LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Umfrage unter 500 Entscheidern zeigt: Nur 2 Prozent erlauben KI-Agenten, Finanztransaktionen ohne menschliche Freigabe auszuführen. Bei kritischen Geschäftsdaten erlauben immerhin 4 Prozent solche automatisierten Schritte. Gleichzeitig erweitert Adesso seine KI- und Service-Strategie mit einem AI Control Tower als Managed Service für ServiceNow. Ergänzend entsteht mit SOKA-BAU die souveräne Plattform „SOKA-GPT“ sowie ein Folgeauftrag für den TI-Dienst VSDM 2.0.

Adesso nutzt die eigene Unternehmenskommunikation gleich doppelt: Zum einen liefert das Unternehmen konkrete Zahlen aus einer Befragung unter 500 Entscheidern deutscher Unternehmen, zum anderen zeigt es mit neuen KI-Services und Projekten, wie es diese Lücke in der Praxis schließen will. Die Kernaussage wirkt dabei wie ein Gradmesser für die Zurückhaltung vieler Organisationen gegenüber vollständig autonom handelnden Systemen. Nur 2 Prozent der Befragten erlauben KI-Agenten, finanzielle Transaktionen ohne menschliche Freigabe durchzuführen. Noch wichtiger: Beim Umgang mit kritischen Geschäftsdaten sind es zwar mehr, aber mit 4 Prozent weiterhin eine Minderheit, die KI-Agenten ohne Freigeschritte als ausreichend kontrollierbar betrachtet.
Für Unternehmen ist diese Differenz zwischen „KI als Assistenz“ und „KI als Entscheidungsträger“ vor allem eine Frage der Architektur und der Kontrollpunkte. Finanztransaktionen und besonders sensible Daten sind typischerweise an Audit-Trails, Rollen- und Rechtekonzepte sowie an klare Freigeflüsse gebunden. Genau dort spielt das Thema „menschliche Freigabe“ praktisch die Rolle einer Gate-Kontrolle: Erst wenn ein freigabeberechtigter Mensch die Empfehlung oder den vorgeschlagenen Schritt bestätigt, wird die Wirkung im System ausgelöst. Die Zahlen legen nahe, dass viele Firmen zwar KI für Analyse, Vorschläge oder die Aufbereitung von Informationen akzeptieren, aber die tatsächliche Ausführung bei riskanten Aktionen weiterhin an Workflows koppeln, die nicht allein durch ein Modell bestimmt werden.
In diese Realitätsprüfung hinein passt der nächste Schritt bei Adesso: Am 21. Oktober erweiterte das Unternehmen seine Partnerschaft mit ServiceNow und brachte den „AI Control Tower“ als Managed Service auf den Markt. Das Produkt ist als as-a-Service-Modell angelegt und umfasst Beratung, Implementierung sowie Betrieb. Technisch betrachtet heißt das meist: Ein standardisiertes Einbettungs- und Betriebsmodell, das KI-Funktionen nicht nur konfiguriert, sondern auch in den laufenden Betrieb integriert – einschließlich Monitoring, Governance-Mechanismen und der organisatorischen Abstimmung zwischen Fachbereichen und IT. Adesso vertreibt und betreibt die Lösung in EMEA, mit einem Schwerpunkt auf dem deutschsprachigen Raum; das ist strategisch relevant, weil gerade dort in vielen Unternehmen die Plattform- und Prozesslandschaften bereits stark durch ServiceNow-getriebene Automatisierung geprägt sind. Der Managed-Ansatz senkt zudem die Einstiegshürde: Statt KI-Experimente isoliert neben der operativen Umgebung zu starten, werden sie in eine Plattform-Realität überführt, in der Freigaben und Ticket-/Workflow-Prozesse typischerweise bereits existieren.
Gleichzeitig treibt Adesso die Entwicklung einer zweiten Stoßrichtung: souveräne KI. Am 20. Oktober meldeten Adesso und SOKA-BAU ein gemeinsames KI-Projekt, bei dem sie die Plattform „SOKA-GPT“ ohne Anbieterbindung aufbauen wollen. Vorgesehen ist sie für rund 880 Mitarbeitende; damit richtet sich das Vorhaben weniger an den Massenmarkt, sondern an einen klar definierten Nutzerkreis, in dem Zugriffskontrollen, Datenklassifizierung und Betriebsprozesse praktisch durchgesetzt werden können. In der Mitteilung heißt es, die Plattform sei DSGVO- sowie EU-AI-Act-konform. Unabhängig davon, wie einzelne technische Details ausgestaltet sind, verfolgt die Initiative damit ein Muster, das in der DACH-Region schon länger gefragt ist: KI-Systeme so zu betreiben, dass Datenflüsse kontrollierbar bleiben und die Organisation ein belastbares Betriebsmodell für KI-Workloads vorweisen kann.
Adesso ergänzt diese KI-Produktlinie zudem um einen regulatorisch geprägten, aber inhaltlich klaren Auftrag aus dem Gesundheits-IT-Umfeld. Medienberichten zufolge beauftragte der PKV-Verband Adesso am 15. Oktober mit der Entwicklung des TI-Dienstes VSDM 2.0. Laut Beschreibung gehören dazu Zulassung, Einführung und Betrieb; der Rahmenvertrag hat eine Laufzeit von fünf Jahren. Solche Projekte sind für KI-Dienstleister mehr als „nur ein Auftrag“: Sie stärken die Kompetenz in Schnittstellen- und Integrationsfragen sowie im Betrieb komplexer IT-Landschaften, die häufig strenge Rahmenbedingungen erfüllen müssen. Gerade wenn später KI-gestützte Automatisierungen an bestehende Systeme andocken sollen, profitieren Teams von genau diesem Erfahrungsschatz in Einführung und Betrieb.
Auch auf der organisatorischen Ebene setzt Adesso auf Kontinuität. Der Aufsichtsrat verlängerte den Vorstandsvertrag von Kristina Gerwert vorzeitig um vier Jahre; der Vertrag läuft demnach bis zum 30. Juni 2031. Gerwert verantwortet sieben Querschnittsressorts – ein Hinweis darauf, dass das Unternehmen seine operative und strategische Steuerungsfähigkeit längerfristig absichern will. Damit einher geht eine weitere Personalentscheidung: Jürgen Beese übernahm zum 1. Oktober die Leitung des Competence Center SAP bei Adesso Schweiz; er folgt auf Stefan Rühl, der das Unternehmen verlassen hat. Für die KI-Strategie ist das relevant, weil SAP-Umgebungen in vielen Unternehmen weiterhin das Rückgrat für Prozesse, Datenmodelle und Berechtigungen bilden. Wenn KI-Use-Cases in Richtung Prozessautomatisierung und Analytics ausgedehnt werden, wird genau diese Brücke zwischen „Modell“ und „System of Record“ zum Engpass.
Für Investorinnen und Anleger sowie für IT-Verantwortliche ist zudem der nächste zeitliche Takt wichtig: Als nächster bestatigter Veröffentlichungstermin steht am 11. November die Quartalsmitteilung für das dritte Quartal 2026 an. Bis dahin lässt sich die Nachrichtlage vor allem als Kombination aus Marktstudie und Umsetzung lesen. Die Umfragewerte zeigen eine klare Zurückhaltung bei vollautomatisierten Handlungen – vor allem im Finanzkontext. Der AI Control Tower als Managed Service und die souveräne Plattform „SOKA-GPT“ deuten hingegen darauf hin, dass Adesso das Geschäft genau in den Bereichen platzieren will, in denen Kunden Governance, Integrationsfähigkeit und kontrollierte Abläufe priorisieren. Der entscheidende Punkt wird sein, wie schnell aus „Freigabe-dominierten“ Use-Cases skalierbare Betriebsmodelle werden, die mit wachsenden KI-Funktionen Schritt halten – ohne dass die Akzeptanzfrage durch zu viel Autonomie wieder neu aufbricht.
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