BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Laut Antwort der Bundesregierung haben sich bislang knapp 40 Prozent der Nutzer des Chancen-Aufenthaltsrechts ein dauerhaftes Bleiberecht gesichert. Die Regelung startete Ende 2022 für geduldete Menschen, die am Stichtag 31. Oktober 2022 fünf Jahre ununterbrochen in Deutschland lebten. Insgesamt wurden 91.116 Aufenthaltserlaubnisse erteilt, davon erhielten bis zum 30. September 2026 32.233 Erwachsene ein dauerhaftes Bleiberecht. Gleichzeitig zeigt die Statistik, wie viele Betroffene zwischenzeitlich wieder in die Duldung zurückfielen oder Deutschland verließen.

Die Zahlen zum Chancen-Aufenthaltsrecht zeichnen ein gemischtes Bild aus Fortschritt und Hürden: Von den Menschen, die die von der Ampel-Regierung eingeführte Regelung genutzt haben, konnten sich bislang knapp 40 Prozent ein dauerhaftes Bleiberecht sichern. Aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Frage geht hervor, dass das Modell vor allem dort funktioniert, wo sich Voraussetzungen wie gesicherter Lebensunterhalt, ausreichende Kenntnisse und Stabilität im Aufenthaltsstatus innerhalb des vorgesehenen Zeitfensters tatsächlich nachweisen lassen. Gleichzeitig machen die Angaben deutlich, dass der Weg aus der Duldung in einen gefestigten Status in der Praxis nicht für alle gleich planbar ist.
Das Chancen-Aufenthaltsrecht wurde Ende 2022 geschaffen und richtet sich an geduldete Menschen, die am Stichtag 31. Oktober 2022 seit fünf Jahren ununterbrochen in Deutschland lebten. Geduldete sind grundsätzlich ausreisepflichtig, werden jedoch vorerst nicht abgeschoben, etwa wegen familiärer Gründe, fehlender Ausweisdokumente oder weil gesundheitliche Faktoren eine Rückführung derzeit verhindern. Die Regelung setzt daher auf einen Übergangsstatus: Wer die Voraussetzungen erfüllt, erhält zunächst eine befristete Aufenthaltserlaubnis auf Probe für 18 Monate, um in dieser Zeit die Grundlage für ein dauerhaftes Bleiberecht zu schaffen. In dem Zusammenhang ist auch die Zahl der ausreisepflichtigen Personen mit Duldung relevant: Am 31. Dezember 2025 waren 190.974 von 232.067 Ausreisepflichtigen geduldet.
Rechenbar wird der Effekt der Regelung dann über die Zahl der erteilten Aufenthaltserlaubnisse und die Folgestatuse. Laut Bundesregierung wurden insgesamt 91.116 Aufenthaltserlaubnisse nach der Chancen-Regelung erteilt. Bis zum 30. September 2026 erhielten 32.233 dieser Erlaubnisse ein dauerhaftes Bleiberecht für Erwachsene; in 4.135 Fällen wurde ein dauerhaftes Bleiberecht zudem für Jugendliche und junge Erwachsene zugebilligt. Allerdings ergibt sich aus denselben Daten auch ein anderer Verlauf: 7.131 Ausländer befanden sich zum Stichtag noch im Chancen-Aufenthaltsrecht, ihre Titel galten also noch bis zum Ablauf der jeweiligen Geltungsdauer. Daneben zeigt die Statistik Zwischenstationen, die besonders für Unternehmen und Behörden in der Praxis wichtig sind, weil sie den Statuswechsel organisatorisch und rechtlich beeinflussen.
Ein zentraler Punkt in der Umsetzung ist die sogenannte Fiktionsbescheinigung: Ende September befanden sich 27.763 Menschen mit einem Chancen-Aufenthaltsrecht in Deutschland, deren weiterer Aufenthalt über eine Fiktionsbescheinigung abgesichert ist, weil ein Antrag auf einen Aufenthaltstitel gestellt wurde, über den jedoch noch nicht entschieden ist. In der Gegenrichtung fielen 11.935 Personen wieder in die Duldung zurück. Weitere Verläufe sind ebenfalls dokumentiert: Einige Betroffene bekamen andere Aufenthaltstitel, anderen wurde der Titel widerrufen, er ist erloschen oder wurde abgelehnt. Die Bundesregierung nennt außerdem, dass 3.957 Menschen, die sich ursprünglich für das Chancen-Aufenthaltsrecht entschieden hatten, zum Stichtag nicht mehr in Deutschland lebten. Für die Bewertung der Bilanz ist das entscheidend, denn es zeigt, dass das Chancen-Aufenthaltsrecht nicht nur an individuelle Voraussetzungen gekoppelt ist, sondern auch an die Geschwindigkeit und Konsistenz der Entscheidungen im Verwaltungsvollzug.
Politisch wird die Entwicklung damit auch zu einer Frage der Stabilität von Perspektiven. Die niedersächsische Grünen-Politikerin Filiz Polat kritisiert, dass CDU, CSU und SPD die Regelung im Koalitionsvertrag nicht verlängert hätten. In diesem Kontext verweist Polat darauf, dass die Zahlen aus der Regierungsperspektive vor allem belegen, was passiert, wenn Voraussetzungen erfüllt werden: „wenn Menschen die notwendigen Voraussetzungen erhalten, ergreifen sie auch die Chancen, die sich ihnen bieten“. Gleichzeitig benennt sie ein praktisches Problem: Häufig fehle die aufenthaltsrechtliche Sicherheit, um überhaupt eine Beschäftigungserlaubnis zu erhalten, Sprachkurse zu besuchen oder einen Betrieb zu finden, der bereit ist, einen Arbeitsplatz zu Verfügung zu stellen. Ergänzend ist der Aspekt aus Sicht von Arbeitgebern naheliegend: Unternehmen benötigen Planungssicherheit, damit Beschäftigte nicht überraschend „von der Werkbank weg“ abgeschoben werden.
Für den weiteren Umgang mit dem Thema bedeutet das: Selbst wenn ein Förderinstrument wie das Chancen-Aufenthaltsrecht rechnerisch Wirkung zeigt, hängt der Nutzen stark davon ab, wie gut die Übergänge zwischen Duldung, Probeaufenthalt, Fiktionsstatus und dauerhafter Aufenthaltserlaubnis funktionieren. Die Statistik offenbart dabei zwei gegenläufige Tendenzen. Einerseits gelingt in vielen Fällen der Schritt in den Dauerstatus, was die Grundidee des Instruments stützt. Andererseits machen Rückfälle in die Duldung und der große Anteil der Fiktionskonstellationen sichtbar, dass die administrative Dynamik und die Verfügbarkeit von Arbeits- und Integrationswegen als „Katalysatoren“ wirken müssen. Für Behörden, Träger der Sprachförderung und insbesondere für Personalverantwortliche in Unternehmen wird damit die Prozessqualität zum Teil der Integrationspolitik: Wer Entscheidungen verzögert, verlängert Unsicherheit – und genau diese Unsicherheit ist im politischen Diskurs als Engpass benannt.
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