ERIWAN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Zwischenbilanz von UNEP zeigt, dass sich geschädigte Ökosysteme bereits auf Hunderten Millionen Hektar regenerieren. Über 149 Länder melden Flächen im Regenerationsprozess, zugleich warnen die Autoren vor zu langsamen Fortschritten. Besonders im Meerraum bleibt der Rückstand groß, während an Land mehr Bewegung sichtbar ist. Der entscheidende Hebel liegt laut Bericht bei deutlich höheren Budgets bis 2030.

UNEP blickt zur Halbzeit der UN-Dekade der Wiederherstellung von Ökosystemen (2021 bis 2030) auf den Status quo – und liefert damit eine Art Wachstums-Check für eine Aufgabe, die politisch längst als Mammutprojekt gilt. Dem Bericht zufolge befinden sich Ökosysteme in über 149 Ländern auf einer Fläche von 252 Millionen Hektar (2,52 Millionen Quadratkilometer) im Prozess der Regenerierung. Das sind enorme Ausmaße: Die Fläche liegt zwar deutlich unter dem Gesamtziel, das bis 2030 wiederhergestellt werden soll, aber sie macht sichtbar, dass Wiederherstellung nicht nur ein Versprechen ist, sondern in vielen Regionen tatsächlich in die Umsetzung rutscht. Gleichzeitig betonen die Autoren, dass das Tempo nicht reicht, um die vereinbarten Ziele rechtzeitig zu erreichen.
Die Zahlen zeigen auch, warum das Thema für Unternehmen und Verwaltungen praktisch relevant ist: Wiederherstellung ist nicht nur Naturpolitik, sondern wirkt direkt auf Ressourcen wie Wasser- und Lebensmittelversorgung sowie auf die Widerstandsfähigkeit gegenüber dem Klimawandel. Der Bericht stellt die Wiederherstellung explizit in den Kontext der Weltnaturkonferenz in Montreal, wo sich die Länder unter anderem darauf verständigt haben, 30 Prozent der geschädigten Ökosysteme an Land und in Binnengewässern sowie in Meeres- und Küstenregionen wiederherzustellen. Als „Zwischenstand zur Halbzeit“ ist das hilfreich, weil es den Unterschied zwischen begonnener Umsetzung und der erreichbaren Zielkurve sichtbar macht. Dazu kommt eine soziale Komponente: UNEP nennt mehr als eine Million „grüne“ Jobs, die durch Wiederherstellungsmaßnahmen entstanden seien.
In der Detailbetrachtung fällt jedoch auf, dass Fortschritt nicht gleichmäßig verteilt ist. Zwischen Land und Meer zeichnen sich laut Bericht große Differenzen ab: Gut 90 Prozent der bisherigen Maßnahmen spielen sich an Land ab. Das führt dazu, dass man an Land „auf Kurs“ sei und die Hälfte des 2030er-Ziels nahezu erreicht werde. Für den Meerraum gilt das Gegenteil: Obwohl sich der Zustand dort schneller verschlechtert, laufen die Regenerationsprogramme deutlich langsamer. Nur rund zwei Prozent der Flächen der Meeres- und Küstenökosysteme sowie rund vier Prozent der Süßwasser-Ökosysteme würden aktuell regeneriert, heißt es in der Zwischenbilanz.
Technisch betrachtet steckt hinter dieser Ungleichheit auch ein Datenthema. Der Bericht weist darauf hin, dass bei Meeres- und Küstenökosystemen sowie bei Süßwasserökosystemen Überwachung und Dokumentation schwächer ausgeprägt seien. Das kann dazu führen, dass tatsächlich stattfindende Fortschritte weniger sichtbar sind oder Flächen im Reporting unterschätzt werden. Für Stakeholder ist das ein wichtiger Punkt: Ohne solide Mess- und Nachweislogik lassen sich Programme schlecht priorisieren, Wirkung schwer vergleichen und Finanzierung nur begrenzt nach Ergebnissen steuern. Gerade bei Ökosystemen, die räumlich großflächig und dynamisch sind, wird „Management by Monitoring“ damit zur Voraussetzung dafür, dass aus Maßnahmen wirklich messbare Regeneration wird.
Auch finanziell bleibt der Engpass zentral. UNEP formuliert es klar: Um schneller voranzukommen, braucht es mehr Geld. Bis 2030 müsste pro Jahr mehr als viermal so viel in die Wiederherstellung von Ökosystemen fließen wie bislang – statt 64 Milliarden US-Dollar dann knapp 300 Milliarden US-Dollar. In der Praxis bedeutet das nicht nur eine Aufstockung bestehender Programme, sondern auch ein Umsteuern hin zu Maßnahmen wie Wiedervernässung von Mooren oder Wiederaufforstung. Der Bericht leitet daraus zudem einen zusätzlichen Nutzen ab: Laut UNEP-Berechnungen könnten dadurch geschätzt 32 Millionen neue Jobs weltweit entstehen.
Die Beratungen in Eriwan zur Umsetzung des Montreal-Abkommens machen deutlich, wie sehr das Thema jetzt in die Planungsphase wechselt. Denn ein Ziel wie „30 Prozent“ lässt sich politisch beschließen, aber operativ nur erreichen, wenn Projekte in belastbare Finanz- und Umsetzungsstrukturen übersetzt werden. Besonders relevant ist dabei, dass der Bericht die Unterschiede zwischen Land und Meer nicht nur als Problem beschreibt, sondern als konkretes Handlungsfeld: Wer das Gesamtziel ernsthaft ansteuern will, muss zusätzliche Mittel und Kapazitäten dorthin lenken, wo die Regeneration derzeit am wenigsten greift. Für öffentliche Träger und Unternehmen heißt das zudem, dass Projekte zunehmend nach Wirkungsketten gedacht werden müssen – von Ökosystemdaten über Projektplanung bis zur langfristigen Pflege der wiederhergestellten Flächen.
Im nächsten Schritt dürfte genau diese Kombination aus Monitoring, Finanzierung und Priorisierung darüber entscheiden, ob die Dekade zur Erfolgsgeschichte wird oder nur zur Zwischenbilanz mit hohem Potenzial. Die UN-Dekade läuft bis 2030, und der Zeitdruck steigt, wenn Fortschritte bisher stark auf den Landbereich konzentriert sind. Gleichzeitig zeigt der Bericht, dass bereits messbare Aktivitäten laufen – inklusive der Schaffung von Arbeitsplätzen. Entscheidend ist jetzt, ob die Lücke im Meer- und Süßwasserbereich geschlossen werden kann und ob die Finanzierungssprünge in Programme münden, die sich in verlässlichen Daten nachhalten lassen. Damit wird Wiederherstellung nicht nur zur Umweltaufgabe, sondern zu einem daten- und projektgetriebenen Transformationsprogramm.
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