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KÖLN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie unter Leitung der Universität Cambridge stellt die klassische Idee infrage, dass Kometen die Bausteine des Lebens in ausreichender Menge auf die frühe Erde gebracht haben. Im Fokus steht Cyanwasserstoff (HCN), ein häufig diskutierter Ausgangsstoff für weitere organische Chemie. Die Auswertungen kommen zum Ergebnis, dass ein überlebender, ausreichend konzentrierter Eintrag extrem unwahrscheinlich ist. Stattdessen gewinnen Asteroiden oder chemische Prozesse auf dem Planeten selbst an Plausibilität.

Kometen als Lebensbringer: Studie aus Cambridge zweifelt an Cyanwasserstoff-Zulieferung
Kometen als Lebensbringer: Studie aus Cambridge zweifelt an Cyanwasserstoff-Zulieferung (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Idee klingt zugleich poetisch und technisch zugleich: Leben auf der Erde könnte ursprünglich aus dem All stammen, weil Kometen große Mengen an organischen „Rohstoffen“ mitgebracht haben. Seit mehr als 100 Jahren wird diese Panspermie-Perspektive in der Forschung diskutiert – mal als vollständiges Szenario, mal als Ergänzung. Genau an dieser plausibel wirkenden Brücke setzt eine Auswertung an, die an der Universität Cambridge koordiniert wurde: Sie quantifiziert, wie realistisch es ist, dass ein Kometeneinschlag in der Frühphase der Erde ausgerechnet die passenden Chemikalien in einer Konzentration hinterlässt, die noch chemische Reaktionen für den Weg zum Leben anstoßen kann.

Im Zentrum der Untersuchung steht Cyanwasserstoff, chemisch HCN, auch bekannt als Blausäure. HCN taucht in Modellen und Laborarbeiten immer wieder auf, weil das Molekül als Ausgangsstoff für weitere Bausteine gelten kann – darunter Verbindungen, die später in Richtung Zucker-, Fett- und Nucleobase-artiger Strukturen weisen könnten. Entscheidend ist dabei weniger die generelle Anwesenheit von HCN in Kometen, sondern die Frage, ob es bei der Landung auf einem jungen Planeten in hoher Konzentration überlebt. Die Studie arbeitet daher mit einer sehr konkreten Kette: Zunächst muss genügend HCN überhaupt in den richtigen Zustand gelangen; danach muss es schnell genug reagieren, bevor es verdünnt oder zerstört wird.

Hier wird es physikalisch ungemütlich. Kometen treffen die Erde im Mittel mit mehr als 28 Kilometern pro Sekunde. Kleinere Exemplare mit weniger als etwa 100 Metern Durchmesser verglühen schon hoch in der Atmosphäre, bevor überhaupt große Mengen organischer Bestandteile an der Oberfläche ankommen könnten. Selbst bei größeren Kometen bleibt das Bild zäh: Beim Aufprall wird ein relevanter Teil der organischen Moleküle so stark beansprucht, dass er für weitere Chemie kaum nutzbar ist. Als „besseres“ Szenario betrachtet die Studie nur einen seltenen Fall: ein außergewöhnlich langsamer Komet, der in einem sehr flachen Winkel auftrifft. Damit wird das Problem nicht wegdiskutiert, sondern in Wahrscheinlichkeiten übersetzt.

Um diese Wahrscheinlichkeiten greifbar zu machen, simulierte das Cambridge-Team die frühe Erdgeschichte in 100.000 Computersimulationen und suchte gezielt nach Durchläufen, in denen genau ein Kometeneinschlag genug HCN liefert, um die nachgeschalteten Prozesse überhaupt starten zu können. Das Ergebnis ist klar: In 28 Prozent der Simulationen gab es keinen einzigen Treffer mit ausreichend HCN. Umgekehrt heißt das nicht automatisch, dass es in allen anderen Fällen „klappt“, aber es macht deutlich, wie eng das Zeit- und Konzentrationsfenster wirklich ist. Die Forscher legten dabei bewusst günstige Annahmen zugrunde, etwa hinsichtlich der Häufigkeit und der Bedingungen, unter denen HCN ankommen und nicht sofort verloren gehen könnte.

Auch das Szenario mit einem glücklichen Einschlag bleibt chemisch kurzatmig. Selbst wenn HCN in einem Krater ankommt, verteilt sich das Molekül in einer jungen Umgebung rasch: Grundwasser, Regen und abfließendes Wasser würden die Substanz binnen Tagen bis Wochen verdünnen. Weil die modellierten Reaktionswege hin zu komplexeren, lebensfähigen Strukturen vergleichsweise schnell „anspringen“ müssten, wäre ein Start des chemischen Pfads ohne zeitnahes Ansetzen kaum zu erwarten. Zeitlich wird zusätzlich ein weiterer Engpass gesetzt: Als wahrscheinlichsten Moment nennt die Studie einen Treffer vor rund 4,46 Milliarden Jahren – mehr als 100 Millionen Jahre vor dem frühesten geschätzten Auftreten des letzten gemeinsamen Vorfahren allen heutigen Lebens. Genau an dieser Kombination aus Geschwindigkeit, Konzentration, Überlebensrate und Zeitfenster drehen die Autoren die Schraube so weit, bis die Erfolgswahrscheinlichkeit extrem klein wirkt.

Welche Alternativen ergeben sich daraus? Die Studie hält insbesondere zwei Richtungen offen: Bausteine des Lebens könnten nach Einschlägen von Asteroiden entstanden sein, die die Erde deutlich häufiger treffen als Kometen. Ebenso ist denkbar, dass die relevanten organischen Bausteine auch durch Prozesse auf der Erde selbst gebildet wurden – also nicht erst durch einen „Zulieferer“ aus dem All, sondern durch lokale Chemie nach Energieeinträgen wie Stößen, Strahlung oder Reaktionen in besonderen Umweltbedingungen. Gerade diese zweite Möglichkeit passt zur erweiterten Forschungslage, denn Kometen liefern zwar nachweislich organische Substanzen, aber die Reise vom interstellaren Raum bis zur frühen Erdoberfläche ist offenbar eine lange Kette aus Verlusten. Ein Blick auf die Raumfahrtgeschichte stützt genau diesen Punkt: Das Landemodul Philae der europäischen Rosetta-Mission setzte im November 2014 auf dem Kometen 67P/Tschurjumow-Gerassimenko auf.

Für die Debatte ist dabei weniger die Existenz organischer Stoffe an sich entscheidend, sondern die Frage, welche Moleküle in welcher Umgebung ankommen und ob sie dort überleben. Das DLR hatte wesentlichen Anteil am Bau von Philae und steuerte das Modul aus dem Kontrollzentrum in Köln. Ein Team unter Leitung des Max-Planck-Instituts für Sonnensystemforschung in Göttingen wies mit dem Messinstrument COSAC 16 organische Verbindungen im Oberflächstaub nach, darunter überwiegend stickstoffhaltige Komponenten. Damit ist der Rohstoff-Teil der Kometenidee grundsätzlich belegt. Die neue Cambridge-Auswertung dreht jedoch den Hebel auf den Transport- und Überlebensaspekt: Die Bausteine waren vorhanden, aber die Studie argumentiert, dass sie die Reise zur Erde unter realistischen Einschlagsbedingungen kaum „intakt“ genug überstehen würden, um das gewünschte chemische Tempo zu erreichen.

Für den Ausblick wird es zusätzlich spannend, weil ein zweiter Planet einen „Vergleichs-Test“ liefert. Der Mars wird in der Studie günstiger bewertet, weil seine geringere Masse und die größere Entfernung von der Sonne die durchschnittlichen Einschlaggeschwindigkeiten auf knapp 20 Kilometer pro Sekunde senken und seine dünne Atmosphäre fast alle Kometen größer als 100 Meter unbeschadet passieren lassen könnte. Ob es auf dem Mars tatsächlich zu entsprechenden Abläufen kam, bleibt allerdings offen – plausibel wird eher die Frage, was nicht passiert sein könnte. Genau an diesem Punkt setzt die nächste Missionsgeneration an: Der Mars-Rover Rosalind Franklin der europäischen Raumfahrtorganisation ESA soll ab 2028 gestartet und 2030 landen, als erster Rover etwa zwei Meter tief in den Marsboden bohren. An Bord ist zudem ein Instrument aus Göttingen, das Max-Planck-Institut hat die Entwicklung des Mars Organic Molecule Analyser (MOMA) geleitet. Es soll im Marsgestein nach organischen Molekülen suchen, die wiederum Hinweise auf Spuren früherer Chemie liefern könnten – und damit der Frage nachgehen, wie „allochthon“ organische Bausteine wirklich sein müssen.

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