LONDON (IT BOLTWISE) – Ein Szenario für einen Absturz des S&P 500 um mindestens 30 Prozent könnte besonders spezialisierte Cloudanbieter wie CoreWeave treffen. Die Studie von TS Lombard sieht als zentralen Schwachpunkt die Finanzierung des KI-Rechenzentrums-Ausbaus, wenn Kapitalströme versiegen. Im Modell verlieren Technologiewerte bis zu 40 Prozent, während Verluste am Kreditmarkt auf 125 bis 190 Milliarden US-Dollar beziffert werden. Für Investoren bleibt die Empfehlung trotz möglicher Volatilität vorerst auf breit gestreute Aktien gesetzt.

Wenn Künstliche Intelligenz (KI) zum Kapitalprojekt wird, verschiebt sich das Risiko vom Modelltraining in Richtung Finanzierung. Genau an dieser Stelle setzt die Szenario-Studie „Wargaming the AI Crash“ des Researchhauses TS Lombard an: Ein abruptes Ende des Investitionsbooms rund um KI könnte den S&P 500 um mindestens 30 Prozent drücken und Bӧrsenwerte im Umfang von rund 20 Billionen US-Dollar vernichten. Die Autoren legen dabei den Fokus nicht auf eine generelle Systemkrise, sondern auf eine ungleich verteilte Verwundbarkeit – mit einem Schwerpunkt auf Rechenzentrums-nahen Geschäftsmodellen, bei denen Zusagen für Rechenleistung in teure Ausbaupläne übersetzt werden.
Das Timing der Debatte passt zur aktuellen Marktstimmung: Der NASDAQ Composite beendete den Oktober mit dem schwächsten Monat seit März 2025. Gleichzeitig gerieten bei CoreWeave laut der Studie die Anleihen unter heftigen Verkaufsdruck, was die Frage nach der Tragfähigkeit der hohen Verschuldung verstärkt. TS Lombard nennt in diesem Kontext vor allem die Kombination aus kapitalintensivem KI-Ausbau und einem Finanzierungsmechanismus, der stark davon abhängt, dass Anleger weiterhin frisches Kapital bereitstellen. Zwar rechnet das Haus bei den großen Hyperscalern zwar mit Abwärtskorrekturen bei den Umsatzerwartungen, sieht jedoch kein ernsthaftes Kreditrisiko.
Technisch lässt sich der Kern der Sorge so erklären: Modellentwickler sichern sich vertraglich Rechenleistung, die sie häufig noch gar nicht im vollen Umfang nutzen. Cloudanbieter und Hyperscaler verbuchen solche Zusagen als Auftragsbestand und nehmen darauf Kredite auf, um neue Rechenzentren zu bauen. TS Lombard vergleicht Modellentwickler dabei ausdrücklich mit einkommenslosen Kreditnehmern aus der US-Immobilienkrise – nicht, weil es eine identische Struktur gibt, sondern weil das Konstrukt nur dann trägt, wenn Kapitalzuflüsse stabil bleiben. Im Modell werden die Unterschiede zwischen Sektoren besonders sichtbar: Technologiewerte verlieren bis zu 40 Prozent, die übrigen Sektoren rund 20 Prozent. Auf den Anleihemärkten und im privaten Kreditmarkt kalkuliert die Analyse mit Verlusten von 125 bis 190 Milliarden US-Dollar.
Die Verwundbarkeit trifft laut TS Lombard vor allem spezialisierte Cloudanbieter wie CoreWeave, dazu Oracle, eigenständige Entwickler von Sprachmodellen sowie Unternehmen aus dem Umfeld von Rechenzentren. Der Punkt ist dabei weniger die Frage, ob KI-Nachfrage langfristig existiert, sondern wie schnell Investitionsprogramme bei steigenden Finanzierungskosten angepasst werden können. Die Dimensionen, die TS Lombard nennt, sind dabei deutlich genug, um als Belastungstest zu wirken: Für 2027 rechnet das Haus mit Anleiheemissionen von Unternehmen rund um KI in Höhe von etwa 700 Milliarden US-Dollar, davon rund 400 Milliarden von den Hyperscalern. Zusätzlich veranschlagt TS Lombard außerbilanziellen Verpflichtungen im KI-Sektor 1,5 bis 2 Billionen US-Dollar. Dass Finanzierungskosten schnell zum Engpass werden können, zeigt das Beispiel CoreWeave: Die Rendite seiner Anleihen stieg im Oktober zeitweise auf rund 15 Prozent.
Für die Gesamtwirtschaft fällt das Urteil überraschend zurückhaltend aus. TS Lombard erwartet in den USA lediglich eine milde Rezession, vergleichbar mit den Jahren 1990 oder 2001, und begründet das mit Zinsspielraum der Fed, gesunden Bilanzen im Privatsektor sowie der Entlastung, die Zinssenkungen dem unteren Teil der K-förmigen US-Wirtschaft geben würden. Im Szenario würde das Bruttoinlandsprodukt um etwa zwei Prozent sinken. Wichtig ist dabei auch die Unterscheidung zwischen realen Verlusten und Systemrisiken: Die Studie sieht Kreditverluste als real an, aber nicht als systemisch. Zudem ordnet TS Lombard den Ausbau der Rechenzentren als Beschäftigungstreiber ein – rund 500.000 Arbeitsplätze seien entstanden, bis Ende 2027 könnten es rund 800.000 werden. Der größte Schaden liegt laut dem Researchhaus eher an den Aktienkursen als im Finanzsystem.
Aus dieser Mischung leitet TS Lombard eine gegenintuitive, aber mit Bedingungen versehene Anlagestrategie ab. Das Haus empfiehlt keinen Rückzug aus dem KI-Umfeld, sondern hält es für möglich, bei einem breit gestreuten Portfolio globaler Aktien ein normales Risikoniveau zu halten. Staatsanleihen sollen erst hinzukommen, wenn sich Anzeichen von Fragilität zeigen. Als zeitliche Arbeitsannahme für das Ende des Investitionsbooms nennt TS Lombard Anfang 2028, räumt jedoch ein, dass sich dieser Zeitpunkt verschieben kann. Genau dort liegt das erste Risiko: Sollte der Boom mehrere Jahre weiterlaufen, könnten frühe Wetten gegen Technologiewerte oder ein zu früher Einstieg in lang laufende Anleihen den Markt hinterherlaufen lassen. Für Anleger in Cloudanbietern wie CoreWeave oder Oracle kommt zusätzlich das zweite Risiko hinzu, weil deren Geschäftsmodelle an Kunden gebunden bleiben, die wiederum fortlaufend Kapital beschaffen müssen.
Ob die Marktunruhe im Oktober 2026 tatsächlich der Anfang vom Ende war oder nur eine Phase erhöhter Volatilität, lässt TS Lombard ausdrücklich offen. Der nächste praktische Belastungstest dürfte dennoch nicht lange auf sich warten lassen: Mit der Veröffentlichung der CoreWeave-Zahlen für das dritte Quartal 2026 am 10. November könnte sich zeigen, wie sich Auftragsbestand und Finanzierungssituation seit dem Ausverkauf im Oktober entwickelt haben. Für die Branche bedeutet das vor allem eines: Nicht die Schlagzeile über KI entscheidet kurzfristig, sondern die Frage, ob die Finanzierungslage zu den Ausbauplänen passt.
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