HONGKONG / LONDON (IT BOLTWISE) – Der World Gold Council sieht für digitales, tokenisiertes Gold bis 2031 ein Marktpotenzial von bis zu 700 Milliarden US-Dollar. Laut Studie bleibt das Segment heute zwar klein, wächst aber bereits erkennbar: Goldtoken-Handelsvolumen kletterte 2026 auf über 90 Milliarden US-Dollar. Der Bericht verweist auf Tether Gold und Paxos Gold als Treiber des öffentlichen Tokenmarkts sowie auf neue Kredit-Use-Cases über Plattformen wie Aave. Entscheidend für den Durchbruch sind laut WGC vor allem Vertrauen, Regulierung und die Rückgabe an physisches Metall in mehr als einem Ort.

Digitales Gold bewegt sich vom Rand in Richtung Kernnarrativ – zumindest aus Sicht des World Gold Council (WGC). In einer Studie beziffert der Verband die latente Nachfrage für tokenisiertes Gold auf bis zu 700 Milliarden US-Dollar, sofern zentrale Einstiegshürden fallen. Das Basisszenario bleibt allerdings vorsichtiger: Bis 2031 erwartet der WGC einen Markt zwischen 160 und 170 Milliarden US-Dollar. Damit wird die Richtung zwar klar, die Größenordnung wirkt aber realistisch genug, um nicht wie ein reiner Hype zu erscheinen.
Technisch und marktwirtschaftlich lohnt der Blick auf die aktuelle Ausgangslage. Der WGC ordnet tokenisiertes Gold und digitale Tresorgoldkonten zusammen in einen Markt von 45 bis 55 Milliarden US-Dollar ein – gerade einmal rund 0,4 Prozent des physischen Investmentgoldmarkts mit etwa 13 Billionen US-Dollar. Noch deutlicher wird die Relationenfrage über goldgedeckte ETFs: Diese summieren sich laut Bericht auf 600 Milliarden US-Dollar, digital besicherte Produkte liegen darunter bei weniger als neun Prozent. Entscheidend ist jedoch die Dynamik innerhalb des digitalen Segments selbst: Das Volumen der Goldtoken ist seit Ende 2024 von 1,2 auf 6 Milliarden US-Dollar gewachsen. Als Schwergewichte nennt der WGC dabei Tether Gold (XAUT) und Paxos Gold (PAXG), die zusammen mehr als 90 Prozent des öffentlichen Tokenmarkts abdecken.
Die spannendste These des WGC ist dabei weniger das Potenzial als die Herkunft des Interesses. Fast neun von zehn der über 12.000 vom WGC befragten Privatanleger würden unter passenden Bedingungen in digitales Gold investieren. Rund 65 Prozent dieser latenten Nachfrage kommt aus dem Segment der Menschen, die bislang überhaupt kein Gold besitzen. Die Schlussfolgerung ist deshalb weniger „Umschichtung“ aus Barren, Münzen oder ETFs, sondern eher „frisches Kapital“. Zusätzlich differenziert der Bericht stark nach Alter: In der Kohorte der 25- bis 34-Jährigen kennt etwa die Hälfte das Produkt; bei Anlegern ab 55 Jahren sind es 23 Prozent. So wird aus der Adoption eine Frage der Einbettung in alltägliche Finanzkanäle – nicht nur eine Frage der Renditeerwartung.
Warum diese Neigung bislang kaum zu Käufen führt, erklärt der WGC mit vier konkreten Hürden: Vertrauen in Anbieter und physische Deckung, Zugang über vertraute Kanäle, neue Nutzungsoptionen wie Erträge durch Verleihen oder Beleihen sowie wettbewerbsfähige Kosten. Genau hier hilft – besonders in Ländern wie Indien, China und Indonesien – die Verbreitung in Superapps und Zahlungs- bzw. Bankapplikationen. Der Bericht kommt zu dem Ergebnis, dass die Verfügbarkeit dort bis zu siebenmal höher ausfallen kann als andernorts. Fällt die Hürde-Komplexität, rechnet der WGC im Basisszenario mit einem jährlichen Wachstum von rund 27 Prozent bis 2031. Die Krypto-Welt dient als Blaupause für die neuen Use-Cases: Die Tokens PAXG und XAUT lassen sich auf Aave als Sicherheit hinterlegen, wobei der WGC dem Goldsegment dort eine starke Rolle in der Verwahrung von Goldtoken im dezentralen Finanzwesen zuschreibt. Anfang 2026 habe die Nachfrage nach Krediten gegen XAUT die Plattformobergrenze erneut erreicht; im September sei mit Arch Lending ein weiterer Kryptokreditgeber hinzugekommen.
Dass digitales Gold nicht nur im Krypto-Ökosystem funktioniert, zeigt der Bericht auch auf Bankenseite. Der WGC verweist auf den Gold Token von HSBC in Hongkong als Beleg dafür, dass etablierte Finanzhäuser den Markt zunehmend adressieren. Wie in dem Zusammenhang berichtet wird, habe der globale Leiter des Edelmetallvertriebs bei HSBC auf einer Jahreskonferenz der London Bullion Market Association im Oktober betont, der Token habe der Bank viele Neukunden gebracht – besonders weil der Kauf über die Bankapp „einfach“ möglich sei. Ergänzend ordnet der WGC eine konzeptionelle Brücke ein, die er gemeinsam mit der Boston Consulting Group im März 2026 als „Gold as a Service“ skizziert: Eine gemeinsame Infrastruktur, die physische Verwahrung mit der digitalen Ausgabe verknüpft, damit Emittenten darauf aufbauend eigene Produkte gestalten können. Für Großbanken könnte das ein Hebel sein, weil Vertrauen und Vertriebskanäle in der Kundschaft häufig bereits vorhanden sind.
Gleichzeitig bleibt Vertrauen das große Risiko – und zwar messbar in der Wahrnehmung der potenziellen Käufer. Mehr als 40 Prozent der Befragten geben laut WGC an, ein größerer Verwahrungsausfall, Betrug oder ein Hackerangriff würden ihr Vertrauen erheblich beschädigen. Dazu kommt regulatorische Fragmentierung: In vielen Jurisdiktionen unterscheidet sich die Rückgabe gegen physisches Metall, teils ist sie nur an einem Ort weltweit oder erst ab einer Schwelle von 400 Unzen möglich. Genau deshalb skizziert der WGC zwei Szenarien für das Ende der Dekade: Unter anhaltenden Barrieren läge das Marktvolumen bis 2031 bei 70 bis 80 Milliarden US-Dollar statt 270 bis 280 Milliarden im besten Fall. Für die „Durchbruchs“-Wirkung beobachtet der WGC vier Signale, die sich spätestens vor 2031 zeigen dürften: verbindlichere Regeln und leichtere Rückgabe, große Banken in den App-Ökosystemen, neue Ertragsmodelle zu günstigeren Preisen sowie Erträge und Beleihung, die den Schritt von der Kryptonische hin zu regulierten Instituten erleichtern. Entscheidend wird daher weniger die Existenz der Token-Technik sein, sondern ob sie im Alltag der Kunden so integriert wird, dass Rückgabe, Sicherheit und Kostenketten nachvollziehbar bleiben.
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