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LONDON (IT BOLTWISE) – Forschende rekonstruieren, wie das Wachstum der Barnes-Eiskappe auf der Baffininsel über fast zwei Jahrtausende anlief und erst um 1960 abrupt stoppten. Die Analyse konservierter Pflanzenreste zeigt, dass die nächste Kaltphase bereits vorbereitet war. Gleichzeitig datiert die Kombination aus Radiokarbon und Isotop-Beryllium-10, wann die Oberfläche wieder eisfrei wurde. Der Befund ordnet den Klimawandel damit nicht nur als globale Erwärmung, sondern als frühen Eingriff in den zeitlichen Ablauf künftiger Vergletscherungen ein.

Barnes-Eiskappe: Menschliche Treibhausgase stoppten Kaltzeit-Wachstum um 1960
Barnes-Eiskappe: Menschliche Treibhausgase stoppten Kaltzeit-Wachstum um 1960 (Foto: IT BOLTWISE)
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Auf der Baffininsel wirkt der Klimawandel nicht nur als langsames Schmelzen, sondern als Eingriff in einen natürlichen Rhythmus. Laut einer Studie, die auf Messungen an der Barnes-Eiskappe basiert, begann vor rund 2.000 Jahren erneut Eis nachzuwachsen, nachdem der letzte Überrest des nordamerikanischen Laurentidischen Eisschilds bereits über Jahrtausende geschrumpft war. Die Forschenden leiten daraus ab, dass sich die Region in Richtung der nächsten Kaltzeit bewegt hatte – bis menschliche Treibhausgasemissionen den Prozess um das Jahr 1960 abbrachen. Damit entsteht ein Bild, in dem die natürliche Entwicklung nicht „über den Kopf hinweg“ läuft, sondern an einem konkreten Zeitpunkt in den Hintergrund tritt.

Technisch spannend ist vor allem, wie sich dieser Wendepunkt überhaupt belegen lässt. Normalerweise ist der Zeitpunkt des tiefsten Vorstoßes eines Eisschilds schwer zu rekonstruieren, weil vorrückende Gletscher älteres Material abtragen, etwa wie mit einem Hobel. Die Barnes-Eiskappe bildet in dem untersuchten Bereich jedoch sogenannte kalte Gletscher: Das Eis ist an der Unterseite fest am felsigen Untergrund angefroren, sodass beim Wachstum eine Decke aus Moosen und Zwergsträuchern konserviert bleibt. Während sich der Eisrand zwischen 1960 und 2022 um 200 bis 800 Meter zurückzog, kamen die eingeschlossenen Pflanzenreste wieder frei – und lassen sich mit der Radiokarbonmethode auf den Zeitpunkt ihres Absterbens datieren.

Für die räumliche Einordnung liefern die Daten zusätzlich eine zweite Messsäule, die auf kosmischer Strahlung beruht. Neben 88 Pflanzenproben untersuchte das Team um Nicolás Young und Joerg Schaefer auch umliegende Felsen und Findlinge auf das Isotop Beryllium-10 (10Be). Dieses entsteht in Gestein nur dann in messbarer Menge, wenn die Oberfläche für eine Zeit unter freiem Himmel der kosmischen Strahlung ausgesetzt ist, also eisfrei liegt. Zusammen zeigen die Kombinationen, wann die Region hinter die heutige Randlinie des Laurentidischen Eisschilds zurückging und wann sie wieder in eine Phase überwiegend eisbedeckter Bedingungen überwechselte. So ergibt sich, dass der Rückzug vor rund 3.560 Jahren einsetzte und die geringste Ausdehnung zwischen etwa 3.000 und 2.000 Jahren erreicht wurde, bevor die arktischen Sommer durch Schwankungen der Erdbahn und sinkende Sonneneinstrahlung abkühlten.

Diese Abfolge ist auch deshalb bemerkenswert, weil sie den Unterschied zwischen dem beschreibt, was im Alltag als „Eiszeit“ bezeichnet wird, und was die Fachwelt meint. In der Klimageologie wird präziser von Kaltzeiten gesprochen: Zeitraum, in denen Gletscher und Eisschilde weit über Kontinente vorrücken, in einem laufenden Eiszeitalter mit ganzjährig vereisten Polen. Die Region auf der Baffininsel scheint genau in eine solche Kaltzeit-Hochphase geraten zu sein, denn als die regionale Schneegrenze vor rund 2.000 Jahren zurück sank und bis zum Plateau der Baffininsel hinabsank, wuchs das Eis erneut. Gleichzeitig deuten die Datierungen darauf hin, dass etwa 70 Prozent der Pflanzenproben um das Jahr 1800 während der kältesten Sommer der sogenannten Kleinen Eiszeit abstarben – also in einem Zeitraum, in dem der wachsende Eisschild seiner späteren Höchstgrenze aus dem Jahr 1960 bereits nahekam.

Der zentrale Befund für die Gegenwart kommt dann über das Timing der Abkehr. Düngere Eiskappen der Region hätten bereits ab Mitte des 19. Jahrhunderts auf den beginnenden Anstieg der Treibhausgase reagiert, wie die Forschenden einordnen. Die Barnes-Eiskappe dagegen hielt ihr Wachstum durch verzögerte Rückkopplungen noch bis 1960 aufrecht, bevor die weiter steigende Konzentration von Kohlendioxid und Methan das Verhältnis aus winterlichem Schneefall und sommerlicher Schmelze ins Negative drehte. Interessant ist auch die historische Messperspektive: Als Glaziolog: innen in den 1950er- und 1960er-Jahren erste Vermessungen durchführten, galt der Gletscher zunächst fälschlicherweise als dauerhaft stabil, weil der Messzeitraum genau den kurzen Moment erfasste, in dem natürliche Abkühlung und menschengemachte Erwärmung sich zeitweise überlagerten.

In der Klimaforschung bleibt zugleich eine Definitionsfrage offen: Ob das zweitausendjährige Wachstum auf der Baffininsel bereits als neue Kaltzeit im strengen Sinn zählt, hängt von Modellen und ihren Schwellen ab. In verbreiteten Computermodellen beginnt die nächste Kaltzeit demnach später, oft erst dann, wenn nördliche Eisschilde so viel Wasser binden, dass der globale Meeresspiegel merklich fällt. Young und Kolleg: innen setzen dagegen, dass dieser Maßstab den realen Beginn des Eiswachstums ausblendet, und verweisen dabei auf eine neuere Untersuchung zu Tiefseesedimenten, die den Wendepunkt der Warmzeit ebenfalls im Zeitraum der vergangenen 1.800 Jahre verortet. Auch wenn die globale Wirkung solcher Rückkopplungen erst nach Jahrtausenden deutlich geworden wäre, liefert die Barnes-Eiskappe damit eine späte, konkrete Erklärung für die Warnungen der 1970er-Jahre vor einer nahenden Eiszeit.

Für die Zukunft folgt daraus weniger ein abstrakter „Alarm“, sondern eine messbare Konsequenz für genau diese Eiskappe. Der Befund lautet: Der Schwund ist seit den 1960er- und 1980er-Jahren deutlich, und Modelle deuten darauf hin, dass die Barnes-Eiskappe seit 2010 ihr gesamtes Nährgebiet für neues Eis verloren hat. In der Folge dürfte sie in den kommenden Jahrhunderten vollständig abschmelzen. Da diese Eismasse über Jahrmillionen als kalte Keimzelle und Starthilfe für neue Vergletscherungen Nordamerikas diente, verändert ihr Verschwinden auch den historischen Ausgangspunkt künftiger Kaltzeiten. Für Unternehmen und öffentliche Einrichtungen ist das vor allem relevant, weil sich Klimarisiken damit nicht nur als langes Erhitzen zeigen, sondern als Unterbrechung von geophysikalischen Pfaden, die lange stabil wirkten – und die Planungssicherheit in vielen Bereichen entsprechend sinkt.

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