MONTREAL / LONDON (IT BOLTWISE) – Forschende aus dem Umfeld des Montreal Heart Institute argumentieren, dass Bewegung das Demenzrisiko deutlich senken kann. Laut Louis Bherer und seinem Team werden heute sowohl körperliche als auch kognitive Trainingsprogramme untersucht, unter anderem mit Gedächtnisspielen auf Smartphones und Ausdauertraining. Der Ansatz knüpft an eine Studie zur Entwicklung der gesunden Lebensjahre in Kanada an, die einen wachsenden Gesundheits-Faktor zwischen Lebenserwartung und Gesundheit zeigt. Offen bleibt für die Praxis vor allem, wie sich Training so in den Alltag integrieren lässt, dass die Effekte nicht nach wenigen Wochen wieder abflauen.

Während weltweit Milliarden in die Suche nach einem Wirkstoff zur Heilung von Alzheimer fließen, rückt in Montréal ein Ansatz in den Vordergrund, der bereits im Alltag ansetzt: körperliche Aktivität und gezielte kognitive Stimulation. Louis Bherer, Professor an der Université de Montréal und Leiter am EPIC Centre im Institut de Cardiologie de Montréal, verweist darauf, dass Lebensstilfaktoren das Risiko für Demenzsymptome in manchen Fällen um bis zu die Hälfte senken können. Diese Perspektive passt in eine größere Entwicklung, denn in Kanada sinkt die gesunde Lebenserwartung: 2023 lag sie bei 66,9 Jahren, 3,5 Jahre unter dem Wert von 70,4 Jahren, der zwischen 2010 und 2012 erreicht wurde. Der Punkt dahinter ist nicht nur „länger leben“, sondern „gesünder leben“ – und genau dort, so die Argumentation, klafft die Lücke zunehmend.
Die Auslöser lassen sich laut Bherer häufig auf Risikoprofile zurückführen, die im Alltag entstehen und sich später in die kardiovaskuläre Gesundheit „einschreiben“. Nach seiner Einordnung haben nach dem 65. Lebensjahr neun von zehn Menschen mindestens einen Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen – dazu zählen Übergewicht, schlechter Schlaf und Inaktivität sowie Bluthochdruck. Wenn sich die Lebenserwartung erhöht, bedeutet das daher oft mehr Jahre mit schlechterer Gesundheit. Bherer beschreibt außerdem Stress, Angst und die Ernährung als problematischen Dreiklang: Menschen bewegen sich zu wenig, schlafen schlecht und greifen zu Fast Food oder stark verarbeiteten Lebensmitteln. Er kritisiert zudem eine Lücke in der Prävention: Obwohl Informationen verfügbar seien, würden sie nicht konsequent in Routinen übersetzt – und Ernährung werde Kindern häufig nicht systematisch vermittelt.
Technisch und methodisch arbeitet Bherer mit einem Studiendesign, das sowohl den Körper als auch das Denken trainiert. Seine Laboreinheit sitzt im Umfeld des Institut de cardiologie de Montréal und nutzt Stimulation-Programme, um den Effekt von Bewegung auf die körperliche wie die kognitive Gesundheit zu erfassen. Die Teilnehmenden sind zwischen 50 und 95 Jahren alt, im Mittel etwa zwischen 68 und 70. Die Beobachtungszeiträume reichen von drei Monaten bis zu einem Jahr; je nach Ausgangslage kommen Menschen mit milden kognitiven Defiziten oder mit Risiken wie hohem Blutdruck und Diabetes in die Studien. Das Programm kombiniert dabei etwa Gedächtnisspiele auf Smartphones, die kognitive Funktionen stärken sollen, mit klassischem Ausdauer- und Krafttraining wie Stationärfahrrad, Laufband und Übungen zur Muskelstärkung. Bherer betont, dass die Kombination beider Komponenten – kognitive Aufgaben und körperliche Belastung – als „best approach“ in seinen Untersuchungen besonders relevant ist.
In den Ergebnissen, die Bherer beschreibt, zeigt sich vor allem in frühen Phasen ein messbarer Nutzen. Teilnehmende mit leichter kognitiver Beeinträchtigung könnten nach etwa sechs Monaten Training Verbesserungen sehen, mit Unterschieden etwa bei Aufmerksamkeit, Wachheit und Reaktionsgeschwindigkeit. Schon nach wenigen Wochen seien Teilnehmende wacher. Beim Gedächtnis hingegen dauere der Effekt länger – dennoch wird er in der Forschungslogik als Teil eines länger anlaufenden Anpassungsprozesses verstanden. Für die Verknüpfung von Training und Gehirnzustand setzt das Team zusätzlich auf Biomarker und Bildgebung: Dabei wird u. a. der Blutfluss sowie die Entwicklung von Hirnstrukturen wie dem Hippocampus betrachtet, der stark mit der Gedächtnisfunktion verknüpft ist. Auf biologischer Ebene ordnet Bherer den Prozess so ein, dass körperliches Training die Produktion von Proteinen anstößt, die Neuroplastizität fördern; zudem setzen arbeitende Muskeln Botenstoffe frei – Myokine und andere Exerkine –, die wiederum Mechanismen rund um Stoffwechsel, Entzündung, Knochengesundheit und sogar Stimmung beeinflussen.
Warum ist das für die Praxis so entscheidend? Bherer macht klar, dass Motivation zwar häufig vorhanden ist, die Umsetzung aber oft nicht lange durchhält. Positiv trainierte Effekte würden innerhalb eines Monats oder etwa anderthalb Monaten wieder verschwinden, und mit zunehmendem Alter gehe dieser Rückgang schneller vonstatten. Darum richtet sich sein Rat weniger auf spektakuläre Programme als auf Alltagstauglichkeit: Idealerweise wählt man Aktivitäten, die sich ohne großen Aufwand integrieren lassen. Als Beispiel nennt er Laufen, weil es ein „sehr vollständiges“ Training sei, kostengünstig und unkompliziert durchzuführen. Auch zügiges Gehen bewertet er als gut – wichtig sei dabei, dass sich der Körper „ein wenig Schweiß“ erarbeitet. Ergänzend sollten Übungen zur Muskelstärkung sowie zur Verbesserung von Haltung und Beweglichkeit hinzukommen, denn gerade das hält im Alter die Selbstständigkeit stabil. Zudem verweist er auf die Angst vor Stürzen: Gleichgewichts- und Haltungsübungen, etwa über Yoga, könnten hier spürbar entlasten.
Ein weiterer Abschnitt seiner Argumentation dreht sich um die Zeitachse: Viele Menschen glauben, nach dem 65. oder 70. Lebensjahr sei eine Änderung der Gewohnheiten zu spät. Bherer widerspricht und stellt klar, dass es zwar Faktoren gibt, die sich früher im Leben bilden – er nennt Bildung als „mitigating factor“ – die Mechanismen der Prävention jedoch nicht an ein starres Ablaufdatum gebunden sind. Er verweist außerdem auf Zusammenhänge, die oft unterschätzt werden: Hörverlust etwa tritt typischerweise später auf, wird aber häufig nicht ernst genommen oder sogar verborgen, obwohl er mit einem erhöhten Risiko für größere kognitive Beeinträchtigungen und Demenz zusammenhängt. Auch psychische Gesundheit spielt hinein: Wer sich depressiv fühlt oder weniger Motivation hat, wird eher inaktiv, und genau diese Inaktivität erhöht wiederum die Risiken. Bherer bringt es auf die einfache Formel „Heart and brain health go hand in hand“ – und damit steht Bewegung nicht als isolierte Empfehlung im Raum, sondern als Hebel, der mehrere Risikokaskaden gleichzeitig adressiert.
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