LONDON (IT BOLTWISE) – Eine große koreanische Kohortenanalyse verbindet den regelmäßigen Konsum stark zuckerhaltiger Produkte mit einem erhöhten Brustkrebsrisiko bei Frauen. Aus der Health-Examinees-Kohorte (HEXA) stützen sich die Auswertungen auf 71.264 Teilnehmerinnen und 713 dokumentierte Fälle. Besonders deutlich ist der Zusammenhang bei bestimmten Lebensmittelgruppen wie Eiscreme und gesüßten Cerealien. Gleichzeitig zeigt Zucker aus Früchten keinen vergleichbaren Effekt, und die Forschenden betonen methodische Grenzen der Beobachtungsdaten.

Wenn Ernährung und Krebsrisiken zusammen gedacht werden, geht es selten um „den“ einen Inhaltsstoff, sondern um Muster: Welche Lebensmittel werden regelmäßig gegessen, in welcher Menge und aus welcher Zuckerquelle stammt der Anteil? Genau hier setzt die am 31. Oktober 2026 im European Journal of Nutrition veröffentlichte Untersuchung an. Sie ordnet den Einfluss zuckerreicher Produkte auf das Brustkrebsrisiko über eine große koreanische Datengrundlage ein und kommt dabei zu einem Ergebnis, das im Detail differenziert: Nicht jede Zuckerform wirkt offenbar gleich, und nicht jede Altersgruppe zeigt denselben Effekt.
Technisch-methodisch basiert die Auswertung auf der Health-Examinees-Kohorte (HEXA) mit 71.264 Frauen im Alter von 40 bis 69 Jahren. Über einen mittleren Nachbeobachtungszeitraum von 9,2 Jahren wurden bis zum 31. Dezember 2018 insgesamt 713 neue Brustkrebsfälle über das koreanische Krebsregister erfasst. Die Ernährungsgewohnheiten wurden zu Beginn anhand eines 106-Item-Ernährungsfragebogens erhoben. Betrachtet wurden dabei nicht beliebige Süßigkeiten, sondern sieben klar definierte Lebensmittelgruppen, darunter gesüßte Cerealien, Kuchen und Kekse, Eiscreme, Limonade sowie auch Honig, Butter oder Margarine und gesüßter traditioneller Tee.
Die Kernaussage lautet: Frauen, die mehr als zwei Portionen hochzuckerhaltiger Lebensmittel pro Woche verzehrten, hatten im Vergleich zu Frauen mit maximal einer Portion pro Monat ein um 28 Prozent höheres Brustkrebsrisiko. Ähnlich fällt der Vergleich des höchsten mit dem niedrigsten Quartil der Zuckeraufnahme aus diesen spezifischen Produktgruppen aus: Wiederum zeigte sich ein identischer relativer Anstieg um 28 Prozent. Bei einzelnen Produkten wird es noch konkreter: Eiscreme mit mindestens einmal pro Woche zeigte einen grenzwertig signifikanten Risikoanstieg um 26 Prozent, gesüßte Cerealien bei einem Konsum von mindestens einmal alle zwei Monate waren mit einem um 34 Prozent höheren Risiko verbunden. Interessant ist dabei die Abgrenzung zu Obst: Zucker aus Früchten war in der Analyse nicht mit einem erhöhten Risiko assoziiert.
Besonders aufmerksam macht die Studie zudem, wie sich das Muster über Alter und Zuckerquellen verteilt. Unter 50 Jahren lag das Risiko um 52 Prozent höher, während ab einem Alter von 50 Jahren kein statistisch signifikanter Anstieg beobachtet wurde. Außerdem fanden die Autorinnen und Autoren einen signifikanten Zusammenhang bei Frauen, die Alkohol konsumieren. Gleichzeitig berichten sie, dass für mehrere weitere Faktoren keine statistisch messbare Risikoerhöhung sichtbar war, darunter die Gesamtaufnahme an Zucker, Fruchtzucker, Obst, Kohlenhydraten und Fett. Auch Limonade, Kuchen und Kekse, Süßigkeiten, Marmelade, Butter sowie traditioneller Tee zeigten in bestimmten Gesamtbetrachtungen keinen signifikanten Zusammenhang. Der Hinweis, dass Obst zwar im Durchschnitt rund 43 Prozent der Zuckeraufnahme stellt (bei einer durchschnittlichen Gesamtzufuhr von 44 Gramm Zucker pro Tag), aber ohne gesteigertes Brustkrebsrisiko einherging, unterstreicht die Botschaft: Entscheidend scheint nicht nur „Zucker ja oder nein“, sondern die Lebensmittelstruktur und die Quelle.
Damit sind auch die Grenzen der Aussage klar umrissen. Die Forschenden stufen die Studie explizit als Beobachtungsanalyse ein, weshalb sich keine Kausalität belegen lässt. Die statistische Zunahme von „28 Prozent“ beschreibt zudem ein relatives Risiko, nicht die Wahrscheinlichkeit, dass 28 von 100 Frauen erkranken. Hinzu kommt, dass die Ernährung nur einmalig zu Beginn der Nachbeobachtung erhoben wurde; zwischen natürlichem und zugesetztem Zucker wurde nicht getrennt; detaillierte Informationen zu Tumorstadien, Tumortypen, molekularen Subtypen oder zum Menopausenstatus lagen nicht vor. Gerade bei Ernährungsdaten ist zudem eine Restkonfundierung möglich, also Faktoren, die statistisch nicht vollständig erfasst wurden und das Ergebnis beeinflussen könnten.
Für die Praxis ergibt sich daraus vor allem eine technisch-analytische Lehre: Wenn Unternehmen und Medizinteams Ernährungssysteme bewerten, sollten sie stärker nach Produktgruppen, Portionsmustern und Kontext filtern statt pauschal nur nach „Zucker pro Tag“. Die Studie liefert dafür einen Ansatzpunkt, indem sie genau diese Differenzierung („stark zuckerhaltige Produkte“ versus „Zucker aus Früchten“) sichtbar macht. Als mögliche biologische Mechanismen nennt die Arbeit den Glukose- und Insulinstoffwechsel sowie Körperfett nach den Wechseljahren; zugleich sehen die Autoren keinen Anlass, Süßigkeiten grundsätzlich vollständig zu meiden. Im Branchenkontext zeigt sich damit auch, warum Präventionsbotschaften immer häufiger mit Datenlogik statt mit Einzelforderungen arbeiten: Statt nur Nährstoffwerte zu nennen, geht es um Mustererkennung in realen Essgewohnheiten. Für die nächste Forschungsstufe wären deshalb Studien mit wiederholten Messzeitpunkten, besserer Trennung von zugesetztem und natürlichem Zucker sowie feineren klinischen Subgruppen besonders wertvoll.
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