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BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche will Raffineriestandorte in Deutschland langfristig sichern und dabei vor wachsender Importabhängigkeit warnen. Sie startet einen Dialog mit der Branche, um eine Raffineriestrategie zu erarbeiten, deren Ergebnisse für das erste Quartal 2027 erwartet werden. Reiche betont den Zusammenhang von wettbewerbsfähigen Raffineriekapazitäten und Versorgungssicherheit. Gleichzeitig kündigt sie an, Klimaschutzregeln wie die EU-Methanverordnung so einzuordnen, dass die Energieversorgung auch unter Stress gewährleistet bleibt.

Reiche will Raffinerien sichern: Strategie bis 2027 und Milliarden-Umrüstungen
Reiche will Raffinerien sichern: Strategie bis 2027 und Milliarden-Umrüstungen (Foto: IT BOLTWISE)
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Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche stellt den Erhalt der Raffinerieinfrastruktur in Deutschland in den Mittelpunkt ihrer Industriepolitik. In Berlin sagte sie, man wolle „wettbewerbsfähige Raffinerienkapazität in Deutschland erhalten“, weil Raffinerien für die Versorgung nicht nur produzieren, sondern strategische Infrastruktur darstellen. Ihr Argument: Wer auch künftig über die Versorgung selbst entscheiden will, müsse heute die Voraussetzungen schaffen. Mit dieser Stoßrichtung reagiert Reiche auf einen strukturellen Trend, der sich in Europa seit Jahren zeigt und der im Ernstfall die Handlungsspielräume bei Kraftstoffen und Energieträgern verkleinert.

Der Ansatz ist dabei konkret an den Energiefluss gekoppelt. Reiche verweist auf die Entwicklung seit 2009: Von rund 100 Raffinerien, die damals in Europa liefen, seien 30 geschlossen oder umgewandelt worden. In der Logik der Ministerin sei das mit einer Verlagerung hin zu Importen „gegen Importabhängigkeit eingetauscht“ worden. Als Beispiel nennt sie den Iran-Konflikt und die Phase, in der Lieferungen aus dem Golf ausfielen: Europa habe dadurch „ein Viertel seiner Versorgung mit Diesel und Kerosin“ verloren. Seitdem ist nach ihren Angaben die Abhängigkeit von Importen wieder deutlich sichtbar, insbesondere bei Dieselkraftstoff.

Technisch und marktseitig macht Reiche damit weniger ein einzelnes Ereignis als ein wiederkehrendes Muster greifbar: Entfallen regionale Lieferungen, steigen Beschaffungskosten und Risikoaufschläge sofort. Sie sagt, fast die Hälfte der Dieselimporte stamme heute aus den USA – zwar „etablierte Partner“, aber eine „neue Abhängigkeit“. Der operative Effekt liegt damit nicht nur in der Menge, sondern in der Preisbildung: Es würden mehr Produkte importiert, höhere Preise bezahlt und für Versorgungssicherheit würden „hohe Risikoaufschläge“ fällig. Genau diese Kette aus Versorgungslage, Beschaffung und Kosten will die Politik nach Reiche langfristig entschärfen, statt sie bei jeder neuen internationalen Krise aufs Neue auszutragen.

Für die Umsetzung kündigt das Wirtschaftsministerium eine Branchenarbeit an, die Reiche selbst als Dialog startet. Arbeitsgruppen sollen eine Raffineriestrategie ausarbeiten; Ergebnisse erwartet sie im ersten Quartal 2027. Grundlage ist zudem ein Binnenbild der Kapazitäten: Nach Angaben des Ministeriums gibt es in Deutschland elf Raffineriestandorte mit einer Verarbeitungskapazität von gut 92 Millionen Tonnen Rohöl pro Jahr. Diese Kapazitäten decken laut Ressort einen wesentlichen Teil des Bedarfs im Straßen-, Luft- und Schiffsverkehr und liefern zudem wichtige Ausgangsstoffe für die Industrie. Dass hier die industriepolitische Brille dominiert, zeigt sich auch daran, dass das Ministerium internationale Konflikte und Angriffe auf Energieinfrastruktur als Beleg für die Notwendigkeit einer widerstandsfähigen Versorgung heranzieht.

Parallel zur Sicherung der Menge verschiebt sich auch die technische Zielrichtung: Das Ministerium betont, Raffinerien müssten ihre Anlagen schrittweise umbauen, um den Bedarf zunehmend aus nachhaltigen statt aus fossilen Quellen zu decken. Gleichzeitig macht es den Kapitalbedarf explizit: Investitionen seien in Milliardenhöhe erforderlich. Damit rückt die zweite Achse in den Fokus, die im Markt oft über Gewinner und Verlierer entscheidet: nicht nur „ob“ Raffinerien bestehen bleiben, sondern „wie“ sie den Umbau finanzieren und in welchen Zeithorizonten sie Emissionsziele erreichen können. Genau hier setzt auch der Blick der Gewerkschaft und der Verbände auf die wirtschaftliche Tragfähigkeit an, denn steigende Anforderungen treffen bei knappen Margen häufig zuerst die Investitionsfähigkeit.

Michael Vassiliadis, Vorsitzender der Chemiegewerkschaft IGBCE, ordnet die Debatte deshalb breiter ein. Raffinerien seien „weit mehr als Produzenten für Benzin, Diesel oder Heizöl“, sagte er; sie seien ein unverzichtbarer Bestandteil der Souveränität und Versorgungssicherheit. Diese Perspektive deckt sich mit der Sorge, dass eine strategische Infrastruktur zwar politisch gewollt ist, wirtschaftlich aber an Belastungen scheitern kann. Christian Küchen, Hauptgeschäftsführer des en2x-Wirtschaftsverbands Fuels und Energie, sieht die Strategie deshalb auch mit Blick auf Verkehr, Wärme und Grundstoffe als bedeutend; zugleich sei der Wettbewerbsdruck hoch. Dazu kommen laut Verband zunehmende Lasten aus dem EU-Emissionshandel, weshalb Vassiliadis eine Reform des Emissionshandels fordert: „Wir müssen einen Weg finden, das Ganze wirtschaftlich handhabbar zu machen“, andernfalls drohe eine Abwanderung von Firmen.

Reiches jüngster Schwerpunkt liegt jedoch nicht nur auf dem Emissionshandel, sondern auch auf der konkreten Ausgestaltung von Klimaschutzregeln in der EU. Sie kritisiert erneut Pläne der EU-Kommission zur Durchsetzung von Klimaschutzvorschriften in der Öl- und Gasindustrie, namentlich die Methanverordnung. Ihre Warnung richtet sich an die Folgen für die Raffinerien: „Das werden wir nicht zulassen.“ Entscheidend ist dabei die politische Balance, die Reiche formuliert: Das Energiesystem solle klimaeffizienter werden, aber Versorgungssicherheit müsse „unter maximalem Stress noch gewährleistet“ sein. Für Unternehmen bedeutet das: Die anstehende Raffineriestrategie dürfte nicht nur Kapazitäten adressieren, sondern auch die Frage, welche Regulierungskombination im Übergang zwischen fossiler Versorgung und nachhaltiger Produktion realistisch finanzierbar bleibt.

Unterm Strich verschiebt sich die Debatte von einer rein mengenbezogenen Diskussion hin zu einem Paket aus Standortpolitik, Investitionsplanung und Regulierungsdesign. Die nächsten Monate und insbesondere die Arbeit bis zu den erwarteten Ergebnissen im ersten Quartal 2027 werden zeigen, wie der Zielkonflikt zwischen Dekarbonisierungspfaden und Versorgungssicherheit operationalisiert wird. Für die Branche heißt das: Kapazitätsplanung und Umbau-Roadmaps müssen künftig stärker an Krisenszenarien ausgerichtet werden, während gleichzeitig die Kostenmechanik aus CO₂-Bepreisung und Importrisiken im Blick bleibt. Genau in dieser Schnittstelle entscheidet sich, ob Raffinerien in Deutschland als strategische Infrastruktur nicht nur erhalten, sondern auch zukunftsfähig gemacht werden.

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