TOKIO / LONDON (IT BOLTWISE) – Das Münchner Startup Proxima Fusion hat in Japan zwei Absichtserklärungen mit Fujikura und Kyoto Fusioneering unterzeichnet. Ziel ist eine Fertigung für Hochtemperatur-Supraleiter-Band in Niedersachsen, die den Lieferengpass für den geplanten Stellarator-Bau lösen soll. Proxima will dafür bis Ende 2029 rund 140 Millionen Euro investieren. Niedersachen unterstützt das Projekt mit bis zu 21 Millionen Euro, knüpft die Zusage jedoch an die Suche nach einem passenden Industriepartner.

Proxima Fusion baut seine Fusionspläne spürbar auch als Industrieprojekt auf: In Japan hat das Münchner Startup zwei Absichtserklärungen mit Fujikura und Kyoto Fusioneering geschlossen, um zentrale Lieferketten für den geplanten Reactor-Ansatz in Richtung Deutschland zu ziehen. Ausschlaggebend ist dabei das Herzstück der magnetischen Einschlussstrategie. Für Stellarator-Konzepte werden extrem starke Magnetfelder benötigt, die wiederum nur mit ausreichend leistungsfähigen Supraleitern realistisch erreichbar sind. Proxima adressiert genau an dieser Stelle ein praktisches Problem: Das HTS-Band (Hochtemperatur-Supraleiter-Band) wird derzeit überwiegend außerhalb Europas produziert, wodurch Kosten, Verfügbarkeit und Timing entlang der gesamten Projektkette angreifbar bleiben.
Die erste Absichtserklärung zielt auf eine Fertigung in Niedersachsen ab und hängt eng mit einem bereits kommunizierten Vorhaben zusammen. Das Unternehmen verweist dabei auf eine Fabrik für HTS-Band, in die Proxima bis Ende 2029 Investitionen von 140 Millionen Euro einplanen will. Die finanzielle Flankierung aus Niedersachsen liegt laut Angaben bei bis zu 21 Millionen Euro, allerdings verbunden mit einer Bedingung: Proxima muss einen Partner finden, der über einschlägige Erfahrung in dieser Fertigungsdomäne verfügt. Für diese Lücke passt Fujikura nach Unternehmensdarstellung als etablierter Werkstoff- und Technologieanbieter – das Unternehmen geht laut Quelle auf eine Gründung Ende des 19. Jahrhunderts zurück und stellt das benötigte Material seit längerer Zeit her.
Technisch betrachtet ist die Auswahl des Herstellers mehr als ein Beschaffungsdetail. Bei Stellaratoren bestimmt die Qualität des supraleitenden Bandmaterials mit, wie stabil und verlustarm sich die Magnetfelder aufbauen und betreiben lassen. Proxima beschreibt den Rollenmix so, dass die Münchner das Projekt „als Ankerkunde“ absichern: Sie stellen demnach die Mittel für die Fertigung bereit, während Fujikura das Know-how für die Produktion einbringt. Für Unternehmen außerhalb der Fusionsszene klingt das nach klassischer Arbeitsteilung zwischen Investor und Industriepartner – im Kontext der Supraleiterfertigung bedeutet es aber vor allem, dass Prozesse, Materialchemie und Fertigungstauglichkeit möglichst früh an den Bedarf eines konkreten Demonstrators gekoppelt werden.
Wie eng die Kopplung an den Projektfahrplan ist, zeigt ein Blick auf die erwarteten Bandmengen. Proxima nennt für den geplanten Demonstrator Alpha Anfang der 2030er-Jahre einen Bedarf von 20.000 Kilometern HTS-Band; für das spätere Fusionskraftwerk Stellaris sollen es weitere 40.000 Kilometer sein. Damit verschiebt sich die Herausforderung von „einmalige Projektbeschaffung“ hin zu planbarer Serienlogik: Die Fertigung in Niedersachsen soll nicht nur Kapazität schaffen, sondern auch die Lieferkette stabilisieren, sodass spätere Projektphasen nicht an Vorlaufzeiten, Qualitätsfreigaben oder Transportlogistik hängen bleiben. Genau dort unterscheiden sich viele Fusionsansätze: Selbst wenn die Kernkomponenten technologisch machbar sind, entscheidet im Betrieb oft die industrielle Realisierbarkeit der Schlüsselmaterials.
Die zweite Absichtserklärung ergänzt diese Materialperspektive um die Systemebene. Kyoto Fusioneering wird als Zulieferer für Zusammenarbeit im Umfeld von Fusionstechnologien positioniert; laut Quelle geht es dabei unter anderem um Technik zur Beheizung des Plasmas sowie um Bausteine für den Brennstoffkreislauf. Diese Aufteilung ist für die Projektplanung relevant, weil Fusionsanlagen keine isolierten Module sind: Magnetfeldaufbau, thermische Stabilität, Steuerung der Plasmadynamik und die logistische Kette für den Brennstoff müssen im Zusammenspiel funktionieren. Während das HTS-Band den magnetischen Rahmen liefert, adressiert die Zusammenarbeit mit einem Spezialzulieferer die Betriebsparameter, die am Ende darüber entscheiden, wie „robust“ ein Demonstrator im Alltag betreibbar ist.
Auch politisch und wirtschaftlich sendet der Zeitpunkt ein Signal. Laut Quelle wurden die Unterzeichnungen am Rande einer Reise des Bundeskanzlers Friedrich Merz nach Japan vorgenommen. Solche Momente sind in Technologiefeldern wie der Kernfusion oft mehr als Kulisse: Sie schaffen Aufmerksamkeit für große Vorhaben, verknüpfen industrielle Kompetenzen mit Förder- und Standortfragen und helfen, Vertrauen in die Umsetzbarkeit aufzubauen. Für Proxima bedeutet die neue Partnerstruktur vor allem Planungssicherheit: Ein Partner wie Fujikura für das Band und Kyoto Fusioneering für angrenzende Systemkomponenten kann den Weg von der Laborlogik hin zur Anlagenrealität verkürzen. Entscheidend bleibt dennoch, ob die Fertigung in Niedersachsen die benötigten Qualitäten und Lieferzeiten durchgehend erreicht – denn bei Hochtemperatur-Supraleitern ist die Qualität nicht verhandelbar, sie ist Grundlage für die gesamte Magnetarchitektur.
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