BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen (AGEB) erwartet für das Gesamtjahr einen Rückgang des Energieverbrauchs um knapp drei Prozent gegenüber dem Vorjahr. Ausschlaggebend seien vor allem die verhaltene Wirtschaftsentwicklung und der kräftige Anstieg der Energiepreise. Gleichzeitig dürften die energiebedingten CO2-Emissionen um knapp vier Prozent sinken. In den ersten neun Monaten zeigt sich das Bild bereits: Mineralöl geht deutlich zurück, während Erdgas und erneuerbare Energien zulegen.

Die aktuelle Prognose der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen (AGEB) wirkt auf den ersten Blick wie eine gute Nachricht für Klima- und Effizienzprogramme: Für das Gesamtjahr rechnet die Organisation in Berlin mit einem Rückgang des Energieverbrauchs um knapp drei Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Entscheidend ist dabei weniger eine plötzliche Wetterwende als vielmehr der wirtschaftliche Dämpfer und die spürbar höheren Energiekosten. Genau diese Kombination ist in der Praxis häufig der stärkste Hebel, weil sie sich in vielen Branchen gleichzeitig bemerkbar macht – von der Produktionsplanung bis zur Heizstrategie im Gebäudebestand.
Technisch betrachtet ist interessant, dass die CO2-Entwicklung der Verbrauchsrichtung folgt: Laut Hochrechnung dürften die energiebedingten Kohlendioxid-Emissionen im Gesamtjahr um knapp 4 Prozent zurückgehen. In den ersten neun Monaten zeigt sich bereits die gleiche Richtung, denn der Energieverbrauch fiel im Vorjahresvergleich um 3,6 Prozent. Die AGEB führt das unter anderem auf den gesunkenen Mineralölsatz sowie einen weiteren Rückgang des Anteils der Braunkohle zurück. Gleichzeitig gab es Verschiebungen innerhalb der Energieträger: Bei Erdgas, bei den erneuerbaren Energien und bei der Steinkohle stieg der Verbrauch.
Besonders deutlich wird der Trend beim Mineralöl: Von Januar bis September sank der Mineralölverbrauch insgesamt um mehr als 12 Prozent. Die Rückgänge sind je Energieträger unterschiedlich ausgeprägt. Bei Ottokraftstoff liegt das Minus bei 4 Prozent, bei Diesel dagegen bei über 9 Prozent. Auch Mobilität und industrielle Chemie spürten die Preiswirkung: Flugkraftstoff ging um 3 Prozent zurück, die Lieferung von Rohbenzin an die chemische Industrie verringerte sich um rund 5 Prozent. Bei leichtem Heizöl beträgt der Rückgang sogar über 38 Prozent; als Ursache nennt die AGEB den starken Preisimpuls, durch den Verbraucher Bestände abgebaut und nur geringe Mengen nachgekauft hätten.
Während der Mineralölbereich damit deutlich unter Druck steht, entwickelt sich das Kraftwerks- und Erzeugungsbild differenziert. Der Erdgasverbrauch nahm leicht zu, um 0,8 Prozent; der Verbrauch von Steinkohle stieg um über 8 Prozent. In der Stromerzeugung dürfte der Einsatz von Steinkohle dabei um 7,2 Prozent zugelegt haben. Auch die Eisen- und Stahlindustrie verbrauchte etwas mehr Kohle als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Parallel dazu konnten erneuerbare Energien zulegen – laut AGEB um 5,7 Prozent. Das ist wichtig, weil sich hier mehrere Faktoren überlagern: Erneuerbare liefern zwar wachsende Mengen, doch kurzfristige Bedarfsspitzen und die verfügbare Erzeugungsstruktur können zugleich konventionelle Erzeugung stützen.
Nicht nur die inländische Erzeugungsseite entscheidet, auch der grenzüberschreitende Stromhandel wirkt auf die Bilanz. Die AGEB stellt fest, dass in den ersten neun Monaten mehr Strom ins Ausland geflossen ist als aus dem Ausland bezogen wurde; der Saldo lag bei 1,9 Terawattstunden. Im Vergleichszeitraum der beiden Vorjahre hatte der Stromaustausch noch deutliche Importüberschüsse gezeigt. Für die Einordnung heißt das: Ein Teil der Veränderung im Energiemix hängt auch davon ab, wie gut die heimische Erzeugung im Verhältnis zu den Nachbarländern verfügbar ist und wie sich Preisniveaus im Handel zwischen den Marktgebieten auswirken.
In absoluten Größen nennt die AGEB für die ersten drei Quartale einen inländischen Primärenergieverbrauch von 10.356 Petajoule. In Terawattstunden entspricht das 2.877; eine Terawattstunde entspricht dabei einer Milliarde Kilowattstunden. Beim Anteil der erneuerbaren Energien wird ebenfalls eine klare Verschiebung sichtbar: In den ersten neun Monaten 2026 lag der Anteil bei 22,5 Prozent, im Vorjahr waren es 20,5 Prozent. Fossile Energieträger wie Öl, Erdgas und Kohle liefern zusammen weiterhin 75,5 Prozent der in Deutschland verbrauchten Energie. Für Unternehmen bedeutet das, dass Dekarbonisierung zwar vorankommt, aber in vielen Wertschöpfungsketten weiterhin der Einsatz fossiler Energien die absoluten Mengen dominiert – und damit auch die unmittelbare Wirkung von Energiepreisen und Effizienzmaßnahmen.
Abseits der Zahlen ist die Zusammensetzung der Arbeitsgemeinschaft selbst ein Hinweis auf die Zielrichtung: Die Mitglieder umfassen drei Wirtschaftsverbände sowie fünf Institute, die sich mit energiewirtschaftlicher Forschung befassen. Das erklärt, warum in den Bilanzen nicht nur Endverbraucherwerte betrachtet werden, sondern auch die Umwandlung in Kraftwerken, den Energieträgereinsatz und den Stromaustausch. Für die Praxis folgt daraus ein klares Bild für das Energiemanagement: Wenn Mineralöl und insbesondere Heizöl unter den hohen Kosten stärker reagieren als andere Träger, lohnt sich für Betreiber ein genauer Blick auf Lastprofile, Beschaffungsstrategien und Lastflexibilität. Gleichzeitig zeigt der Zuwachs bei Gas und Erneuerbaren, dass Unternehmen ihre Planungen nicht auf einen einzigen Energieträger ausrichten sollten, sondern Szenarien für ein weiter dynamisches Mix- und Preisumfeld einbauen müssen.
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