FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – Der VDMA meldet für den Maschinen- und Anlagenbau im September 14 Prozent mehr Bestellungen als im Vorjahr, bereinigt um Preiseffekte. Besonders stark legten die Inlandsaufträge zu, während das Ausland ebenfalls wuchs. Für die nächsten Monate bleibt die Lage jedoch angespannt: Das Neugeschäft im Euro-Raum schwächelt, und der Verband erwartet im laufenden Jahr weiterhin einen Produktionsrückgang. Gleichzeitig warnt VDMA-Chefvolkswirt Johannes Gernandt vor neuen Belastungen durch die laufenden Tarifverhandlungen.

Der Maschinen- und Anlagenbau bekommt spürbaren Rückenwind, aber er steht auf einem Untergrund, der noch nicht richtig fest ist. Für September meldet der VDMA einen Auftragszuwachs von 14 Prozent gegenüber dem Vorjahr – bereinigt um Preiseffekte, also ohne den Effekt, dass allein steigende oder fallende Verkaufspreise die Zahlen „schöner“ aussehen lassen. Ein Teil der Dynamik lässt sich dabei auf einen statistischen Effekt zurückführen: Im September 2025 waren die Bestellungen laut Verband um 19 Prozent gesunken. Gerade weil der Vergleichsmonat so schwach war, wirkt der aktuelle Zuwachs besonders kräftig, im Alltag der Auftragsabwicklung zählt aber vor allem, ob die Nachfrage auch in den nächsten Monaten tragfähig bleibt.
Die Struktur der Nachfrage liefert dafür zusätzliche Hinweise. Aus dem Inland kommen laut VDMA plus 22 Prozent – ein Signal, dass zumindest ein Teil der Investitionsbereitschaft im deutschen Wirtschaftskern nicht abreißt. Die Auslandsaufträge wachsen ebenfalls, nämlich um 11 Prozent. Das Muster passt zu einem typischen Investitionszyklus: Länder oder Branchen, die schneller aus den „Anschaffungsstopps“ der letzten Jahre herauskommen, ziehen zuerst an, während andere Märkte erst nachziehen. Für Unternehmen in der Maschinenbauer-Branche bedeutet das praktisch: Vertrieb und Lieferplanung müssen mit unterschiedlicher Taktung arbeiten – eine Herausforderung, wenn Produktionskapazitäten, Einkauf und Montage zeitlich eng aufeinander abgestimmt sind.
Während das Gesamtbild im September aufhellt, bleibt das Neugeschäft nicht in jedem Raum gleich stabil. Schwach verlief laut VDMA das Neugeschäft im Euro-Raum mit einem Rückgang um 5 Prozent. Dagegen stagniert das Inlandssegment nicht vollständig: Es „stagnierte“ zwar im Euro-Raum-Vergleich, das Gesamtwachstum im September ist aber dennoch deutlich. Aus dem Nicht-Euro-Ausland kommen derweil 13 Prozent mehr Aufträge. Diese Aufteilung ist für die strategische Ausrichtung entscheidend: Maschinenbauer sind stark vom Industriesektor abhängig, und der Euro-Raum zeigt in solchen Kennzahlen oft früher, wenn Finanzierungsbedingungen, Nachfrageimpulse oder Investitionsprogramme nachlassen.
Auf die gesamte Entwicklung für die ersten neun Monate blickt der Verband ebenfalls vorsichtig: Nach dem schwachen September 2025 ergibt sich damit bisher ein Auftragszuwachs von 5 Prozent. Für das neue Geschäft und die daraus abgeleitbaren Produktionspläne heißt das: Bestellungen sind zwar ein wichtiger Frühindikator, aber sie übersetzen sich nicht automatisch und sofort in Output. Der VDMA erwartet für das laufende Jahr das vierte Jahr in Folge einen Produktionsrückgang. Gleichzeitig gibt es eine Hoffnungsperspektive: Johannes Gernandt, Chefvolkswirt des VDMA, sieht die aktuellen Bestellungen als „Mut“, dass im kommenden Jahr das erhoffte Produktionsplus von 3 Prozent erreicht werden kann. Entscheidend wird also weniger der einzelne Monatswert, sondern die Frage, ob sich aus dem Auftragsbestand ein durchgehend gesundes Liefer- und Abwicklungsniveau ableiten lässt.
Ein zentraler Unsicherheitsfaktor steckt dabei nicht nur in der Nachfrage selbst, sondern in den Kosten- und Planungsrisiken, die während der Tarifrunden entstehen. Gernandt warnt, dass der „Konjunkturaufschwung“ noch ein „wackeliges Pflänzchen“ sei, das durch neue Belastungen nicht „zertreten“ werden dürfe. Der konkrete Bezug liegt laut Meldung auf den laufenden Tarifverhandlungen für die deutsche Metall- und Elektroindustrie: Die IG Metall fordert 5 Prozent mehr Lohn und führt aktuell Warnstreiks durch; verhandelt wird auf Arbeitgeberseite über Gesamtmetall und die regionalen Metallverbände. Für Maschinenbauer heißt das: Jede Veränderung bei Lohnkosten wirkt über mehrere Kanäle – von kurzfristigen Personalkosten bis hin zu Preisverhandlungen, Vertragsneuabschlüssen und der Frage, wie schnell Energiekosten oder Materialpreise in neue Kalkulationen integriert werden können.
Technisch und operativ betrachtet zeigt sich hier ein typisches Dilemma industrieller Wertschöpfung: Die Branche braucht Stabilität in der Planbarkeit, weil Produktionslinien, Lieferketten und Qualifizierungsgänge nicht in Wochen, sondern in Quartalen reagieren. Ein wachsender Auftragsbestand kann kurzfristig helfen, Leerlauf zu reduzieren und Schichten anzupassen, doch die Vorlaufzeiten in der Maschinenfertigung – von der Komponentenbeschaffung bis zur Montage komplexer Baugruppen – lassen sich nicht beliebig verkürzen. Genau deshalb ist es so wichtig, dass der Auftragszuwachs nicht nur „aus dem Tief heraus“ entsteht, sondern sich in den Folge-Monaten bestätigen lässt. Die Meldung bietet hierfür Ansatzpunkte: Der Inlandsimpuls ist stark, das Euro-Raum-Neugeschäft zeigt dagegen Schwäche, und der Mix aus In- und Ausland entscheidet darüber, wie gleichmäßig die Auslastung in unterschiedlichen Geschäftsbereichen ausfällt.
Für die Marktpositionierung der deutschen Maschinenbauer wirkt der VDMA-Bericht damit wie ein Lagebild für die nächsten Planungsrunden. Strategisch werden Unternehmen nun prüfen, welche Auftragssegmente im Inland besonders belastbar sind und welche Absatzmärkte im Euro-Raum derzeit eher Tempo herausnehmen. Daneben rückt die Frage nach der Vertrags- und Preisdurchsetzung in den Fokus: Wenn Löhne steigen und gleichzeitig Investitionsentscheidungen verzögert werden, verschiebt sich häufig die Balance zwischen Nachfrage- und Kostenrisiko. Dass der Verband für das laufende Jahr weiterhin einen Produktionsrückgang erwartet, bleibt in dieser Gemengelage eine zentrale Leitplanke für Budgets und Kapazitätsentscheidungen. Gleichzeitig ist die Botschaft aus dem September klar genug, um im kommenden Jahr 3 Prozent Produktionsplus als realistisches Ziel zu diskutieren – vorausgesetzt, Tarif- und Konjunkturparameter geraten nicht erneut gegeneinander.
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