BOSTON / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie ordnet das Risiko für Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) nach US-Militärzweig und Rang. Männer mit Veteranenstatus der Air Force, der Navy und der Coast Guard hatten im Vergleich zur Army höhere ALS-Raten. Bei Marine-Veteranen zeigten sich dagegen niedrigere Raten. Zusätzlich berichten die Autoren höhere ALS-Raten bei Offizieren als bei eingestuften Soldaten.

Die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) bleibt trotz intensiver Forschung eine seltene, fortschreitende Erkrankung, bei der Nervenzellen im Gehirn und Rückenmark degenerieren. Betroffene verlieren mit der Zeit die Fähigkeit, Muskelbewegungen zu starten und zu kontrollieren; in der Folge kann es bis zu vollständiger Lähmung kommen. Nach Angaben aus der Studie liegt die durchschnittliche Überlebensdauer nach Diagnosestellung bei zwei bis fünf Jahren. Vor diesem Hintergrund ist die Frage, warum das ALS-Risiko bei bestimmten Bevölkerungsgruppen erhöht sein könnte, besonders relevant, auch wenn die absolute Wahrscheinlichkeit insgesamt klein bleibt.
Die neu veröffentlichten Ergebnisse erschienen am 29. Juli 2026 im Journal Neurology der American Academy of Neurology und stützen sich auf einen sehr großen Datensatz aus der Veterans Health Administration. Analysiert wurden über einen Zeitraum von 24 Jahren insgesamt 9.157.938 Männer und 784.941 Frauen. Die Zahl der ALS-Fälle lag bei 13.935 Männern und 484 Frauen. Damit eignet sich die Kohorte, um vergleichsweise feine Unterschiede zwischen Untergruppen statistisch sichtbar zu machen, etwa zwischen einzelnen Teilstreitkräften oder zwischen Dienstgraden.
Ein zentraler Befund betrifft die Streuung des Risikos über die US-Militärzweige. Nach Anpassung an Alter, Geschlecht und Ethnie zeigten Männer im Vergleich zu Army-Veteranen höhere ALS-Raten, wenn sie Veteranen der Air Force, Navy oder Coast Guard waren: Air Force um 29%, Navy um 15% und Coast Guard um 26% höher. Marine-Veteranen lagen dagegen bei einem um 22% niedrigeren Risiko. Wichtig ist dabei auch, wie die Autoren die Verteilung in der Lebensspanne beschreiben: Die Unterschiede zwischen den Zweigen waren besonders deutlich für Männer, die jünger als 61 Jahre waren, während sie bei Männern über 75 weniger ausgeprägt waren. Die zugrunde liegenden Fallzahlen zeigen zudem, wie unterschiedlich groß die Gruppen sind: Die Army stellt mit 4.694.658 Männern die größte Kohorte (6.660 ALS-Fälle), während die Coast Guard nur 77.023 Männer umfasst (133 ALS-Fälle).
Neben dem Zweig betrachtet die Studie auch den Rang. Die Autorenschaft erklärt den Zusammenhang dabei mit unterschiedlichen Belastungsprofilen im Dienst: Offiziere stünden häufiger unter psychosozialem Stress, während bei Piloten zusätzlich Faktoren wie hohe G-Kräfte, Lärm sowie Vibrationen und auch circadiane (Tagesrhythmus-)Störungen ins Spiel kommen. Eingeteilte Soldaten seien im Gegenzug häufiger extremen körperlichen Belastungen, der Nutzung schwerer Waffen sowie dem Umgang mit Kraftstoffen und Lösemitteln ausgesetzt. In den Daten spiegelt sich das insofern wider, als Offiziere im Vergleich zu eingestuften Personen höhere ALS-Raten zeigten: bei Männern um 64% und bei Frauen um 72%. Die Studie findet zudem einen weiteren Verlaufseffekt: Je länger der militärische Dienst, desto niedriger waren die ALS-Raten.
Die Interpretation solcher Muster ist allerdings zwangsläufig anspruchsvoll. Eine Kohortenanalyse kann aufzeigen, dass bestimmte Gruppen mit höheren Raten korreliert sind, sie kann aber nicht allein aus den vorliegenden Informationen zweifelsfrei erklären, welche konkreten Expositionen den Unterschied verursachen. Genau darauf zielt auch der nächste Forschungsschritt: Die Autoren sprechen davon, dass zukünftige Studien darauf abzielen sollten, die relevanten Belastungen zu identifizieren. Zugleich betonen sie, dass ALS insgesamt selten ist und selbst statistisch signifikante Erhöhungen als „nur“ moderate Zuwächse des Risikos zu verstehen sind. Außerdem nennen sie eine Einschränkung bei der Interpretation für Frauen: Weil es im Datensatz weniger Frauen gibt und ALS seltener ist, lassen sich Assoziationen möglicherweise nicht so vollständig auswerten wie bei Männern. Als unterstützende Institutionen werden in der Studie unter anderem Förderbeiträge der U.S.-Behörden sowie patientenbezogene Organisationen genannt.
Für die Praxis bedeutet das vor allem: Die Ergebnisse liefern ein neues Zielbild für die Hypothesenarbeit rund um ALS-Entstehung. Wenn sich Risiken nach Zweig und Rang differenzieren, lohnt sich der Blick auf Expositionskategorien, die in den jeweiligen Dienstrollen typischerweise auftreten – etwa mechanische Beanspruchung, Lärm- und Vibrationsmuster, Schlaf- und Rhythmusstörungen oder auch der Kontakt mit bestimmten Chemikalien. Gleichzeitig sollten Unternehmen und Forschungseinrichtungen, die sich mit Gesundheitstechnologien, Biostatistik oder klinischer Datenauswertung beschäftigen, den methodischen Wert großer Registerdaten berücksichtigen: Die Studie zeigt, wie ein langer Beobachtungszeitraum und eine sehr hohe Fallzahl pro Subgruppe helfen können, Unterschiede sichtbar zu machen, die in kleineren Datensätzen statistisch untergehen würden. Entscheidend wird sein, ob die nächste Welle von Untersuchungen die beobachteten Korrelationen in Richtung kausaler Mechanismen weiter aufschlüsselt.
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