HILLEGOM / LONDON (IT BOLTWISE) – Sofie De Kruijff zeigt in ihrem Reihenhaus, wie sich ein Altbau von 1906 mit satten Farben, weichen Stoffen und mutigen Mustern in ein gemütliches Familien-Zuhause verwandeln lässt. Sie ließ den Grundriss in der Küche bewusst bestehen und investierte stattdessen in hochwertige Materialien wie Dekton-Arbeitsplatten, eine Nussbaumrückwand und grafische Wandverkleidung. Im Wohnzimmer bildet ein drehbarer Kamin das Herzstück, darum gruppieren sich ein u-förmiges Sofa und textile Elemente, die auch die Raumakustik verbessern. Entscheidend ist für sie weniger Perfektion als „Zeit“: Ein Zuhause entwickelt sich mit den Menschen darin.

Sofie De Kruijffs Reihenhaus in Hillegom wirkt auf den ersten Blick wie ein Versprechen an alle, die große Einrichtungspläne bislang als zu riskant empfunden haben. Das Haus stammt aus dem Jahr 1906, umfasst 140 Quadratmeter auf drei Etagen und wird von der Familie mit Kindern und Hund belebt. Von außen liegt die Ruhe der niederländischen Umgebung nahe: Draußen ruhen die Felder, drinnen dagegen leuchten warme, bunte Töne das ganze Jahr über. Genau darin steckt die Kernidee ihres Konzeptes: Farben sollen nicht dekorieren, sondern Räume so „umarmen“, dass sie im Alltag funktionieren – und trotzdem elegant bleiben.
Technisch betrachtet beginnt der Wandel bei ihr nicht mit einem radikalen Umbau, sondern mit dem Umbau des Erwartungshorizonts. Die Vorbesitzer hatten das Haus bereits „weiß“ saniert – eine Oberfläche, die Sofie als leere Leinwand beschreibt. Statt sofort alles zu zerlegen, nutzt sie eine Strategie, die viele Renovierungen scheitern lässt: Sie arbeitet schrittweise mit dem Zusammenspiel aus Farbe, Stoff und Tapete. In der Küche blieb der ursprüngliche Grundriss erhalten, während das Umfeld gezielt neu gerahmt wurde. So entstanden neue Blickachsen, ohne dass die funktionale Struktur verloren ging. Im Ergebnis wirkt die Küche nicht wie ein Fremdkörper, sondern wie ein Teil eines durchdachten Gesamtkonzeptes.
Besonders deutlich wird das an den konkreten Materialentscheidungen. Für die Arbeitsplatten setzte Sofie auf Dekton-Arbeitsflächen im Naturstein-Look und kombinierte sie mit einer Nussbaumrückwand an der Insel. Messingbeschläge geben dem Ganzen eine warme Metallnote, und auch die farbliche Bandbreite bleibt präsent: Ein rosa Kochfeld setzt einen bewusst sichtbaren Akzent, dazu kommt eine grafische Textiltapete als Hintergrundkulisse. Dass sie dafür nicht die komplette Küche herausriss, ist dabei mehr als eine Kosten- oder Schonentscheidung. Es geht um Wirkung: Mit hochwertigen Oberflächen, klaren Farbsignalen und einer stärkeren visuellen Textur wird aus dem funktionalen Raum ein Treffpunkt. Sofies Küche mischt damit die Anmutung eines Boutiquehotels mit dem entspannten Lebensgefühl der 1970er-Jahre – nicht über Stilkopien, sondern über ein stimmiges Material- und Farbspiel.
Im Ess- und Wohnbereich setzt sich dieser Ansatz fort, nur verschiebt sich der Fokus von Oberfläche auf Haptik und Akustik. Am Essplatz sind Sitzbank und Stühle ebenfalls stoffbezogen, ergänzt durch textile Lampenschirme und Leuchten mit Fransen oder Sisalobjekte. Das ist nicht nur „cozy“ im emotionalen Sinn, sondern hat eine technische Nebenwirkung: Stoffvolumen kann Schall dämpfen und den Hall reduzieren. Wer schon einmal in einem halligen Raum aus harten Flächen gesessen hat, weiß, wie schnell sich dadurch der Eindruck von Lautstärke und Unruhe verstärkt. Hier tragen Vorhänge, Textilien und die textile Gesamtkomposition dazu bei, dass Gespräche näher und entspannter wirken. Gleichzeitig bleibt der Look nicht bei einer einzigen Stilrichtung stehen: Teppich, Kissen und Tapeten dürfen verschiedene Dessins zeigen, solange die Farbpalette aus Rosa, Gelb, Aubergine, Grün, Ocker und Orange den Zusammenhalt liefert.
Das Wohnzimmer bekommt seine dramaturgische Mitte über ein weiteres Element, das in der Einrichtung oft unterschätzt wird: den Kamin. Sofie nutzt einen drehbaren „Ergofocus“-Kamin – das Herzstück, um das die Möbel sinnvoll herum gruppiert werden. Weil dadurch kein großer Couchtisch mehr passte, wählte sie stattdessen ein u-förmiges Sofa mit verschiedenen Modulen, das den Ofen umgibt. Kleine Beisteller übernehmen die Funktion der Ablage und halten den Bereich flexibel, je nachdem, ob man sich unterhält, liest oder einfach nur zusammensitzt. Auf der Ebene der Raumwirkung verbindet das u-förmige Arrangement mehrere Tonlagen: Es ist eine lange Samtliegewiese in verschiedenen Farben, dazu kommen textile Faltrollos und bodenlange Vorhänge. Diese Kombination erzeugt eine weiche Kontur, die selbst bei klaren Mustern nicht hart wirkt.
Auch im oberen Bereich folgt Sofie ihrem Prinzip, nicht alles neu zu erfinden, sondern gezielt neue Spannung in bestehende Strukturen zu bringen. Im Bad schwebt ein spa-artiger Gedanke mit Marmor und dunkelroten Wänden, während im Schlafzimmer Pfirsich- und Gelbtöne miteinander mischen. Die Kinderzimmer zeigen dann, wie konsequent sie Muster und Farbideen als Entwicklungsraum nutzt: Sohn Kick schläft unter viel Blau, Tochter Dirkje unter einem Märchenwaldpanorama und Pastellfarben. Entscheidend ist nicht, dass jeder Raum ein anderes Statement setzt, sondern dass sie alle über dieselbe gestalterische Logik verbunden sind. Ihre Leitidee bringt sie selbst auf den Punkt: Ein Zuhause ist nicht „fertig“. Die besten Interieurs brauchen Zeit, weil sie sich mit dem echten Leben darin anpassen müssen.
Für die Praxis lässt sich daraus mehr als nur eine ästhetische Inspiration ableiten. Sofies Ansatz zeigt, dass „gemütlich“ nicht automatisch bedeutet, dass man Material und Investitionsbudget klein hält. Im Gegenteil: Sie setzt bewusst auf robuste und zugleich hochwertige Elemente – etwa bei Oberflächen und Wandverkleidung – und schafft dadurch Langlebigkeit. Gleichzeitig bewahrt sie Durchgänge und Grundrisslogik, was bei Familienhäusern entscheidend ist, wenn sich Routinen über Jahre verändern. Für Renoviererinnen und Renovierer ist das vor allem eine Entlastung: Man muss nicht jede Wand bewegen, um einen Raum neu wirken zu lassen. Oft reichen ein paar starke Entscheidungen an den richtigen Stellen – Farben, Texturen, Materialkontraste und ein klares Zentrum wie der Kamin – um aus einem „leeren“ Startpunkt ein Zuhause zu machen, in dem sich alle wiederfinden.
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