LONDON (IT BOLTWISE) – Die Eurogruppe berät am Montag über anstehende EZB-Vakanzen und die Besetzung im Direktorium. Mit dem angekündigten Abgang von Isabel Schnabel und dem späteren Ausscheiden von Christine Lagarde wird ein Personalpaket erwartet, das auch Philip Lane betreffen kann. Parallel rücken US-Inflationsdaten in den Fokus, während Eurostat für das dritte Quartal ein kräftigeres Wachstum bestätigt. Für Märkte und Unternehmen wird damit die nächste Zins- und Konjunkturdiskussion greifbar.

Die nächste Phase der Geldpolitik im Euroraum bekommt ein sehr konkretes Gesicht: Die Finanzminister der Eurozone beraten am Montag über Vakanzen an der Spitze und im Direktorium der Europäischen Zentralbank. Hintergrund ist eine zeitlich gestaffelte Abfolge von Amtswechseln, die den Spielraum für eine Personalentscheidung ungewöhnlich stark verdichtet. Isabel Schnabel kündigte ihren Abgang zum 3. Januar an, Christine Lagarde folgt ihrem Termin zum 7. Februar. Damit entsteht für das Gremium ein eng getaktetes Fenster, in dem nicht nur Rollen neu verteilt werden, sondern auch der politische Ton der EZB nach außen sichtbar wird.
Bei den Kandidaten für die EZB-Spitze werden vor allem Klaas Knot aus den Niederlanden und Pablo Hernandez de Cos genannt. Beide sollen in den vergangenen Jahren in der Geldpolitik Pragmatismus gezeigt haben, allerdings mit unterschiedlichen Schwerpunkten: Hernandez de Cos wird eher der dovishen Seite zugeordnet, Knot eher der hawkishen. Genau diese Spannweite ist für die Märkte relevant, weil sie unmittelbaren Einfluss auf Erwartungen zur zukünftigen Zinskurve und damit auf die Preisbildung an Anleihe- und Währungsmärkten haben kann. Dazu kommt, dass Lagarde 2019 als überraschende Kandidatin galt und ihren Stil zuletzt als stark konsensorientiert beschrieben wurde.
Welche Personalentscheidung am Ende im EZB-Direktorium landet, hängt zudem an weiteren Vakanzen. Zu den genannten möglichen Bestandteilen zählt, dass das erwartete Personalpaket später auch den am 31. Mai scheidenden Chefvolkswirt Philip Lane einschließen dürfte. In den Augen vieler Beobachter ist gerade diese Kettenwirkung wichtig: Selbst wenn einzelne Ernennungen längerfristige Kontinuität signalisierten, kann eine Änderung auf der Chefvolkswirt-Ebene die Schwerpunktsetzung bei makroökonomischen Annahmen, Szenarien und damit bei der Kommunikation der Zentralbank spürbar verschieben. Auch Deutschland bleibt laut Bericht weiterhin im Direktorium vertreten, was in der Erwartung vieler Marktteilnehmer als Stabilitätsfaktor gelesen wird.
Während die EZB-Agenda intern verhandelt wird, liefert der Konjunkturblock von außen kurzfristigen Takt: In den USA dürfte laut Factset-Konsens der Inflationsdruck im Oktober zugenommen haben. Konkret wird ein Anstieg der Verbraucherpreise um 0,2 Prozent gegenüber dem Vormonat erwartet sowie 3,9 Prozent im Jahresvergleich (nach 3,7 Prozent im September). Für die Kernverbraucherpreise werden ebenfalls Werte in der Größenordnung von 0,2 Prozent im Monatsvergleich und 2,7 Prozent im Jahresvergleich prognostiziert. Die Veröffentlichung ist am Dienstag um 14.30 Uhr angesetzt, wobei die Federal Reserve besonders auf den Preisindex der persönlichen Konsumausgaben (PCE) achtet; dieser gilt als enges Fenster in die Konsumnachfrage und wird mit einer stärkeren Verzögerung veröffentlicht und aus Komponenten des Verbraucherpreisindex sowie des Erzeugerpreisindex gespeist.
Ergänzend steht am Freitag um 14.30 Uhr die Veröffentlichung der Erzeugerpreisdaten an, die für das Gesamtbild der Teuerung weiter von Bedeutung sind, weil sie Preisdynamik im Vorfeld des Konsums abbilden kann. Am gleichen Ende der Informationskette für Europa wird parallel eine Bestätigung aus dem Konjunkturraum erwartet: Eurostat soll das Wirtschaftswachstum im Euroraum für das dritte Quartal in einer ersten Schätzung bestätigen. Diese erste Schätzung zeigt zwar eine Abschwächung gegenüber dem Vorquartal, liegt aber weiterhin doppelt so stark wie erwartet. Das Bruttoinlandsprodukt steigt demnach um 0,4 Prozent gegenüber dem Vorquartal; Volkswirte hatten nur 0,2 Prozent prognostiziert. Die revidierten Daten kommen am Freitag um 11.00 Uhr, Analysten rechnen dabei damit, dass Eurostat das vorläufige Ergebnis bestätigt.
Maßgeblich an der Wachstumsüberraschung waren dem Bericht nach neben Irland (plus 5,5 Prozent) auch Deutschland, dessen BIP um 0,2 Prozent zulegte statt der erwarteten 0,0 Prozent. Gleichzeitig bleibt ein wichtiger Interpretationspunkt: Nach schwachen Daten für August und September ist nicht auszuschließen, dass die Zahl später nach unten revidiert wird. Für Unternehmensplanung und Investitionsentscheidungen zählt genau diese Mischung aus Signalstärke und Unsicherheit. Ein besserer Verlauf im BIP kann die Stimmung verbessern und Kostenargumente entkräften, doch Revisionen erinnern daran, dass sich die Konjunktur noch in einem Übergang befindet.
In Summe treffen damit zwei Zeithorizonte aufeinander: Die Personalentscheidungen in der EZB strukturieren die mittelfristige geldpolitische Erwartungsbildung, während die kurzfristigen US-Daten über PCE und Verbraucher- sowie Erzeugerpreise den globalen Risikoappetit und die Erwartung an den nächsten Zinsschritt beeinflussen. Für den Euroraum bedeutet das, dass selbst das erfolgreichste Wachstumssignal nur dann dauerhaft wirkt, wenn es nicht von einer erneuten Inflationsdynamik überholt wird. Aus Unternehmenssicht heißt das: Wachstumsannahmen sollten weiterhin mit Zinssensitivität hinterlegt werden, insbesondere bei Projekten, deren Bewertung stark von Diskontierungssätzen abhängt. Gleichzeitig lohnt sich ein genauer Blick darauf, wie die EZB ihre zukünftigen Schwerpunktsetzungen kommuniziert, denn die Zusammensetzung im Direktorium entscheidet häufig darüber, ob Konsenslinien gehalten oder stärker akzentuiert werden.
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