HANNOVER/WOLFSBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Volkswagen verschärft die Debatte um den geplanten Stellenabbau im Zuge seines Zukunftsplans, während die Tarifverhandlungen erst im November starten. Nach einem ersten Überprüfungsgespräch nennt das Management eine Zielmarke für den Abbau von weiteren 12.000 Stellen bis 2030, zusätzlich zu den bereits bis Ende des Jahrzehnts geplanten 35.000 Stellen. IG Metall und Betriebsrat reagieren scharf und rechnen für die Zeit nach dem Ende der Friedenspflicht mit Eskalationsszenarien. Der erste Verhandlungstermin findet am 24. November in Emden statt, fortgesetzt wird am 15. Dezember in Zwickau.

Volkswagen bereitet den nächsten Schritt im Zukunftsprogramm nicht in Ruhe vor, sondern unter zeitlichem Druck. Zwar beginnen die Tarifverhandlungen zwischen dem Konzern und der IG Metall offiziell erst im November, doch das Unternehmen hat bereits im Vorfeld die Richtung markiert: Im Rahmen eines zweiten Überprüfungsgesprächs ging es nach Angaben der Beteiligten vor allem um eine Bestandsaufnahme. Auffällig ist dabei, dass das Management erstmals eine konkrete Zielmarke für den Personalabbau bei der Kernmarke genannt hat. Damit rückt der Konflikt vom abstrakten Sparprogramm in den Bereich, in dem Belegschaft, Betriebsrat und Gewerkschaft ihre nächsten Handlungsoptionen planen.
Technisch betrachtet wirkt der Zukunftsplan vor allem wie ein Betriebs- und Organisationsprojekt mit messbaren Effizienzhebeln: Einsparungen sollen in zweistelligen Milliardenhöhen liegen, gleichzeitig wird von einer tiefgreifenden Transformation gesprochen. Ein zentraler Baustein ist der Abbau von rund 50.000 Jobs, der zu den bereits zuvor kommunizierten Plänen hinzukommen soll. Im Personalbereich setzt Volkswagen dabei unter anderem auf Transfergesellschaften, also organisatorisch befristete Auffangstrukturen, in denen Beschäftigte neue Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt entwickeln sollen. Für die Umsetzung heißt das: Die HR-Prozesse, Qualifizierungsprogramme und die Steuerung von Standort- und Rollenprofilen müssen so verzahnt werden, dass Übergänge planbar bleiben, obwohl die wirtschaftliche Lage sich nach Angaben aus der Unternehmensleitung drastisch verschlechtert hat.
Die wirtschaftliche Lage ist dabei nicht nur ein abstrakter Treiber, sondern hat eine sehr konkrete zeitliche Logik. Beim Volkswagen-Standort werden weitere 12.000 Stellen bis 2030 sozialverträglich abgebaut, während bereits mehr als 35.000 Arbeitsplätze bis zum Ende des Jahrzehnts wegfallen sollen. Die Beschäftigungssicherung bis Ende 2030 soll demnach trotz der schwierigen Lage bestehen bleiben. Genau an dieser Schnittstelle entsteht der politische und verhandlungstechnische Konflikt: Wenn die Sicherung bis 2030 gilt, aber gleichzeitig ab 2026/27 über neue Tarifregeln gestritten werden kann, wird die Frage nach dem „Wie“ des Übergangs zum zentralen Streitpunkt. Es geht damit nicht allein um Löhne oder Zulagen, sondern um Gestaltungsspielräume für Beschäftigungsmodelle, Qualifizierung und die künftige Einsatzflexibilität.
Schon die Vorphase der Verhandlungen zeigt, wie stark der Prozess eskaliert sein könnte. Volkswagen hat nach dem ersten Überprüfungsgespräch Ende September zehn Tarifverträge gekündigt und damit fast alle Vereinbarungen des VW-Haustarifs adressiert. In den gekündigten Verträgen geht es unter anderem um Arbeitszeiten, Urlaubstage und Zulagen, also um Themen, die im Alltag unmittelbar spürbar sind. Aus Unternehmenssicht soll dadurch ein Verhandlungsraum entstehen, um angesichts des Kostendrucks verschiedene Regelungen anpassen zu können. Konkrete Forderungen nannte das Management zwar zunächst nicht vollständig, doch inhaltlich wurde ein Gespräch über wettbewerbsfähige Arbeitskosten sowie über Veränderungsbereitschaft und flexibleren Personaleinsatz angekündigt. Für die rund 130.000 Beschäftigten in Deutschland wird damit die Tarifrunde nicht zu einer klassischen punktuellen Anpassung, sondern zu einem großen Umbau der Rahmenbedingungen.
Die Reaktion der Arbeitnehmerseite fällt entsprechend deutlich aus. IG-Metall-Betriebsratschefin Daniela Cavallo bezeichnete das Vorgehen als „Riesenaffront“, während IG-Metall-Bezirksleiter Thorsten Gröger die Kündigungen als Vertrauensbruch bewertet. Er fordert, die gekündigten Verträge rückgängig zu machen, damit konstruktive Gespräche möglich seien. Gleichzeitig kündigt Gröger an, dass andernfalls eine „gewaltige Maschinerie“ anläuft, die den Arbeitskampf vorbereitet. Das ist weniger nur Rhetorik, sondern ein Signal für die Zeitplanung: Der erste Tarifverhandlungstermin ist für den 24. November in Emden angesetzt, die Fortsetzung folgt am 15. Dezember in Zwickau. Damit liegen die nächsten Belastungspunkte unmittelbar vor den Phasen, in denen Warnstreiks typischerweise realpolitisch wirksam werden können, zumal die Friedenspflicht am 31. Dezember endet.
Für die technische und wirtschaftliche Bewertung lohnt außerdem der Blick darauf, welche Themen die Gewerkschaft in der Tarifrunde als Hebel sehen könnte. Gröger nennt zunächst fünf Prozent mehr Geld als Forderung, verweist aber zugleich darauf, dass es dabei nicht zwingend bleiben müsse. Aus seiner Sicht eröffnet die Kündigung der Verträge den Raum, weitere Änderungen anzugehen oder bestehende Regelungen zu verbessern. Als Beispiele nennt er eine Verlängerung der Altersteilzeit-Regelungen und die Frage, wie weit die Beschäftigungssicherung in die 2030er Jahre hinein fortgeschrieben werden könnte. In der Konsequenz wird die Verhandlung damit auch zur Debatte über den Umbau der Belegschaft in eine neue Struktur: Wenn weniger Arbeitsplätze entstehen, müssen gleichzeitig Qualifizierungswege, Einsatzprofile und Übergänge in anderen Bereichen (etwa Produktion, Instandhaltung oder indirekte Prozesse) so organisiert sein, dass die Transformationslogik des Konzerns nicht an der Personalrealität scheitert.
Alles deutet derzeit auf eine große Verhandlungsphase hin, in der Standortfragen nicht „aus Versehen“ mitverhandelt werden, sondern offen auf dem Tisch landen. In den Unternehmenskreisen heißt es sinngemäß, dass Themen zusammenhängen und deshalb nicht getrennt behandelt werden. Das ist auch strategisch nachvollziehbar: Wenn in verschiedenen Verhandlungsrunden die gleichen Akteure aufeinandertreffen, entsteht ein Verhandlungssystem mit wiederkehrenden Positionen und Gegenleistungen. Für Volkswagen bedeutet das wiederum, dass die interne Planungsfähigkeit unter Unsicherheit leidet: Schon die Hoffnung auf ein schnelles Ergebnis wird laut Berichten begleitet von der realistischen Erwartung, sich auf Warnstreiks einzustellen. Gröger sagt, die IG Metall bereite die Eskalation vor, „nicht weil man es wolle“, sondern weil man darauf eingestellt sein müsse. Für Unternehmen und Zulieferketten rund um die bedrohten Werke bleibt damit die wichtigste Frage nicht nur, ob es zu harten Maßnahmen kommt, sondern wie schnell ein tragfähiger Kompromiss bei Arbeitskosten, Flexibilisierung und Zukunftssicherung in der Tarifrunde 2026/27 gefunden werden kann.
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