TIROL / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Schwarzmilzferner auf der Tiroler Seite der Allgäuer Hochalpen verliert nach dem Hitzesommer seinen Gletscherstatus. Ursache ist nicht nur der starke Masseverlust, sondern vor allem das Erlöschen der Fließbewegung. Forschende dokumentieren seit Jahren deutlich abnehmende Eismasse, seit 2022 mit spürbarer Beschleunigung. Für die Alpen ist damit ein weiterer klarer Schritt in Richtung eisfreier Zukunft verbunden.

Der Schwarzmilzferner ist kein Einzelfall mehr, sondern ein gut sichtbares Signal für den Strukturwandel kleiner Alpengletscher: Nach einem extremen Hitzesommer hat das Eisfeld auf der Tiroler Seite der Allgäuer Hochalpen seinen Status als Gletscher verloren. Laut den Beobachtungen von Christoph Mayer von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, der den Gletscher mit Kollegen seit 26 Jahren verfolgt, geht die Veränderung inzwischen so weit, dass nicht nur die Menge des Eises abnimmt, sondern die charakteristische Dynamik des Eises ausbleibt. Genau darin steckt der Kern der neuen Einordnung.
Wie stark der Verlust bereits ist, zeigt die Größenordnung, die im Sommer 2024 genannt wird: Das Eisfeld büßte mehr als vier Meter Dicke ein und verlor rund die Hälfte seines Volumens. Diese Zahlen sind nicht bloß „Kulisse“, sondern bestimmen, wie ein Eisfeld physikalisch reagiert. Ein Gletscher wird durch seine eigene Masse „angetrieben“: Je geringer die Eisdicke und je schwächer das Volumen, desto weniger Spannungen entstehen im Untergrund, desto geringer wird der Beitrag der Schwerkraft zur Bewegung. Am Schwarzmilzferner scheint diese Kette nach dem jüngsten Schub in eine neue Stabilität ohne Fließen übergegangen zu sein.
Für die wissenschaftliche Definition ist die Bewegung des Eises entscheidend. In vielen populären Beschreibungen wird Gletscherrückgang oft über die sichtbare Abnahme der Eisfläche erklärt. Beim Schwarzmilzferner kommt jedoch hinzu, dass das Eis nicht mehr fließt. Mayer und sein Team machen damit einen Punkt stark, der in der Praxis häufig untergeht: Solange ein Eisfeld noch eine nennenswerte Fließbewegung zeigt, bleibt es – unabhängig davon, wie klein es geworden ist – eher in einem gletscherartigen Zustand. Fällt dieses Kriterium weg, wird aus einem früher aktiven Eisstrom ein weitgehend ruhendes Eisrelikt.
Der weitere Zeithorizont wirkt vor diesem Hintergrund besonders klar. Nach Einschätzung Mayers wird der Schwarzmilzferner nach dem kommenden Sommer voraussichtlich vollständig verschwunden sein. Das Eisfeld liegt auf der Südostseite von MÄdelegabel und Hochfrottspitze auf rund 2450 Metern Höhe. Gerade diese Höhe macht die Entwicklung plausibel: Kleine Gletscher in den Alpen reagieren sehr empfindlich auf die Temperaturbilanz, weil ihnen die thermische „Pufferzone“ fehlt. Schneereiche Winter können die Bilanz kurzfristig verbessern, aber sie ersetzen keine dauerhaft kühleren Sommer, die das Schmelzen langfristig unterbinden.
Der Blick nach Osten verstärkt den Eindruck der Dynamik über den Einzelstandort hinaus. Mayer erwartet, dass die kompletten Ostalpen nach aktuellem Stand zwischen 2060 und 2070 eisfrei sein werden. Selbst ein Winter, der viel Neuschnee liefert, wirkt dann vor allem wie eine Verzögerung – nicht wie eine Rückkehr zu früheren Bedingungen. Gleichzeitig sind auch deutsche Gletscher betroffen: Die vier letzten deutschen Gletscher verloren bis 2025 innerhalb von zwei Jahren mehr als ein Viertel ihrer Fläche. Insgesamt gingen dabei rund eine Million Kubikmeter Eis verloren, wie Vermessungen von Wilfried Hagg von der Hochschule München und Mayer im vergangenen Jahr ergaben.
Unter den verbliebenen Eisfeldern gelten vor allem der Blaueisgletscher und der Watzmanngletscher in den Berchtesgadener Bergen als besonders bedroht. Bis Ende des Jahrzehnts könnte auch der Nördliche Schneeferner an der Zugspitze seinen Status verlieren; der Höllentalferner dürfte sich voraussichtlich am längsten halten, doch selbst für ihn bleiben nach den Angaben der Wissenschaftler maximal noch etwa zehn Jahre. Für die Region ist das mehr als ein Landschaftsthema. Mit dem Verschwinden der Eisflächen verändern sich alpine Messreihen, der Wasserhaushalt und Lebensräume, weil Gletscher in trockenen und warmen Perioden zwar nur einen begrenzten, aber regional wichtigen Beitrag zum Abfluss liefern.
Damit wird auch verständlich, warum der Schwarzmilzferner aus Sicht der Forschung so bedeutend ist: Der Status hängt nicht nur von einer sichtbaren Eisfläche ab, sondern davon, ob das Eis unter seinem eigenen Gewicht weiter „arbeitet“. Beim Schwarzmilzferner ist diese Bewegung nach dem starken Masseverlust erloschen – ein wissenschaftlich klarer Einschnitt. Aus einem ehemals fließenden Gletscher wird ein weitgehend ruhendes Eisrelikt. Die Entwicklung dürfte sich in den kommenden Jahren fortsetzen, besonders bei den kleineren Gletschern in den Berchtesgadener Alpen, während regionale Rückzugsbeobachtungen zugleich im größeren Zusammenhang mit der fortschreitenden Erwärmung des Alpenraums zu lesen sind.
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