STUTTGART / LONDON (IT BOLTWISE) – Mercedes-Benz steht nach der Gewinnwarnung unter Druck: Der Konzernchef will die Abhängigkeit vom chinesischen Markt senken, liefert die detaillierte Prognose aber erst im Februar. Für 2026 erwartet der Vorstand beim Konzerngewinn vor Zinsen und Steuern nur noch ein Niveau wie im Vorjahr. Die Pkw-Sparte steuert zudem auf eine deutlich niedrigere bereinigte Gewinnmarge zu. Gleichzeitig bleibt die Aktie im XETRA-Handel zwar im Plus, pendelt aber weiter am tiefsten Stand seit 2020.

Mercedes-Benz versucht, die Anleger mit operativen Fakten zu beruhigen, während die Lage strategisch weiter angespannt bleibt. Konzernchef Ola Källenius kündigte an, die Abhängigkeit vom schwierigen chinesischen Markt zu reduzieren und den DAX-Konzern „wetterfester“ aufzustellen. Die konkreten Stellschrauben sollen allerdings erst im Februar in der Prognose für das nächste Jahr im Detail sichtbar werden. Bis dahin zeigt die Berichterstattung vor allem eins: Das laufende Ergebnis wird stark vom Gegenwind in China geprägt und lässt sich nicht allein durch Erholung außerhalb der Volksrepublik kompensieren.
Technisch-ökonomisch lässt sich die Gemengelage an den Kennzahlen ablesen. Im dritten Quartal stieg der Konzerngewinn um rund 28 Prozent auf rund 1,52 Milliarden Euro, allerdings von einem niedrigen Niveau: Im Vorjahr hatten Sonderbelastungen im Zusammenhang mit einem Stellenabbau das Ergebnis gedrückt. Auf EBIT-Ebene erreichte Mercedes im Berichtszeitraum 1,77 Milliarden Euro – gegenüber 750 Millionen Euro ein Jahr zuvor. Der Umsatz sank dagegen um 4,5 Prozent auf 30,7 Milliarden Euro, was zeigt, dass die höhere Profitabilität nicht aus Umsatzdynamik, sondern vor allem aus Ergebnisverbesserungen und dem Vergleichs-Effekt stammt.
Der Kernkonflikt liegt bei den Absatzzahlen und den Margen, nicht nur bei der kurzfristigen Stimmung. In dem stark umkämpften chinesischen Markt fiel der Absatz im dritten Quartal um fast ein Drittel (31 Prozent), insgesamt gingen im Quartal 407.200 Pkw über die Bühne, ein Minus von 8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Außerhalb Chinas legte der Absatz zwar um 1 Prozent zu. Besonders wichtig für die weitere Kosten- und Erlösrechnung bleibt jedoch die Entwicklung der E-Fahrzeuge: Der Absatz batterieelektrischer Pkw stieg im dritten Quartal um 61 Prozent. Gleichzeitig verweist der Finanzchef Harald Wilhelm darauf, dass Faktoren wie der China-Effekt nur teilweise durch andere Effekte ausgeglichen werden.
Für 2026 verschiebt Mercedes die Erwartungen spürbar nach unten. Finanzchef Wilhelm sagte, der Konzerngewinn vor Zinsen und Steuern dürfte 2026 nur noch auf dem Niveau des Vorjahres liegen statt deutlich darüber, wie bisher erwartet. In der Pkw-Sparte wird zudem eine bereinigte Gewinnmarge von 2 bis 3 Prozent statt der zuvor angesteuerten 3 bis 5 Prozent erwartet. Für das laufende vierte Quartal rechnet der Konzern außerdem mit höheren Kosten für Rohstoffe und mit Auswirkungen durch Modellpflege. Damit bleibt der operative Spielraum eng; der Finanzchef schloss sogar aus, dass in der Pkw-Sparte im Schlussquartal ein operativer Verlust möglich ist, wobei die Marge dann nur leicht um die operative Gewinnschwelle herum liegen dürfte.
Parallel zur Ergebnissteuerung setzt Mercedes auf Kostendisziplin und strukturelle Maßnahmen. Ende September hatte der Konzern angekündigt, sein Abfindungsprogramm aus dem vergangenen Jahr in Deutschland für Beschäftigte in indirekten Bereichen erneut aufzulegen; es soll ab Dezember starten. Wilhelm stellte auf Nachfrage heraus, das Programm sei „sehr attraktiv“, und es sei entsprechend mit hohem Zuspruch zu rechnen – eine konkrete Anzahl nannte er jedoch nicht. Solche Programme sind in der Automobilindustrie häufig ein Hebel, um Personal- und Fixkosten kurzfristig zu glätten, treffen aber in der Umsetzung auf sensible Fragen rund um Arbeitsbedingungen und Planungssicherheit. In der Vergangenheit hatte Mercedes bereits Diskussionen über Arbeitszeiten und Arbeitskosten in Deutschland angestoßen, worauf Proteste folgten.
In der Anlegerlogik erklärt diese Gemengelage, warum die Aktie trotz eines Tagesgewinns noch keine nachhaltige Beruhigung signalisiert. Im XETRA-Handel stieg die Mercedes-Aktie zeitweise um 1,09 Prozent auf 40,21 Euro, fällt damit aber nicht aus der Abwärtsspur: Bei 40 Euro pendelt der Kurs weiterhin auf dem niedrigsten Niveau seit dem Markteinbruch im Covid-Krisenjahr 2020. Marktteilnehmer sehen hier weniger den Kurssprung als den Ausblick als Entscheidungsgrundlage. Skeptisch äußerte sich auch der Jefferies-Analyst Philippe Houchois für das kommende Jahr: Erste Aussagen, wonach sich die Pkw-Sparte 2027 ähnlich wie das zweite Halbjahr entwickeln könne, also mit einer operativen Marge um rund 1,5 Prozent, erhöhen aus Sicht der Erwartungsbildung das Risiko, dass die Aktie weitere Enttäuschungen einpreist.
Für die nächsten Monate wird sich zeigen, ob Mercedes den Spagat aus Ergebnissicherung und strukturellem Umbau gelingt. Källenius verwies unter anderem auf anhaltendes Absatzwachstum in Europa und den USA sowie auf einen Rekord bei vollelektrischen Fahrzeugen – Signale, die bei der Ableitung einer neuen, weniger China-lastigen Ergebnisbasis helfen können. Dennoch bleibt der Ausblick bis zur Februarprognose der zentrale Trigger, weil Rohstoffkosten, Modellpflege und die mögliche Nähe zur Gewinnschwelle die Ergebnisqualität in den Quartalen stark beeinflussen. Für Unternehmen und Investoren mit Automobil-Exposure heißt das: Nicht nur die Produktions- und Vertriebszahlen, sondern vor allem die Margenrobustheit gegenüber regionalen Nachfrageeinbrüchen rücken in den Fokus.
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