LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Datenanalyse ordnet rund 11,1 Millionen Bitcoin (ca. 55 % der etwa 20,1 Millionen geminten Coins) keiner bekannten Entität zu. Die Studie spricht damit weniger für eine konzentrierte Institutionenstruktur als für anhaltende Selbstverwahrung über viele Jahre. Zugleich bleibt offen, welcher Anteil tatsächlich dauerhaft von privaten Haltern kontrolliert wird und wie viele Coins durch Verlust, Vergessen oder komplexe Verwahrung nicht mehr zurückverfolgbar sind. Für Unternehmen und Investoren wird damit die Transparenzfrage bei On-Chain-Analysen noch relevanter.

Rund 11,1 Millionen Bitcoin gelten in einer aktuellen On-Chain-Auswertung als „unattributed“: also in Adressen geparkt, die sich nicht mit einer Börse, einem Fonds, einer Regierung oder anderen etablierten Akteuren verknüpfen lassen. Das entspricht etwa 55 % der ungefähr 20,1 Millionen geminten BTC und wirkt auf den ersten Blick wie ein Widerspruch zu dem Eindruck, der in den letzten Jahren durch mehr institutionelles Kapital entstanden ist. Denn wenn Börsen, Verwahrer und Fonds kontinuierlich wachsen, sollte man intuitiv erwarten, dass ein größerer Teil des Angebots auch analytisch sauber zugeordnet werden kann. Die Zahlen deuten jedoch darauf hin, dass viele Coins weiterhin außerhalb dieser zentral identifizierbaren Sphären liegen.
Technisch betrachtet liegt der Kern des Problems nicht im Fehlen von Daten, sondern in der Natur der Adressierung auf der Bitcoin-Blockchain: Jede Transaktion landet in einem öffentlichen Ledger, die Adressen zeigen Guthaben, doch die Identität dahinter bleibt zunächst verborgen. Eine Adresse ist dabei funktional wie eine Kontonummer – sichtbar in der Buchführung, anonym in der Zuordnung. On-Chain-Research-Firmen versuchen deshalb, anhand von Wallet-Mustern und bekannten Verhaltensweisen Verbindungen zu bekannten Entitäten herzustellen. Gelingt das, werden Bestände als „attributed“ geführt; gelingt es nicht, landen sie in Kategorien wie „unattributed“ oder ähnlich gelagerten Unsicherheitsklassen. Genau diese Trennschärfe ist entscheidend, weil sie aus der Blockchain allein keine persönliche Kontrolle ableiten kann, sondern nur die Wahrscheinlichkeit, ob ein Cluster zu einer bekannten Betriebsstruktur gehört.
Aus der Marktlogik heraus passt die Größenordnung trotzdem zu einem längeren Trend: Selbstverwahrung („self-custody“) bedeutet, dass Nutzer ihre eigenen Schlüssel verwalten – statt Coins einer Börse, einem Fonds oder einem institutionellen Verwahrer zu überlassen. Wenn ein erheblicher Teil der Coins in Wallets liegen, die sich nicht eindeutig als Börsen- oder Fondsadresse charakterisieren lassen, lässt sich daraus eine verbreitete Praxis ableiten, bei der private oder nicht eindeutig identifizierte Akteure weiterhin Kontrolle über ihre Schlüssel behalten. In diesem Kontext argumentieren Branchenstimmen auch, dass der institutionelle Einstieg eher die Anbieterseite stärkte, während die Nutzerseite im Kern weiterhin einen relevanten Anteil an Coins bei sich behält. Für Anleger heißt das: Die Bitcoin-Verteilung lässt sich zwar im öffentlichen Buchungsstil beobachten, aber nicht in derselben Weise „besitzen“ im Sinne von juristischer oder organisatorischer Zuordnung.
Gleichzeitig fordert die Analyse eine wichtige Einschränkung ein: Der gesamte nicht zuordenbare Block muss nicht automatisch „long-term private Selbstverwahrung“ bedeuten. Ein Teil könnte aus Coins bestehen, die wahrscheinlich verloren sind – etwa weil Inhaber ihre Schlüssel nicht mehr abrufen können, Wallets nie wieder genutzt wurden oder die Zugriffswege bei Todesfällen ins Leere laufen. Ein weiterer Anteil kann aus frühen Mining-Phasen stammen, in denen Strukturen und Akteurslandschaften anders waren als heute. Dazu kommen institutionelle Beteiligungen, die sich eher über komplexe Verwahrungsketten und Aufteilung über viele Adressen abbilden, sodass sie sich nicht mit einem einzelnen Muster als klarer Fonds- oder Firmenbestand erkennen lassen. Auch über dem OTC-Ökosystem (Over-the-Counter) gelagerte Transfers sind als Gedankengerüst relevant: Wenn große Trades abseits regulärer Börsenprozesse in Verteilungs- und Treuhandstrukturen münden, sind die resultierenden Adressmuster für Wallet-Cluster-Ansätze häufig schwieriger zuzuordnen.
Das Gegenstück ist der übrige Teil des Angebots, der sich in der Auswertung mit bekannten Entitäten verbinden lässt. Dieser Block macht rund 45 % aus und umfasst dabei auch prominent identifizierte Gruppen wie Börsen sowie tokenisierte bzw. indirekte Investmentstrukturen, die in der Öffentlichkeit stark mit Schlagzeilen zu ETFs verknüpft werden. Hinzu kommen staatliche Bestände, sofern sie analytisch als solche erkennbar sind, sowie der größte klar markierte Einzelblock, der mit dem „Satoshi-era miner pattern“ verknüpft wird. Auffällig ist dabei weniger, dass es bekannte große Halter gibt – sondern dass selbst bei starkem Medienecho über institutionelle Produkte der analytisch „benennbare“ Anteil offenbar nicht dominiert. Die Botschaft: Der öffentlich sichtbare Markt ist nicht automatisch gleichbedeutend mit einer ebenso eindeutig zuordenbaren Eigentümerlandschaft.
Für Unternehmen und Research-Teams ergibt sich daraus eine praktische Konsequenz: Transparenz auf der Blockchain ist hoch, aber „wirtschaftliche Transparenz“ im Sinne von Eigentümerlogik erfordert zusätzliche Annahmen und Modellierung. Wenn selbst ein großer Mehrheitsanteil nicht eindeutig zugeordnet werden kann, sollten Risikomodelle, Compliance-nahe Prüfpfade und interne Due-Diligence-Prozesse On-Chain-Analysen nicht als Endbeweis, sondern als Indikatorensystem behandeln. Gerade bei Treasury-Entscheidungen oder bei der Bewertung von Liquidität in bestimmten Adressbereichen ist es sinnvoll, Unsicherheitsklassen explizit mitzudenken. Neben der Marktkommunikation über institutionelle Akzeptanz bleibt damit ein zweiter Faktor bestehen: die organisatorische Fähigkeit, Schlüssel- und Verwahrstrategien langfristig durchzuhalten.
Auch wenn der Datensatz hier nur eine Momentaufnahme darstellt, verändert die Größenordnung die Diskussion um Selbstverwahrung. Wenn etwa die Hälfte der geminten Coins in nicht zuordenbaren Adressen liegt, wird die Frage nach „wer hält Bitcoin“ untrennbar mit „wie werden Schlüssel verwaltet“ und „wie sind Coins in Verwahrungsketten verteilt“ verknüpft. In einer Welt, in der KI-gestützte Analysemethoden zunehmend besser darin werden, Wallet-Verhalten zu klassifizieren, bleibt die Herausforderung dennoch: Ohne eindeutige Identitätsbrücken bleiben viele Adressen analytisch anonym. Für die nächsten Entwicklungen bedeutet das vor allem eins: Der Fortschritt bei der Zuordnung wird weniger von mehr Daten abhängen, sondern von besseren Zuordnungsmodellen, sauberer Segmentierung und einem realistischen Umgang mit Lost-Coins- und Multi-Custody-Szenarien.
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