CHICAGO / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Auswertung von FDA-Meldungen verknüpft Energydrinks und stimulanzienhaltige Supplements mit mehr Herz-Kreislauf-Ereignissen. Besonders bei Erwachsenen zwischen 18 und 34 Jahren häufen sich Berichte zu Herzstillstand, Herzinfarkt und Rhythmusstörungen. Die American Heart Association stellt die Ergebnisse im Rahmen der AHA Scientific Sessions vor. Gleichzeitig betonen die Forschenden die Grenzen der Beobachtungsstudie und den Unterschied zwischen Häufung in Meldungen und tatsächlicher Wahrscheinlichkeit.

Wer Energydrinks oder Pre-Workout-Produkte als „schnellen Kick“ nutzt, bekommt jetzt eine neue Risikoperspektive auf den Tisch: Eine Studie im Umfeld der American Heart Association bringt stimulanzienhaltige Produkte mit ernsten Herzproblemen in Verbindung. Vorgestellt werden die Ergebnisse im Rahmen der AHA Scientific Sessions in Chicago vom 6. bis 9. November 2026. Im Zentrum steht eine retrospektive, beobachtende Auswertung, die nicht nach Ursachen sucht, sondern Muster in gemeldeten Ereignissen. Für Unternehmen, Kliniken und Selbstoptimierer ist dabei weniger die Schlagzeile entscheidend als die Frage, welche biologischen Effekte Stimulanzien im Zusammenspiel mit bereits bestehenden oder bislang unentdeckten Herzkonditionen auslösen könnten.
Technisch betrachtet arbeitet die Studie mit einem Datenansatz, der für Pharmakovigilanz typisch ist: Es wurden mehr als 28.000 Berichte zu kardiovaskulären Ereignissen ausgewertet, die bei der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA eingereicht wurden. Zu den erfassten Ereignissen zählen Herzstillstand (cardiac arrest), Herzinfarkt (myocardial infarction), ventrikuläre Arrhythmien, Herzklopfen (palpitations), Tachykardie (schneller Puls), Brustschmerz (chest pain) sowie Synkope (Ohnmacht). Besonders auffällig ist laut AHA die Relation zwischen Meldungen, die Produkte mit Koffein und weiteren Stimulanzien betrafen, und Meldungen zu Produkten ohne diese Inhaltsstoffe: Der Herzstillstand tauchte dabei etwa 11-mal so häufig auf. Herzinfarkte wurden ungefähr 4,5-mal so oft berichtet, ventrikuläre Arrhythmien und Herzklopfen etwa viermal so häufig.
Die wichtigste Einordnung folgt direkt aus der Art der Daten: Es handelt sich um eine Assoziationsstudie, nicht um den Beleg einer Kausalität. Der Studiendesigner kann weder die tatsächliche Konsummenge pro Person noch die Häufigkeit von nicht gemeldeten Symptomen berücksichtigen. Colin Kane, Kinderkardiologe und Service Chief an Children’s Health sowie Professor an UT Southwestern Medical Center, fasst diese Lücke sinngemäß als Problem der Dunkelziffer zusammen: „We don’t know how many people consumed these drinks and didn’t report symptoms or those who maybe had symptoms and didn’t report them.“ Genau dieses „Reporting-Bias“-Risiko ist in der Praxis der Grund, warum Häufigkeitsverhältnisse aus Meldesystemen nicht als Wahrscheinlichkeiten interpretiert werden dürfen.
Unabhängig davon liefern die Resultate einen harten Hinweis auf mögliche Mechanismen, die in der Kardiologie seit Jahren diskutiert werden: Stimulanzien erhöhen nicht nur die Herzfrequenz, sondern können je nach Person und Dosierung auch die elektrische Stabilität des Herzens beeinflussen. In der Auswertung stiegen daher nicht nur Ereignisse wie Herzstillstand und Herzinfarkt, sondern auch Symptome wie erhöhter Herzschlag, Brustschmerz und Ohnmacht innerhalb der Gruppe, die solche Substanzen konsumierte. Hinzu kommt eine demografische Zuspitzung: Etwa 45% der berichteten kardiovaskulären Ereignisse, die mit stimulanzienhaltigen Produkten zusammenhängen, betrafen Erwachsene im Alter von 18 bis 34 Jahren. Das ist relevant, weil diese Gruppe in vielen Ländern besonders häufig zu Energydrinks, Smoothies, Proteinriegeln oder Nahrungsergänzungen greift – und weil mögliche Risikofaktoren (z. B. vererbte Rhythmusstörungen) häufig erst später diagnostiziert werden.
Die AHA benennt als stimulanzienhaltige Wirkstoffe vor allem Koffein sowie weitere Bestandteile wie Methylxanthine, Guarana, Yerba Mate, Synephrin und Yohimbin – ergänzt um „andere Verbindungen“. Konsummuster lassen sich aus den Produktkategorien ableiten, die in den Meldungen auftauchten: Softdrinks, Meal-Replacement-Shakes, Protein-Bars, Smoothies und Vitamine. Die Studie ordnet damit die Debatte auch entlang einer typischen Industrie-Realität ein: Viele Produkte kombinieren Koffein mit weiteren stimmulierenden Inhaltsstoffen. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Effekte additiv wirken oder sich in ihrer Wirkung überlagern. In der Praxis könnte bereits eine „kleine Portion“ problematisch werden, wenn mehrere Produkte am selben Tag zusammenkommen.
Für die konkrete Risikokommunikation ist außerdem die Dosisfrage zentral. Die AHA verweist auf eine 2026 veröffentlichte wissenschaftliche Stellungnahme, nach der für Erwachsene im Allgemeinen bis zu 400 mg Koffein pro Tag als sicher gelten. Das entspricht grob bis zu fünf 8-Unzen-Tassen normalen, koffeinhaltigen schwarzen Kaffees. Die Autorinnen und Autoren argumentieren jedoch mit dem „Produktdesign“: Manche Energydrinks enthalten pro Flüssigunze etwa das Dreifache an Koffein im Vergleich zu aufgebrühtem Kaffee, und bestimmte Pre-Workout-Supplements kommen eigenen Angaben zufolge auf mehr als das 12-fache. Dr. Pamela Benavidez, Senior Study Author und Kardiothorax-Anästhesiologin am Fairfield Medical Center, beschreibt daraus abgeleitet die praktische Konsequenz: „This means one small serving can easily surpass the advised daily limit or more.“ Auch Benavidez weist darauf hin, dass zusätzliche Stimulanzien wie Synephrin oder Yohimbin enthalten sein können, deren Interaktion mit Koffein bislang nicht vollständig verstanden ist – besonders bei jungen, gesunden Menschen.
Die Empfehlungen der Forschenden zielen deshalb auf Monitoring statt Panik: Junge Menschen sollen ihren Koffeinkonsum sorgfältig im Blick behalten und während oder nach dem Gebrauch auf Warnzeichen achten, darunter Herzklopfen, Brustschmerz oder -druck, Schwindel, Ohnmacht sowie ein schneller oder unregelmäßiger Herzschlag. Benavidez rät Betroffenen, bei solchen Symptomen sofort medizinische Hilfe zu suchen. Außerdem gilt ein besonders vorsichtiger Ansatz für Menschen mit bekannten Herzerkrankungen, familiärer Belastung durch plötzliche Herztod-Ereignisse oder für Personen, die Medikamente einnehmen, die als Stimulanzien wirken oder Herzfrequenz und -rhythmus beeinflussen können. Colin Kane ergänzt die klinische Perspektive um ein weiteres Problemfeld: „And there’s a whole group of people who may have an underlying heart condition that they’re not diagnosed with yet.“ Damit rückt die Studie auch das Thema „unentdeckte Risikoprofile“ in den Fokus.
Gleichzeitig mahnen mehrere Stimmen zur Interpretation mit Augenmaß. Die Studie selbst bezeichnet die Ergebnisse als vorläufig und hebt hervor, dass sie noch nicht als vollständig begutachtetes Manuskript veröffentlicht wurde. Auch der beobachtende Charakter bedeutet: Selbst wenn bestimmte Produktkategorien in Meldungen überrepräsentiert sind, kann die Studie nicht beweisen, dass die Produkte die Ereignisse verursacht haben. Kane nennt zudem mögliche Mitfaktoren wie Alkohol- oder Drogenkonsum, intensiven Sport und unerkannte Herzerkrankungen. Aus Sicht der Industrie wird in der Regel darauf verwiesen, dass Energydrinks in vielen Ländern seit Jahren konsumiert werden und dass Behörden die Sicherheitslage für moderaten täglichen Koffeinkonsum auf Basis der wissenschaftlichen Gesamtlage bewertet haben. Auch Vertreter des Ernährungs-Supplement-Sektors kritisieren die fehlende Steuerbarkeit zentraler Variablen: Wenn nicht bekannt ist, wie häufig Verbraucher die Produkte tatsächlich nutzen, ob es zu Über- oder Fehlanwendung kommt und welche Koffeinmenge pro Portion wirklich ankommt, lässt sich die Inzidenz schwer berechnen. Für die Praxis bleibt daher der Kern des technologischen wie medizinischen Fazits: Meldesysteme liefern ein wichtiges Frühwarnsignal, aber erst kontrollierte Studien und bessere Expositionsdaten können daraus belastbare Risikoquoten für die reale Bevölkerung ableiten.
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