NEW YORK / LONDON (IT BOLTWISE) – Advocacy, ein Startup aus dem Umfeld von Legal-Tech für Prozessführung, arbeitet in einer Design-Partnerschaft mit der New Yorker Kanzlei Scott+Scott zusammen. Alle Anwälte der Kanzlei erhalten dabei Zugang zur Advocacy-Plattform, auf deren Basis maßgeschneiderte Lösungen für Kartell- und Wertpapierstreitigkeiten entstehen. Im Kern soll die KI Fallinformationen und Kontext über die gesamte Mandatslaufzeit hinweg konsistent nutzbar machen, um Discovery- und Drafting-Aufgaben zu beschleunigen. Die Beteiligten wollen damit auch sicherstellen, dass die Software die sich ständig weiterentwickelnden Arbeitsweisen von Streitpraktikern abbildet.

Advocacy und Scott+Scott: KI für Discovery und Schriftsätze in der Prozesspraxis
Advocacy und Scott+Scott: KI für Discovery und Schriftsätze in der Prozesspraxis (Foto: IT BOLTWISE)
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Die neue Design-Partnerschaft zwischen Advocacy und der in New York ansässigen Kanzlei Scott+Scott zeigt, wie schnell sich KI-gestützte Software in der Streitpraxis von „Add-on“ zu echter Arbeitsumgebung entwickelt. Advocacy positioniert seine Plattform explizit so, dass sie Fallinformationen und den jeweiligen Kontext über die Laufzeit eines Mandats hinweg verfügbar hält. Genau an dieser Stelle setzt der Bedarf vieler Litigation-Teams an: In großen Verfahren entstehen aus E-Mail-Korrespondenz, Vertragsunterlagen, Zeugenaussagen und Dokumentenketten schnell heterogene Wissensinseln. Wer diese Informationen später wiederfinden und in Entwürfe oder strategische Entscheidungen übersetzen muss, spart Zeit vor allem dann, wenn Dokumente nicht nur durchsucht, sondern im richtigen Zusammenhang wieder „verankert“ werden.

Unter dem Abkommen stellen die Partner Scott+Scott-Anwälten den Zugang zu Advocacy bereit und planen gemeinsam kundenspezifische Lösungen für die Kartell- und Wertpapierpraxis. Technisch wird die Plattform dabei als „KI-gestützt“ beschrieben, aber der praktisch relevante Punkt ist die Nutzbarkeit: Die Lösung soll Discovery- und Drafting-Aufgaben strukturieren, indem sie Informationen so bereitstellt, dass sie in späteren Arbeitsschritten nicht jedes Mal neu interpretiert werden müssen. Das ist weniger ein reines Automatisierungsversprechen als eine Frage der Daten- und Kontextführung über Prozessphasen hinweg. Gerade in antitrust- und securities-getriebenen Streitigkeiten entscheidet häufig nicht die rechtliche Theorie, sondern die Fähigkeit, Ereignisse zeitlich, kausal und in ihrer Beweiskette sauber aufzubereiten.

Für Advocacy ist der Schritt zudem eine Rückkopplungsschleife an die eigene Produktentwicklung: Laut den Aussagen von CEO und Mitgründer Téo Doremus arbeiten bei dem Startup überwiegend ehemalige Streitpraktiker. Diese Herkunft macht die Partnerschaft strategisch sinnvoll, weil das Tool nicht nur „performen“ muss, sondern die reale Arbeitslogik im Kanzleialltag treffen soll. Doremus argumentiert sinngemäß, dass die Rechtslage sich ändern kann, während das eigentliche Ziel – präzise und wiederverwendbar zu arbeiten – gleich bleibt. Genau deshalb richtet sich das Design der Funktionen an den Bedürfnissen der Anwender aus: konsistente Arbeitsprodukte, kontinuierliche Aktualisierung zu bestimmten Themen und ein Workflow, der große Fallkomplexität handhabbar macht.

Auf Scott+Scott-Seite geht es gleichzeitig um die Frage, wie stark Software an die spezifische Mandatsarbeit angepasst werden muss. Der Partner Patrick McGahan beschreibt die Zusammenarbeit als Möglichkeit, „bespoke“ Use Cases mit einem Softwareanbieter zu entwickeln, dessen Produkt auf den Zuschnitt der eigenen rechtlichen Arbeit reagieren kann. Besonders deutlich wird dabei der Praxisbezug in der bereits erfolgten Vorarbeit: Obwohl die Partnerschaft erst diese Woche offiziell angekündigt wurde, hatte die Kanzlei die Advocacy-Plattform schon vorher genutzt, um potenzielle Ansprüche für bestehende Mandate zu identifizieren. Das klingt zunächst nach einem klassischen „Claim-Flagging“-Szenario, ist in der Streitpraxis aber häufig der Startpunkt der nächsten Schritte: Welche Schädigungen sind erkennbar, welche Indizien verdienen Nachprüfung, und in welcher Form werden diese Informationen an Mandanten herangetragen?

Die Tiefe der bisherigen Integration reicht über Fallidentifikation hinaus. Nach den Angaben im Artikel haben beide Seiten bereits an Funktionen gearbeitet, die sich auf Aufgaben wie die Vorbereitung von Depositionen sowie auf die automatisierte Erstellung von Dokumenten auswirken – darunter die Produktion standardisierter Dokumente wie Protokolle für elektronisch gespeicherte Informationen (ESI) und Schutzanordnungen. Aus technischer Sicht ist das bemerkenswert, weil es unterschiedliche Automatisierungsarten berührt: Bei Depositionen geht es typischerweise um strukturierte Vorbereitung und konsistente Dokumentation, bei ESI-Protokollen um wiederholbare, formatkritische Artefakte. Gerade dort wird KI für Kanzleien wertvoll, wo sie nicht nur Text „generiert“, sondern Regeln, Vorlagen und Kontexte zusammenführt, ohne dass Teams anschließend manuell zu viel Korrekturaufwand einkalkulieren müssen.

Dass die Lösungen als proprietär angekündigt werden, unterstreicht wiederum einen zweiten Aspekt der Marktlogik: Kanzleien wollen Wettbewerbsvorteile nicht an generische Software-Features abgeben. Doremus argumentiert, dass die Antwort auf KI im Litigation-Umfeld nicht allein über externe Vendoren kommen müsse. Stattdessen könnten Kanzleien – bzw. deren Innovations- und Tech-Teams – Custom-Entwicklung betreiben oder Partnerschaften so gestalten, dass Kernwissen im eigenen Haus bleibt. Die Partnerschaft wird damit auch zu einem Organisationsprojekt: Wenn ein Tool über Mandatsphasen hinweg konsistent Informationen nutzt, entsteht eine Art eigener „Kanzlei-Arbeitsgedächtnis“-Schicht, die das Unternehmen in die Lage versetzt, schneller zu iterieren als nur mit starren Standardprodukten.

Für die Praxisgruppen bleibt allerdings die offene Herausforderung: Fallkomplexität, nicht die Rechtsnorm. McGahan hebt sinngemäß hervor, dass das materielle Recht oft weniger „knifflig“ sei als das tatsächliche Beweisproblem – also Fragen wie Wirkung, zeitlicher Ablauf und die konkrete Rekonstruktion von Ereignissen. In antitrust- und securities-nahen Fällen ist die Datenlage häufig groß, zudem sind die Faktensachverhalte in der Regel nicht sauber strukturiert. Genau deshalb adressiert das Advocacy-Konzept—Informationen und Kontext über die Zeit zu erhalten – einen Kernschmerz. Es ist weniger das Finden einzelner Dokumente, sondern das fortlaufende Verknüpfen von Befunden mit Argumentationslinien über Monate oder Jahre hinweg.

Unterm Strich ist die Design-Partnerschaft ein Beispiel dafür, wie Legal-Tech-Entwicklung zunehmend von der Plattformebene in Richtung Arbeitsabläufe wandert. Statt nur „KI für Suche“ zu liefern, bauen die Beteiligten Funktionen, die Discovery und Drafting in einem durchgehenden Kontextmodell unterstützen sollen. Für andere Kanzleien liefert die Kombination aus frühem Pilot-Einsatz (etwa zum Claim-Flagging), konkreten Artefakten (ESI-Protokolle, Schutzanordnungen) und der Ausrichtung auf große faktische Muster eine Blaupause: Nicht jede Lösung muss für alle Praxisgruppen identisch sein, aber die zugrunde liegenden Muster – konsistente Arbeitsprodukte und kontextbewusste Wissensnutzung – sind oft über mehrere Spezialgebiete wiedererkennbar. Die nächste entscheidende Frage wird sein, wie sich der nutzbare Kontext in der Praxis messen lässt: in Durchlaufzeiten, Qualität der Entwürfe und dem Maß an manuellem Nacharbeiten, das Teams auch bei großen Datensätzen noch investieren müssen.


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