LONDON (IT BOLTWISE) – Galaxy Research sieht das Tief im Bitcoin-Bärenmarkt im Juni erreicht und beschreibt nun eine Akkumulationsphase. Die Argumentation stützt sich auf Chart-Muster rund um den 50-Wochen-Durchschnitt, Halving-Zyklen und On-Chain-Indikatoren wie die Relation von Markt- zu realisiertem Wert. Gleichzeitig verweist das Research-Team auf einen schwierigeren Makromix aus hohen US-Renditen und ETF-Flows, der der These kurzfristig Grenzen setzt.

Die These, dass der Bärenmarkt bei Bitcoin bereits beendet sein könnte, klingt aktuell weniger nach reiner Wette als nach einem datengetriebenen Risiko-Check. In einem aktuellen Bericht argumentiert Alex Thorn, Research-Chef von Galaxy, Bitcoin habe im Juni ein Bottom ausgebildet und befinde sich seitdem in einer Phase, in der Marktteilnehmer eher sammeln als aussteigen. Für Anleger wirkt das zunächst wie eine fundamentale Kursentscheidung; technisch betrachtet liefert die Begründung aber vor allem Indikatoren, die den Übergang von „Kapital flieht“ zu „Positionen werden aufgebaut“ sichtbar machen sollen.
Ein Kernpunkt ist der Blick auf die Trendmarke rund um den 50-Wochen-Durchschnitt. Laut Thorn lag Bitcoin 44 Wochen unter diesem gleitenden Mittelwert, bevor die Aktie/der Kurs den Durchschnitt im September zurückeroberte; die Woche bis zum 18. Oktober markierte dann den fünften geraden wöchentlichen Close oberhalb der Linie. Historisch ist das kein komplett neues Muster: Seit 2011 habe Bitcoin den Durchschnitt nach Phasen von mindestens 20 Wochen unterhalb viermal wieder zurückgeholt. Entscheidend ist dabei, wie stark der Kurs im Anschluss typischerweise wieder nach unten korrigiert – in den genannten Fällen habe Bitcoin nicht mehr als 8,4% unter dem Rückeroberungsniveau geschlossen, bevor später erneut frühere Hochs erreicht worden seien.
Neben den Charts zieht Thorn den Halving-Zyklus als zweiten Taktgeber heran, also jenes ungefähr vierjährige Ereignis, bei dem die Miner-Belohnungen halbiert werden und damit die Frischzufuhr neuer Coins sinkt. Die drei vorherigen Bottoms sollen zwischen 777 und 912 Tagen nach einem Halving aufgetreten sein; laut Bericht lag der Donnerstag im aktuellen Kontext bei Tag 916. Auffällig ist außerdem die Tiefe des jüngsten Abschwungs: Mit einem Rückgang von 53% sei das bislang „flachste“ Abwärtsbild im Vergleich zu früheren Zyklen gewesen, die stärker ausgeprägt waren. Diese Kombination aus Timing (Tage nach dem Halving) und geringerer Verlustspanne soll das Narrativ stützen, dass der Markt nicht nur „technisch“ steigt, sondern das Abwärtsrisiko bereits am Ende seines Zyklus angelangt sein könnte.
Technisch wird es dann besonders interessant, weil Thorn auch On-Chain-Daten als Plausibilitätsprüfung nutzt. Für den Bericht ist dabei ein Indikator zentral: Zum ersten Mal in einem Bärenmarkt soll Bitcoins „Marktwert“ nicht unter den „realized value“ gefallen sein, also unter den Durchschnittspreis, zu dem die Coins zuletzt bewegt wurden. Die Relation zwischen Markt- und realisiertem Wert sei bei 1,10 auf ein Tief gefallen; frühere Zyklen hätten hier Tiefs von 0,56, 0,69 und 0,75 gezeigt. Auch im Verhalten kurzfristiger Halter steckt eine lesbare Geschichte: Die Coins, die die Erholung ab dem Preisniveau von 58.525 US-Dollar getragen haben, hätten einen durchschnittlichen Kostenpunkt von 74.811 US-Dollar und lägen damit rund 9% im Plus. Gleichzeitig deute die „spent-output profit ratio“ mit 1,009 darauf hin, dass deutlich weniger Coins zu Gewinnen verkauft werden als in klassischen Stressphasen zu erwarten wäre.
Dass das Thema nicht nur auf theoretischen Modellen ruht, zeigt der Bericht zudem an einer nachlassenden Verkaufskurve bei sehr lange „stillliegenden“ Coins. Laut Thorn wurden in diesem Jahr pro Monat etwa 34.000 BTC bewegt, die seit fünf Jahren oder länger nicht angefasst worden seien; das entspreche in etwa der Hälfte des Tempos aus 2024. Auf der Produktebene ergänzt Galaxy das Bild mit dem US-Spot-Bitcoin-ETF-Markt: Seit dem Juni-Tief sollen diese Vehikel 87.000 BTC hinzugekauft haben. Dabei seien die Bestände zwar von Peak zu Trough um 11% gefallen, während der Preis im gleichen Zeitraum um 53% nachgegeben habe. In Summe zeichnet das eine Mechanik, bei der Abflüsse nicht zwangsläufig in eine anhaltende Liquiditätsverknappung übersetzen, sondern die Marktstruktur zeitweise stabiler bleibt als im klassischen „Kapitulation“-Szenario.
Gleichzeitig ignoriert der Bericht nicht, dass Bitcoin aktuell in einem wechselhaften Umfeld steckt. Thornt argumentiert zwar, der makroökonomische Fall sei „stärker“ geworden, stützt dies aber auf konkrete Größen: Die US-Bundesverschuldung erreichte 40,44 Billionen US-Dollar; das Haushaltsjahr 2026 endete mit einem Defizit von 1,99 Billionen US-Dollar; und die Rendite der 10-jährigen US-Staatsanleihe sei im laufenden Monat bei 5,31% gelegen, dem höchsten Stand seit 2007. Der S&P 500 liege zudem weniger als 1% unter einem Rekord, während Bitcoin rechnerisch um 53% steigen müsste, um sein Hoch zurückzuerobern. Die Kernaussage dazu ist eher strategisch formuliert: Eine Wette gegen Aktien und „hard assets“ sei zugleich eine Wette gegen Fiat – ein Aufbau, der in einem Umfeld steigender Opportunitätskosten für risikoarme Anlagen plausibel wirkt.
Für die Praxis bleibt aber ein wichtiger Prüfpfosten, und genau daran zeigt sich, wo die These ihre Grenzen hat. Thorn setzt als „Tripwire“ einen wöchentlichen Close unter den 50-Wochen-Durchschnitt an, der derzeit bei 76.540 US-Dollar liegt, und knüpft daran die Bedingung, dass dieser Level nicht innerhalb eines Monats zurückerobert wird. Als zusätzlicher mentaler Puffer wird betont, Bitcoin habe bereits die Fähigkeit gezeigt, mindestens 125.000 US-Dollar zu erreichen; daraus leitet der Bericht ab, es gebe keinen strukturellen Grund, warum dieses Niveau nicht erneut anvisiert werden könne. Unterm Strich heißt das: Wenn Investoren die These ernst nehmen, betrachten sie nicht nur den Spotkurs, sondern die Kombination aus Trendstabilität, On-Chain-Verkaufsdynamik und makroökonomischer Zinslandschaft – und sie planen für eine Realität, in der ETF-Flows kurzfristig gegenläufig sein können und höhere Treasury-Renditen Bitcoin als Anlageoption zeitweise „teurer“ machen.
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