KIEL / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Vorstandschef des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein, Jens Scholz, kritisiert die Krankenhausreform als noch zu unklar. Er verweist darauf, dass die konkreten Auswirkungen und die Verteilung von Leistungsgruppen für einzelne Häuser bislang nicht transparent seien. Zusätzlich sorgt ein Spargesetz, das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz, laut UKSH-Chef für spürbaren finanziellen Druck. Während die Reform im Januar 2027 in Kraft treten soll, erwartet Scholz die entscheidenden Klarstellungen erst kurz vor Jahreswechsel.

Die Krankenhausreform in Deutschland ist für das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) aktuell vor allem eines: eine Baustelle im Kopf. Jens Scholz, Vorstandschef des Hauses, sagt in Kiel, dass noch nicht absehbar sei, welche konkreten Folgen die Reform für den Alltag der Kliniken haben werde. Der Kern der geplanten Neuausrichtung läuft dabei auf zwei Hebel hinaus: Qualitätsvorgaben, an die die Leistungserbringung gekoppelt wird, und eine stärker strukturierte Landschaft durch Spezialisierung. Scholz macht jedoch deutlich, dass zwischen Gesetzestext und Umsetzung eine Lücke entsteht, die für einzelne Häuser schwer planbar bleibt.
Technisch wird die Reform über Qualitätskriterien umgesetzt, die Kliniken erfüllen müssen, um Leistungen überhaupt anbieten und abrechnen zu dürfen. Genannt werden dabei unter anderem Anforderungen an Personal, Ausstattung und Fallzahlen. Der Mechanismus dahinter ist simpel: Wenn bestimmte Prozeduren an klare Qualitäts- und Mindeststandards gebunden werden, sollen sich Angebote stärker auf die Häuser konzentrieren, die diese Kriterien zuverlässig erfüllen. Scholz betont zugleich, dass der Bund den Ländern bei der Umsetzung offenbar entgegenkommt: Bis zum Jahresende sollen Leistungsgruppen zugewiesen und anschließend Ausnahmen zunächst genehmigt werden. Genau dort hakt er aber bei der operativen Planbarkeit ein, weil bislang nicht klar sei, welches Haus welche Leistungen konkret erbringen müsse.
Besonders kritisch sieht der UKSH-Chef die fehlende Transparenz rund um Leistungsgruppen. Laut seiner Darstellung liegt das Problem nicht in fehlenden inhaltlichen Diskussionen, sondern am Datenschutz: Informationen über Leistungsgruppen würden mit entsprechender Begründung nicht offengelegt. Scholz erwartet die Klarheit deshalb erst zwischen Weihnachten und Silvester, kurz bevor das Gesetz im Januar 2027 in Kraft treten soll. Für Kliniken bedeutet das eine kurze Planungsphase für Entscheidungen, die typischerweise Monate dauern: von der Personalplanung über die Service- und Organisationsstrukturen bis hin zu Investitionspfaden. Seine Formulierung „da ist noch viel Blackbox“ bringt diese Spannung auf den Punkt – denn ohne belastbare Zuordnung lässt sich schwer kalkulieren, welche Bereiche wachsen, schrumpfen oder umgebaut werden müssen.
Parallel zur Leistungslogik kommt die regionale Ebene hinzu. Das Land plant nach Angaben des Ministeriums sechs Versorgungsregionen, die sich nicht nur an geografischen oder verwaltungstechnischen Grenzen orientieren, sondern auch an tatsächlichen Patientenströmen. Für die Region Süd-West werden unter anderem Pinneberg und Steinburg sowie Norderstedt genannt, das dem Kreis Segeberg zugeordnet ist; im Mittelpunkt steht dabei das Klinikum Itzehoe. Scholz stellt diese Zuschnitte grundsätzlich infrage: Auch wenn Patienten nach Umsetzung der Reform weiterhin ein Krankenhaus frei wählen können, zweifelt er daran, dass ein Bundesland mit 2,8 Millionen Einwohnern wirklich sechs solcher Regionen benötigt. Irritation löst außerdem die Zuordnung von Rendsburg zu der Region Flensburg aus; ebenso kritisch äußert er sich dazu, dass Ostholstein nicht dem UKSH-Standort Lübeck zugeordnet werde.
Damit verschärft sich eine zweite Zeitachse: die finanzielle. Scholz ordnet das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz als zusätzlichen Belastungsfaktor ein, der nach seiner Aussage vor allem Universitätsklinika hart trifft. Der Hintergrund ist, dass die Unikliniken bereits „mit einer Milliarde Euro defizitär“ sind und für 2027 eine weitere strukturelle Lücke von etwa einer weiteren Milliarde Euro erwartet werde. Das Gesetz wirkt dabei wie ein mehrdimensionales Sparpaket: Es enthält Ausgabenbremsen in Milliardenhöhe für Praxen, Kliniken, Apotheken und die Pharmabranche; gleichzeitig sieht es höhere Zuzahlungen und Einschnitte für Versicherte vor. Ziel sei, die gesetzlichen Krankenkassen im kommenden Jahr um Milliarden zu entlasten und neue Erhöhungen der Zusatzbeiträge zu verhindern.
Aus Sicht des UKSH hängt die Wirksamkeit der Krankenhausreform damit eng an einer ökonomischen Frage: Können sich Qualitätskonzentration und Spezialisierung so auszahlen, dass Kliniken wieder häufiger schwarze Zahlen schreiben? Scholz beschreibt das als Gedankenspiel über eine Verteillogik: Er nennt eine Größenordnung von „grob 120 Milliarden Euro in einem Topf“, verteilt auf rund 1.800 Krankenhäuser, von denen etwa 80 Prozent defizitär seien. Seine Schlussfolgerung: Wenn es weniger Häuser gäbe, die Leistungen erbringen, aber der gleiche Topf verteilt würde, könnten unter sonst gleichen Bedingungen mehr Standorte positiv abschneiden. Genau dieses gewünschte Ergebnis sieht er zum Januar 2027 jedoch noch nicht erreichbar, weil die finanziellen Belastungen bereits da sind. Für die weitere Entwicklung heißt das: Selbst wenn die Reform im Detail bessere Qualitätsanreize setzt, bleibt die Umsetzbarkeit für Universitätsklinika ohne verlässliche Planungsgrundlagen und ohne gleichzeitige Entlastung ein Risiko – und genau deshalb wartet Scholz so lange auf Klarheit.
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