BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Trotz eines leichten Rückgangs der Abschiebungen aus Deutschland nehmen Rückführungen in die Türkei weiter zu. Aus den Daten des Bundesinnenministeriums geht hervor, dass die Türkei zwischen Anfang Januar und Ende September 2025 der wichtigste Zielstaat war. Gleichzeitig verschiebt sich das Bild bei den Ausreisen: Staatlich geförderte freiwillige Ausreisen steigen im Bund-Länder-Programm REAG/GARP deutlich. Offen bleibt, wie sich dieser Mix aus erzwungenen Rückführungen und geförderten Ausreisen künftig auf Familien und besonders Betroffene auswirkt.

In den ersten neun Monaten des Jahres zeichnet sich ein widersprüchliches Bild ab: Während die Zahl der Abschiebungen aus Deutschland insgesamt leicht sinkt, steigen die Rückführungen in die Türkei entgegen dem allgemeinen Trend. Laut einer Antwort der Bundesregierung auf eine schriftliche Frage der innenpolitischen Sprecherin der Linksfraktion, Clara Bünger, zeigen die vom Bundesinnenministerium gelieferten Daten vor allem bei der Zielregion eine deutliche Verschiebung. Für die politische Debatte ist dabei weniger die Gesamtsumme entscheidend als die Verteilung nach Zielländern, weil sie eine andere Logik bei Durchführbarkeit, Terminierung und rechtlicher Detaillage widerspiegelt.
Rein rechnerisch wird die Dominanz der Türkei in den Zahlen besonders sichtbar: Von insgesamt 14.324 aus Deutschland abgeschobenen Ausländern wurden 2.025 Menschen in die Türkei gebracht. Damit lag die Türkei auf der Liste der häufigsten Zielstaaten vor Georgien (883) und Algerien (629). Auch der Vergleich zur Vorjahresperiode liefert Kontext: Insgesamt ist ein Rückgang der Abschiebungen um rund 18,9 Prozent zu sehen. Auf den ersten Blick wirkt das wie eine Entspannung, in der Praxis hängt die Bewertung jedoch stark davon ab, welche Rückführungsrouten tatsächlich weniger geworden sind und welche Zielstaaten im gleichen Zeitraum eher stabil oder sogar stärker wurden.
Technisch betrachtet lässt sich aus der Bundesregierung-Antwort vor allem eines ableiten: Die Wirkung von Abschiebungen entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern in einem Netzwerk aus Verfahren, Identitätsklärung und Zugangsbedingungen. Im Text wird beispielsweise die unterschiedliche Einreisepraxis genannt: Algerische Staatsangehörige benötigen für die Einreise nach Deutschland grundsätzlich ein Visum, während Georgier mit biometrischem Reisepass für kurze Besuche visumfrei einreisen dürfen. Solche Rahmenbedingungen beeinflussen nicht nur die Einschätzung von Erfolgschancen, sondern auch die Planbarkeit von Terminen, die Verfügbarkeit von Dokumenten und die praktische Abwicklung im operativen Prozess. Dass die Rückführungen in die Türkei weiter zunehmen, obwohl die Abschiebungen insgesamt sinken, deutet daher auf eine spezifische Konstellation in Bezug auf Durchführbarkeit hin.
Ein weiterer Punkt betrifft die Frage, wie sich staatliche Maßnahmen zwischen „schwierigen Fällen“ und „Einzelfällen“ unterscheiden. Die Antwort nennt, dass Abschiebungen nach Syrien, vor allem von Straftätern, weiterhin schwierig seien, aber in Einzelfällen möglich bleiben. Die Bundesregierung führt dazu aus, dass seit Jahresbeginn bisher sechs Abschiebungen in das arabische Land erfolgt seien. Gerade solche Formulierungen sind für die Einordnung wichtig: Sie zeigen, dass nicht jeder Rückführungsweg gleich gut funktioniert und dass die Daten nicht nur aus „politischem Willen“, sondern aus juristischen und organisatorischen Realitäten entstehen, die sich je nach Herkunft, Einzelfall und Sicherheits-/Dokumentenkonstellation unterscheiden.
Gleichzeitig verschiebt sich das Bild bei der Ausreiseseite: Der Rückgang bei Abschiebungen bedeutet offenbar nicht, dass ausreisepflichtige Personen insgesamt deutlich weniger das Land verlassen. Vielmehr steigt die Zahl der staatlich geförderten freiwilligen Ausreisen. Für den Zeitraum zwischen Januar und September 2025 nennt das Bundesinnenministerium insgesamt 12.263 Menschen, die Deutschland über das Bund-Länder-Programm REAG/GARP verlassen haben. Ein Jahr später, mit vorläufigen Zahlen, sind es 14.140 Personen, die sich für eine solche staatlich geförderte Ausreise entschieden. Hier entsteht ein politisch relevanter Zielkonflikt: Während Abschiebungen als Zwangsmaßnahme in den Schlagzeilen dominieren, verlagert sich ein Teil der realen Bewegung in Richtung geförderter freiwilliger Ausreise.
Clara Bünger bewertet genau diesen Unterschied in der Wirkung auf betroffene Menschen. Sie sagt: „Trotz des Rückgangs erreichen mich viele Nachrichten über Familientrennungen, Abschiebungen von Kindern und Jugendlichen, die in die Schule gehören statt in den Abschiebeflieger oder Abschiebungen von kranken und pflegebedürftigen Menschen.“ Inhaltlich greift sie damit ein Thema auf, das in der nüchternen Statistik zwar mitschwingt, aber nicht direkt ausgewiesen wird: Wie sich Maßnahmen im Alltag auswirken, insbesondere bei Gruppen, deren Lebensumstände komplexer sind. Büngers Kritik stellt damit nicht nur die Frage nach der Zahl pro Tag, sondern nach der menschlichen und sozialen Konsequenz; zudem legt sie nahe, dass die statistische Gesamtentwicklung die wahrgenommene Belastung einzelner Familien nicht automatisch reduziert.
Auch wenn im Text von „rund 52 Abschiebungen pro Tag“ die Rede ist, bleibt die entscheidende Frage, welche Mischung aus erzwungenen Rückführungen und geförderten Ausreisen langfristig entsteht. Aus politischer Sicht stellt sich damit die Planungslogik: Wenn Abschiebungen zwar sinken, aber bestimmte Zielstaaten weiterhin zunehmen, kann die Gesamtentlastung begrenzt bleiben. Umgekehrt kann die wachsende Zahl freiwillig geförderter Ausreisen den Fokus auf Beratung, Übergänge und die Koordination von Unterstützungsleistungen verschieben. Für Verwaltung und Behörden bedeutet das wiederum einen höheren Koordinationsaufwand zwischen Zuständigkeiten und Programmen, weil sich verschiedene Wege der Ausreise parallel realisieren.
Für die weitere Entwicklung wird entscheidend sein, ob sich der Trend bei den Zielstaaten fortsetzt oder ob der Rückgang bei Abschiebungen wieder breiter greift. Ebenso offen ist, wie sich die vorläufigen Zahlen im kommenden Quartal stabilisieren und ob der Anstieg bei REAG/GARP-Anträgen auch über den beschriebenen Zeitraum hinaus anhält. Im Kern zeigt die Antwort der Bundesregierung eine statistische Realität mit zwei Geschwindigkeiten: weniger Abschiebungen insgesamt, aber mehr Rückführungen in die Türkei sowie parallel mehr freiwillig geförderte Ausreisen. Genau diese Kombination macht politische Entscheidungen und öffentliche Kontrolle so anspruchsvoll, weil sie nicht mit einer einzigen Kennziffer erklärbar ist.
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