LONDON (IT BOLTWISE) – Im Oktober blieb der „Uptober“-Effekt aus: Bitcoin gab rund 7 % nach und setzte damit eine saisonale Erwartung außer Kraft. Gleichzeitig rissen sich Öl und Staatsanleihen aus ihrer in diesem Jahr beobachteten Kopplung. Grund ist aus Sicht von BlackRock weniger eine einzelne Schlagzeile, sondern die abnehmende Stärke des KI-getriebenen Aktienhandels. Für Anleihemärkte könnte das bedeuten, dass die Finanzierung der KI-Industrialisierung stärker in den Preisen steckt als bisher.

Bitcoin hat im Oktober die klassische Erwartung enttäuscht, dass die ersten zehn Handelstage häufig eine positive Tendenz bringen. Laut der vorliegenden Marktbeobachtung verlor der Kurs im Monatsverlauf rund 7 % und brach damit die saisonale „Uptober“-Logik, die in vielen Jahren zumindest eine durchschnittlich steigende Phase erkennen ließ. Besonders auffällig ist der zeitliche Zusammenhang: Mehrere Preisimpulse liefen parallel zu Spannungen im „KI-Trade“, also dem zuletzt dominanten Muster, bei dem KI-bezogene Wachstumswerte Kapital anzogen und Marktstimmung sowie Bewertungsniveaus mitprägten. Am Ende des berichteten Zeitfensters fiel Bitcoin zudem etwa 4 % kurz vor dem Nasdaq-Abverkauf am Folgetag, und zwar in einem Umfeld, in dem der Markt bereits auf weitere Störfaktoren fokussiert war.
Dass Öl und Staatsanleihen nicht mehr wie zuvor „zusammen laufen“, wirkt dabei wie ein Schlüsselbaustein für das neue Bild. In der Darstellung heißt es, dass in diesem Jahr zeitweise eine außergewöhnlich hohe Korrelation von rund 80 % zwischen Bewegungen bei Öl-Futures und Treasury-Renditen zu beobachten war. Doch im Oktober verschob sich das Muster: Während Öl-Futures stiegen, sanken Treasury-Renditen. Diese Entkopplung ist für Anleger nicht nur statistisch relevant, sondern ändert auch die operative Logik vieler Portfolios, die Liquidität zwischen Risiko-Assets, Realwerte und Zinsinstrumenten umschichten. Wenn ein etabliertes Bewegungsrelationen-Modell plötzlich an Erklärungskraft verliert, wird der Markt anfälliger für „Narrative“, also für Deutungen, die kurzfristig stärker wirken als Fundamentaldaten, etwa wenn eine bestimmte Gruppe von Aktien den Takt vorgibt.
Jeffrey Rosenberg, Senior Portfolio Manager bei BlackRock, führt den Bruch der üblichen Kopplung auf die Schwäche im KI-Sektor zurück. In seiner Sicht haben sich die Prioritäten im Markt verschoben: Geopolitische Risikofaktoren würden zwar weiter wahrgenommen, aber in der Preisbildung zeitweise stärker von „KI-Risiko“ überlagert. Die Begründung dahinter klingt plausibel, wenn man den Mechanismus der letzten Quartale betrachtet: KI-Cluster rund um die größten US-Tech-Werte erzeugen nicht nur Aktiennachfrage, sondern beeinflussen auch Erwartungen an Cashflows, Investitionszyklen und damit indirekt Renditekurven. Rosenberg argumentiert zudem, dass die Märkte eine Abschwächung bei KI als Warnsignal für das Wachstum in den USA lesen. Das würde erklären, warum die Renditen in Bewegung gerieten, auch während Öl weiter zulegte.
Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass nicht alle Stimmen die gleiche Konjunkturdiagnose stellen. Rosenberg nennt den Zustand der Wirtschaft als vergleichsweise robust und hebt insbesondere Business Investment hervor: Für das dritte Quartal wird ein Anstieg von 12,7 % genannt, der als größter Gewinn außerhalb der Pandemie seit 2011 eingeordnet wird. Gleichzeitig widerspricht Fed Chair Kevin Warsh am Mittwoch dieser Sicht, indem er betont, dass sich Kapitalausgaben breiter verteilen als nur in „engen“ Branchenclustern. Zusätzlich bringt Warsh steigendes Öl als Faktor in die Inflationsdiskussion der Notenbank ein. Damit entsteht ein Spannungsfeld, das für die nächsten Zinsentscheidungen entscheidend bleibt: Auf der einen Seite stützen Investitionsdaten die Wachstumsstory, auf der anderen Seite kann Energiepreis-Inflation die geldpolitische Reaktionsfunktion verschärfen. In der Marktbetrachtung wird zudem sichtbar, dass Rate-Futures bis Mitte Oktober noch auf eine mögliche Anhebung im Dezember gesetzt hatten, was den Handlungsdruck für die nächsten Datenpunkte erhöht.
Gerade die Konkurrenz zwischen „KI als Wachstums- und Investitionstreiber“ und „Zinsen als Risikofaktor“ zeigt sich auch an einzelnen Marktsegmenten. Laut Bericht steht Microsoft wieder stärker im Fokus der öffentlichen Anleihemärkte, nachdem das Unternehmen zuvor über nahezu ein Jahrzehnt nicht in diesem Umfang präsent gewesen sei. Noch stärker zahlenmäßig wirkt das über Credit-Default-Swap-Spreads: Für Microsoft wird ein Wert von rund 55 genannt, während Oracle deutlich höher bei etwa 300 liegen soll. Solche Spreads sind keine direkte Aussage über die Wahrscheinlichkeit eines konkreten Ausfalls, aber sie spiegeln die wahrgenommene Risikoaufschichtung wider. Wenn nun erwartet wird, dass die KI-Entwicklung über die nächsten Jahre massiv Kapital bindet, dann verlagert sich die Frage von „Wer bewertet die Story?“ zu „Welche Käuferstruktur und welche Risikoaufschläge braucht es, um die Finanzierung zu tragen?“ Genau hier setzt Rosenbergs Erwartung an: Er sieht ein Marktvolumen von insgesamt 4 Billionen US-Dollar AI Debt über vier Jahre als absorbierbar, wobei die Kosten laut seiner These eher über niedrigere Preise und breitere Spreads statt über einen abrupten Engpass entstehen würden.
Für Bitcoin und andere Liquiditäts- bzw. Risk-Assets ist das ein doppelter Effekt. Erstens kann eine Neubewertung der Zins- und Kreditkomponente die Risikoprämien verschieben, was sich oft zuerst in hochbeta-getriebenen, stimmungsabhängigen Märkten zeigt. Zweitens verändert es die Wechselwirkung zwischen Aktien und Anleihen: Wenn KI-bedingte Investitionsströme weniger „nur“ Sentiment an den Equity-Märkten erzeugen, sondern stärker in die Bond-Pricing-Logik einwandern, dann werden Korrekturen im KI-Trade schneller in andere Assetklassen übersetzt. Historisch bleibt zudem die Frage, ob „Uptober“ überhaupt noch stabil genug ist, um als strategisches Signal zu funktionieren. In der Darstellung wird zwar genannt, dass Bitcoin in 10 von 13 Oktobern bis 2025 gestiegen sei, mit einer mittleren Gewinneinschätzung nahe 15 %, doch die jüngste Folge wirkt wie eine Warnung: Oktober 2025 endete offenbar niedriger, und die Preisschwäche in 2026 setzt damit eine zweite rote Oktoberrunde fort. In der Praxis bedeutet das, dass saisonale Muster nicht verschwinden müssen, aber in Phasen dominiert werden, in denen ein neues makrofinanzielles Regime entsteht.
Für Entscheider in Unternehmen und für Asset-Teams folgt daraus vor allem eine Anpassung der Steuerungslogik. Wer KI-Projekte finanziert, sollte nicht nur die interne Rendite betrachten, sondern auch die externe Kapitalkostenrealität: Wenn Bond-Spreads breiter werden und sich die Finanzierung über Anleihen stärker im KI-Kontext preisbildet, steigen die Sensitivitäten gegenüber Laufzeitstruktur, Risikoaufschlägen und Refinanzierungsfenstern. Gleichzeitig kann eine Entkopplung von Öl und Zinsen das Timing für Hedging-Strategien verändern, weil klassische Korrelationen dann nicht mehr zuverlässig den Absicherungsbedarf ableiten. Der Markt zeigt derzeit, wie schnell ein zuvor „ruhiges“ Muster in Bewegung gerät, sobald eine einzelne Leitbranche – hier der KI-Sektor – die wichtigste variable Größe wird: nicht nur für Aktienkurse, sondern für das Zusammenspiel von Wachstumserwartungen, Inflationserzählung und Zinskurve.
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