherin des Vorstands der Rentenbank, bringt es in der Mitteilung auf den Punkt: „Wichtig bleibt, dass Landwirtinnen und Landwirte finanziell handlungsfähig bleiben. Als Rentenbank unterstützen wir mit dem Liquiditätsprogramm I schon heute schnell und unkompliziert bei finanziellen Engpässen. Seit Start des Programms im Juni haben wir bereits rund 1.000 Kredite mit einem Gesamtvolumen von über 50 Millionen Euro zugesagt. So unterstützen wir dabei, die Investitionen der Branche zu ermöglichen und ihren Mut und den positiven Blick auf die Zukunft in konkrete Projekte zu übersetzen“.
Auch methodisch lohnt der Blick, weil das Agrarbarometer nicht auf einigen wenigen Betriebsbeispielen beruht. Die Erhebung wird seit März 2024 vierteljährlich im Auftrag der Landwirtschaftlichen Rentenbank durch das Marktforschungsunternehmen Kynetec durchgeführt und knüpft an das frühere „Konjunktur- und Investitionsbarometer Agrar“ an. Grundlage ist eine Befragung von 1.000 Landwirtinnen und Landwirten sowie 150 Lohnunternehmen in Deutschland. Themen sind unter anderem die Einschätzung der gegenwärtigen und zukünftigen wirtschaftlichen Lage sowie das Investitions- und Finanzierungsverhalten. Als Stichprobe dient dabei eine repräsentative Auswahl unter landwirtschaftlichen Haupterwerbsbetrieben, differenziert nach Betriebsart, konventioneller beziehungsweise ökologischer Bewirtschaftung, regionaler Verteilung und Größenklassen. Für Entscheider in Betrieben, aber auch für Banken und Berater erhöht diese Struktur die Aussagekraft gegenüber reinen Einzelmeldungen.
Für die Einordnung in einen breiteren Technologiekontext ist zudem relevant, dass die Rentenbank ihre Förderinstrumente nicht auf Zuschüsse beschränkt. Laut Hintergrund gehören zu den Instrumenten Zuschüsse, Nachrangdarlehen und Programmkredite; die Programmkredite werden wettbewerbsneutral über Hausbanken vergeben, während die Rentenbank Banken, Sparkassen und Gebietskörperschaften mit Bezug zum ländlichen Raum refinanziert. Damit entsteht ein Fördermechanismus, der sowohl kurzfristige Liquiditätsbedarfe als auch längerfristige Investitionslogiken adressiert. Wer den vollständigen Datensatz nachlesen möchte, findet die Ergebnisse des Agrarbarometer Herbst 2026 als Bericht hier: agrarbarometer-befragung-herbst-2026.pdf.
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