LONDON (IT BOLTWISE) – KI könnte die Entwicklungskosten für digitale Produkte deutlich senken und damit den bisherigen Bewertungsanker großer Produktionsbudgets verschieben. In einer Risk-Commentary argumentiert die Ratingagentur Egan-Jones, dass dadurch Eintrittsbarrieren für kleinere Studios fallen. Besonders die Finanzierung von Marketing könne künftig attraktiver wirken als klassisches Development-Lending. Für Investoren bleibt damit die Kernfrage: Welche Wettbewerbsvorteile halten, wenn Produktion günstiger wird als zuvor.

Am 19. November steht mit Grand Theft Auto VI ein Blockbuster vor der Tür, der nicht nur die Spielgemeinde bewegt, sondern auch Finanzmärkte beschäftigt. Laut Einschätzung der US-Ratingagentur Egan-Jones könnten sich Entwicklung und Vermarktung bis auf bis zu 2 Milliarden US-Dollar summieren – eine Größenordnung, die in der Branche zuletzt vor allem als Schutzschild gegen kleinere Wettbewerber galt. Die zentrale Pointe der Analyse lautet jedoch nicht: „Wie viel ein Spiel einspielt“, sondern: Was passiert mit dem ökonomischen Argument für milliardenschwere Studios, wenn KI die Produktion digitaler Inhalte spürbar verbilligt?
Technisch wird das in der Begründung weniger als magischer Durchbruch beschrieben, sondern als Konsequenz aus KI-gestützten Workflows. Wenn KI beispielsweise Teile von Planung, Content-Erstellung oder Testing automatisiert und damit die Zahl teurer Iterationen reduziert, sinken die Grenzkosten pro zusätzlichem Feature oder pro Produktionsschritt. Genau dieser Kostendruck – so die These von Wick Egan aus dem Umfeld von Egan-Jones – könnte die bisherige Wettbewerbslogik untergraben: Wo hohe Budgets bislang den Markteintritt kleineren Teams erschwerten, würden günstigere Produktionswege den Abstand in der Leistung zumindest teilweise verkürzen. Für Investoren wird die Frage dadurch unbequem: Was ist ein Studio noch wert, wenn der Wettbewerb vergleichbare Produkte für deutlich weniger Kapital entwickeln kann?
Besonders aufmerksam richtet sich die Analyse auf Konsolidierungsstrategien. Egan-Jones sieht das Engagement großer Tech- und Medienkonzerne rund um Studioübernahmen als potenziell verwundbar an, weil Bewertungen oft auf der Annahme aufbauen, dass skalierende Budgets dauerhaft Überrenditen sichern. Für den Kontext nennt die Auswertung die 2023 genannten über 68 Milliarden US-Dollar für Activision Blizzard als Beispiel für die Größenordnung solcher Deals. Das Problem ist dabei nicht die Existenz großer Verlage oder Plattformen, sondern das Bewertungsrisiko: Wenn KI die Produktionskosten dauerhaft senkt, kann der Kaufpreis für „Zeit, Personal und Know-how“ schneller unter Druck geraten, als es die ursprüngliche Investmentlogik vorsah. Auch bei Sony wird im Szenario ein möglicher Zielkonflikt angedeutet, falls das klassische Konsolengeschäft weniger dominant bleibt als bislang.
Gleichzeitig verschiebt sich der Fokus der Wertschöpfung. Egan-Jones argumentiert, dass geistiges Eigentum und Marken an Bedeutung gewinnen könnten, weil diese Vermögenswerte nicht im gleichen Maß „billig replizierbar“ sind wie Code, Assets oder Teile von Produktionsarbeit. Namen und Welten wie Star Wars, Harry Potter, Pokémon oder Super Mario stehen dabei sinnbildlich für etwas, das KI zwar nachbauen helfen kann, aber nicht ohne weiteres die jahrzehntelang aufgebaute Bekanntheit und die Loyalität von Zielgruppen. Wenn neue Spiele leichter entstehen, entscheidet am Ende stärker Aufmerksamkeit: Wer wird überhaupt gefunden, wer bekommt die Klicks, wer wandert in Communities und bleibt dort? Genau an dieser Stelle wird Marketing nicht zu „Kosmetik“, sondern zum strategischen Hebel – und damit zu einem Bereich, in dem Investoren andere Rendite- und Risikoannahmen prüfen müssen.
Für Kreditinvestoren leitet die Analyse daraus einen möglichen Strukturwandel ab. Anstelle einiger weniger milliardenschwerer Einzelprojekte könnten künftig viele kleinere Studios finanziert werden, was Risiken verteilt, aber die Due Diligence verkompliziert. Noch konkreter wird das Argument bei Marketingfinanzierungen: Wenn Produktionsrisiken durch KI sinken, aber die Vermarktung dennoch notwendig bleibt, könnte sich die Kreditlogik von „Entwicklung muss in X Monaten fertig werden“ hin zu „Aufmerksamkeit und Vertrieb müssen zur Zielgruppe passen“ verlagern. Da das Risiko langjähriger Produktionsverzögerungen potenziell weniger dominant sein könnte, könnten Marketingdarlehen für bestimmte Investorentypen strukturell anders bewertbar werden als klassische Development-Kredite. Zugleich verweist die Kommentierung darauf, dass Egan-Jones selbst auf Private-Credit-Ratings spezialisiert ist – Anleger sollten solche Interessenlagen bei der Gewichtung der These mitdenken.
Der Blick auf Plattformen zeigt, warum diese Diskussion nicht im luftleeren Raum bleibt. Egan-Jones zählt Apple, Google und Valve zu möglichen Gewinnern, weil sie wesentliche Vertriebswege kontrollieren und am Umsatz der Entwickler partizipieren. Als Anker nennt die Analyse Ausgaben von Verbraucherinnen und Verbrauchern für mobile Spiele: Für 2025 werden rund 82 Milliarden US-Dollar erwähnt. Bei Plattformgebühren zwischen 15 % und 30 % ergeben sich daraus laut der Kommentierung geschätzte Plattformerlöse von etwa 12 bis 25 Milliarden US-Dollar. Das ist für Entwickler ambivalent: Einerseits ermöglicht der App-Store Reichweite, andererseits steigt bei einem wachsenden Angebot der Wettbewerb um Sichtbarkeit. Regulierung oder alternative Vertriebswege könnten die Margen der Plattformbetreiber jedoch begrenzen – und damit die Umverteilung zwischen Entwicklern, Plattformen und Investoren verändern.
Aus Anlegersicht wirkt die eigentliche Warnung deshalb wie ein Perspektivwechsel: KI betrifft nicht nur die Kostenseite, sondern auch die Bewertungslogik von Wettbewerbsvorteilen. Wenn die Produktion günstiger wird, können traditionelle Differenzierungsfaktoren – etwa die bloße Fähigkeit, sehr große Budgets zu verbrennen – an Schlagkraft verlieren, während Marken, Lizenzen und Kundenbeziehungen stärker in den Mittelpunkt rücken. Dass GTA VI tatsächlich das „letzte“ milliardenschwere Projekt seiner Art werde, beschreibt Egan-Jones explizit als Prognose, nicht als Gewissheit. Für Vermögensverwalter und Kreditgeber bleibt damit die zentrale Frage: Müssen Unternehmen, die heute Milliarden in digitale Inhalte investieren, morgen überhaupt noch in dieser Größenordnung investieren – oder reicht ein anderes Setup, um Reichweite zu gewinnen und Cashflows zu stabilisieren?
Die Thesen stammen aus der Risk-Commentary „End of an Era“ (Nr. 228) der US-Ratingagentur Egan-Jones. Das Haus ordnet seine Einschätzung ausdrücklich als Prognose ein und verweist auf den eigenen Schwerpunkt im Bereich Private-Credit-Ratings, wo regelmäßig Transaktionen in diesem Marktsegment bewertet werden. Für die Praxis heißt das: Die Diskussion über KI in der Spieleproduktion ist zugleich eine Diskussion über Kapitalstrukturen, Risikotransfer und die Frage, welche Einnahmequellen – Produktion, Markenbindung, Lizenzmodelle oder Marketing – in einer KI-optimierten Kostenwelt die robustesten bleiben.
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