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LONDON (IT BOLTWISE) – Ein offener Brief an Ripple-CEO Brad Garlinghouse und CTO David Schwartz bringt die XRP-Community wieder zum Streit. Im Zentrum steht die Frage, ob Ripple als Unternehmen verpflichtet ist, den XRP-Kurs aktiv zu stützen. Während einige Inhaber Ripple für die Jahre vor Gericht danken und einen „fairen Wert“ zwischen 15 und 20 US-Dollar fordern, verneinen andere eine solche Verantwortung. Besonders kontrovers ist das Thema RLUSD sowie die Kritik an der XRP-Escrow-Politik.

Offener Brief an Ripple: Müssen XRP-Inhaber auf Kursgewinne hoffen?
Offener Brief an Ripple: Müssen XRP-Inhaber auf Kursgewinne hoffen? (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Debatte wirkt auf den ersten Blick wie ein klassischer Community-Disput – bei genauerem Hinsehen geht es jedoch um ein strukturelles Problem, das bei vielen Krypto-Ökosystemen entsteht: Ripple steuert als privates Unternehmen seine eigenen Geschäftsziele, während XRP-Inhaber einen separaten, handelbaren Vermögenswert besitzen, dessen Kurs nicht vollständig im Einflussbereich des Emittenten liegt. Genau diese Lücke zwischen Erwartung und Kontrolle bildet den Kern eines offenen Briefes, der auf X von einem XRP-Halter veröffentlicht wurde. Darin wird argumentiert, die Community habe Ripple in Jahren der Unsicherheit, negativer Schlagzeilen und dem langen Rechtsstreit unterstützt – und müsse nun „belohnt“ werden, etwa durch Maßnahmen, die den Preis von XRP spürbar nach oben drücken.

Der Brief stellt dabei eine konkrete Preisrange in den Raum: Der Autor nennt 15 bis 20 US-Dollar als „fair value“. Auffällig ist, wie stark die Argumentation moralisch und kollektiv gerahmt wird. XRP-Inhaber hätten „den gleichen Krieg“ wie Ripple geführt und das Unternehmen im Prozess begleitet. Gleichzeitig wirft der Brief Ripple vor, den Fokus auf RLUSD – den eigenen Dollar-Stablecoin – sowie weitere Geschäftsfelder zu legen, während dies aus Sicht des Autors „auf Kosten von XRP“ passiert. Diese Gegenüberstellung ist mehr als Polemik, denn sie zielt auf die Priorisierung von Ressourcen: Wenn ein Unternehmen zusätzliche Erlösquellen über Stablecoins aufbaut, verlagert sich zwangsläufig die Aufmerksamkeit, und der Markt kann daraus Rückschlüsse auf die Zukunft der Token-Nachfrage ziehen.

Dass der Beitrag nicht als Konsens endete, liegt auch an der unterschiedlichen Rollenverteilung innerhalb der XRP-Ökonomie. Mehrere Inhaber widersprachen der These, Ripple müsse den XRP-Kurs anheben. Ein Teil der Gegenargumente lautet, dass Käufer mit XRP keine Beteiligung an der Firma erwerben, sondern einen handelbaren Rohstoff-ähnlichen Vermögenswert („commodity“) – folglich entstehe daraus keine unternehmerische Verpflichtung zu Kursstabilisierungsmaßnahmen. Ein weiteres Argument verweist auf die Kostenlogik im SEC-Fall: Angeblich habe nicht der Retail-Sektor die Rechtskosten getragen, sondern Ripple selbst, wodurch sich die moralische Schuldfrage für Kritiker erledigt. Daneben steht ein pragmatisches Interessen-Statement: Ripple hält große Mengen XRP, was dem Unternehmen selbst einen Anreiz gibt, dass der Kurs steigt – dennoch könne daraus keine zusätzliche, externe Erwartung abgeleitet werden.

Unter den Reaktionen sticht der XRP-Anwalt Bill Morgan heraus, weil er die Debatte auf eine juristische Konsistenzfrage zuspitzt. Er verweist auf einen Widerspruch, der die Community bereits während des SEC-Verfahrens begleitet habe: Damals hätten viele Inhaber betont, sie verließen sich nicht auf die Anstrengungen von Ripple, um den Wert von XRP zu steigern. Diese Haltung war im rechtlichen Kontext relevant, weil „reliance“ auf die Aktivitäten einer anderen Partei ein zentrales Prüfmerkmal dafür sein kann, ob ein Token als Security eingeordnet wird. Wenn nun – nach einem langen Gerichtsprozess – dieselben Stimmen Ripple dafür kritisieren, dass das Unternehmen sich stärker auf RLUSD statt auf XRP konzentriere, entsteht aus Morgans Sicht eine Spannung zwischen rechtlicher Positionierung und späterer Erwartungshaltung. In der Logik des Streits bedeutet das: Wer sich damals vom Einfluss Dritter distanzierte, fordert heute indirekt wieder Einfluss ein – nur eben in Form von Kursinterventionen.

Noch stärker eskaliert die Diskussion bei der Escrow-Politik. Morgan greift ein wiederkehrendes Kritikthema auf: Ripple habe im Dezember 2017 55 Milliarden XRP in 55 Escrow-Verträge gesperrt. Die Mechanik: Ripple durfte monatlich Teile freigeben und den Rest erneut sperren. Die zentrale Rechnung, die Morgan präsentiert, lautet, dass die Escrow-Phase wesentlich früher ausgelaufen wäre, wenn Ripple schlicht jeden Monat 1 Milliarde XRP freigegeben hätte. In diesem hypothetischen Szenario, so die Aussage, wären bis zur zweiten Hälfte 2023 bereits etwa 95% der Gesamtmenge im Umlauf gewesen, wodurch sich laut Morgan die langjährigen Vorwürfe reduzieren würden, Ripple „dumped“ aus dem Escrow. Unabhängig davon, ob man jede Detailannahme teilt, zeigt diese Debatte, wie stark Tokenomics-Entscheidungen die Wahrnehmung von Fairness prägen.

Warum ist das für den Markt überhaupt relevant, wenn es doch „nur“ um Community-Meinungen geht? Die Antwort liegt in der Signalfunktion: Jede Debatte über Verantwortung, Kursstützung und Tokenomics wirkt wie eine automatische Fortschreibung der Narrative, die Trader und Langfrist-Investoren verwenden. Für die XRP-Community trifft das besonders hart, weil Ripple gleichzeitig reale Produktlinien ausbaut – etwa im Stablecoin- und Custody-Umfeld – und damit das Erwartungsbild der Inhaber berührt. Sobald ein Unternehmen seine Roadmap in Richtung Stablecoins oder Banking-Funktionalität erweitert, verschiebt sich automatisch die Frage: Wird XRP dabei im Takt „mitgenommen“, oder wird es nur als Plattformkomponente betrachtet, während die Wertschöpfung in anderen Assets verdichtet wird? Genau diese Lücke zwischen strategischer Unternehmensentwicklung und Investoren-Erwartung dürfte ein Dauerbrenner bleiben.

Für Unternehmen, die ähnliche Situationen kennen – Emittent trifft Token-Ökonomie, aber keine direkte Kurssteuerung – liefert der Konflikt einen praktischen Lernpunkt: Erwartungen müssen expliziter gemanagt werden als über reine Business-Prioritäten. Ripple kann RLUSD aus Sicht der Unternehmensstrategie verfolgen; zugleich bleibt die Wahrnehmung, „XRP werde dabei untergeordnet“, eine offene Flanke, die sich nicht vollständig durch wirtschaftliche Kennzahlen schließen lässt. Der Blick auf Escrow-Daten und rechtliche Kontexte zeigt außerdem, dass frühere Positionierungen (etwa im Rahmen der Security-Debatte) später im Community-Diskurs wieder auftauchen. Damit wird aus einer Preisforderung schnell eine Identitätsfrage: Wer sich als Unterstützer versteht, will Fortschritt sehen – wer XRP als unabhängigen Vermögenswert betrachtet, erwartet keine unternehmerische Kursgarantie.

Unterm Strich zeigt der offene Brief weniger eine eindeutige Entscheidung darüber, „wer recht hat“, sondern vielmehr, wie unterschiedlich die Rollen im XRP-Ökosystem definiert werden. Ripple ist ein privates Unternehmen mit eigenen Zielen, während XRP-Inhaber ein separates Asset besitzen, dessen Preis nur teilweise durch Unternehmensaktionen beeinflusst wird. Mit der fortschreitenden Ausweitung in Richtung Stablecoins, Custody und weitere Finanzdienstleistungen wird die Frage nach dem Verhältnis zwischen Unternehmensstrategie und Token-Nachfrage sehr wahrscheinlich wiederkehrt. Für die Community bleibt damit entscheidend, wie sie juristische Argumentationslinien, Tokenomics-Details und Marktmechanik künftig miteinander verknüpft – denn genau an diesen Stellen entsteht das nächste Reibungsfeld.

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