FORT IRWIN, CALIFORNIA / LONDON (IT BOLTWISE) – Die US-Armee hat Anduril mit einem Vertrag über bis zu 1,8 Milliarden US-Dollar beauftragt, die NGC2-Bedienungssoftware von der Erprobung in die Einsatzreife zu überführen. Anduril baut dabei vor allem die „Common Data Baseline“ aus, die als Software- und Datenfundament für Sensoren, Waffen und Anwendungen dienen soll. Der Rollout startet unter anderem im I Corps, wo Systeme trotz tausender Kilometer Entfernung und zeitweise unterbrochener Konnektivität zusammenspielen müssen. Parallel zeigte die Armee im Rahmen von Project Convergence-Capstone 6, dass tausende Teilnehmende und viele Technologien NGC2 bereits im Feldkontext testen konnten.

Anduril erhält Vertrag bis zu 1,8 Mrd. USD für NGC2 der US-Armee
Anduril erhält Vertrag bis zu 1,8 Mrd. USD für NGC2 der US-Armee (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Entscheidung, Anduril nun direkt in die nächste Projektphase zu holen, wirkt wie ein Signal für Tempo und Standardisierung zugleich: Am 30. September erhielt das Unternehmen einen Vertrag mit einem Volumen von bis zu 1,8 Milliarden US-Dollar über fünf Jahre, um die neue Battlefield-Command-and-Control-Software der US-Armee von der Experimentierphase in die Feldbereitstellung zu überführen. Im Kern geht es dabei nicht um „noch ein einzelnes System“, sondern um eine wiederverwendbare Architektur für Daten und Integrationen, die neue Funktionen aufnehmen kann, ohne dass für jede Sensorik, jede Anwendung oder jede Waffenkategorie die komplette Softwarebasis neu gebaut werden müsste.

Technisch beschreibt Anduril dafür die eigene, KI-gestützte Betriebsschicht „Lattice“ als Grundlage und setzt auf einen Ansatz, der in der Meldung explizit als „common data layer“ bezeichnet wird. Diese gemeinsame Datenebene soll als Integrationsschicht fungieren: Sobald verschiedene Komponenten der Streitkräfte auf diese Grundlage zugreifen, können neue Fähigkeiten auf derselben Basis entstehen, statt jedes Mal die darunterliegende Architektur neu zu entwickeln. Für den Betrieb ist das entscheidend, weil sich im Gefechtsfeld nicht nur die Datenquellen ändern, sondern auch der Zustand der Verbindung – die eigentliche Hürde liegt also darin, dass Systeme trotz begrenzter, unterbrochener oder degradierter Konnektivität kohärent bleiben.

Darum ist der nächste Ausbaupfad so konkret: Die Armee stattete Anduril mit 162,8 Millionen US-Dollar aus, um die „common data baseline“ weiterzuentwickeln, während sie NGC2 in das I Corps bringt. Das I Corps koordiniert Kräfte im Indo-Pazifik-Raum; dort prallen häufig lange Distanzen, unterschiedliche Netzinfrastrukturen und wechselnde Funk- und Datenverhältnisse aufeinander. Für Entwickler und Integratoren bedeutet das, dass sie Mechanismen brauchen, die den Zugriff auf dasselbe Netzwerk- und Datenmodell auch dann ermöglichen, wenn die beteiligten Systeme zeitweise nicht „durchgehend“ verbunden sind – also wenn Synchronität, Aktualität und Datenqualität neu ausgehandelt werden müssen.

Als wichtiger Belastungstest dient dabei die bereits laufende Kette aus Übung und Skalierung. Im Kontext von Project Convergence-Capstone 6 veranstaltete die Armee im Juli 2026 für zehn Tage am Fort Irwin in Kalifornien einen Feldversuch, bei dem 10.000 Teilnehmende aus den USA und verbündeten Kräften sowie Industriepartner mit 90 Technologien die Software für NGC2 testeten. Im Anschluss erhielt Anduril einen Auftrag, das Software-Prototyping für NGC2 für die 4th Infantry Division zu entwickeln – und im Verlauf des letzten Jahres wurden laut Meldung mehrere operative Übungen gemeinsam durchgeführt, um zu prüfen, wie die „common data layer baseline“ in realistischen Szenarien trägt.

Besonders greifbar wird die Ausrichtung auf „Edge“ und reale Einsatzbedingungen anhand der letzten Deployments: Im Mai setzte Anduril NGC2 in Fort Carson und Pinon Canyon ein, mit mehr als 160 taktischen Edge-Computern, über 2.500 Geräten und 40 Anwendungen. Gleichzeitig mussten die Systeme sich durch Simulationen von Cyber- sowie elektromagnetischen Angriffen navigieren – ein Setup, das auf die Robustheit der Datenflüsse abzielt, nicht nur auf die Funktion im Idealzustand. Zwei Monate später erklärte die Armee nach einer gemeinsamen Übung am Fort Irwin, dass das System bereit sei, skaliert zu werden; damit verschiebt sich das Projekt sichtbar von Labor- und Prototypkriterien hin zu Kriterien für Ausrollbarkeit und Betrieb.

In der Markt- und Branchenperspektive ist die Vertragsstruktur ebenfalls bemerkenswert: Die Basiszahlung wird durch Optionen ergänzt, wodurch der Gesamtumfang bis auf 1,8 Milliarden US-Dollar steigen kann. Solche Optionsmodelle sind in großen Verteidigungsprogrammen verbreitet, weil sie Meilensteine und Risikoreduktion abbilden, ohne die gesamte Skalierungsleistung sofort zu finalisieren. Gleichzeitig nennt die Meldung weitere Unterstützer für den Aufbau der baseline, darunter Palantir sowie Raft und Striveworks; das unterstreicht, dass NGC2 eher ein Ökosystem aus Daten- und Softwarekomponenten ist als ein einzelnes Produkt. Aus Unternehmenssicht verschiebt sich damit der Schwerpunkt von punktueller Piloterstellung hin zu langfristiger Engineering-Kapazität rund um Datenmodelle, Integrationsschnittstellen und die Frage, wie gut sich Informationen zwischen heterogenen Systemen in vielen Umgebungen hinweg transportieren lassen.

Strategisch ordnet die Armee NGC2 als Ersatz für das erste Command-and-Control-System ein, das die Steuerung von Feuer, Logistik und Luftraum im Gefechtsfeld unterstützt. Die Anforderung lautet, möglichst schnell zu implementieren; in diesem Kontext bleibt das Aussageelement von Dan Driscoll als ehemaliger Army Secretary nicht bei PR, sondern adressiert die operative Leitlinie: Nicht „zu langsam“ zu sein, sei ein Sicherheits- und Verteidigungsrisiko, weil das schnellste Erkennen, Verarbeiten und Liefern kinetischer Effekte den Ausschlag geben könne. Genau diese Logik macht die technische Kernidee verständlich: Der „common data layer“ ist nicht Selbstzweck, sondern soll die Latenz zwischen Wahrnehmung, Datenverarbeitung und Einsatzwirkung über viele Systeme hinweg reduzieren.

Für den weiteren Verlauf dürfte entscheidend sein, wie sich NGC2 im Skalierungsprozess verhalten wird, sobald mehr Einheiten, mehr Anwendungen und mehr Datenquellen hinzukommen. Die Meldung beschreibt bereits die Herausforderung, dass Technologien Wege finden müssen, sich an dasselbe Netzwerk anzudocken, obwohl sie weit voneinander entfernt sind und Verbindungen ausfallen oder schlechter werden können. Wenn die Armee NGC2 wirklich „as soon as possible“ ausrollen will, wird der Erfolg an messbaren Kriterien hängen: Wie zuverlässig lassen sich Daten synchronisieren oder zumindest konsistent „genug“ bereitstellen? Wie gut lassen sich neue Systeme integrieren, ohne dass die baseline wieder fragmentiert? Und wie effizient gelingt es, die Architektur im laufenden Betrieb zu erweitern, während im Hintergrund weiterhin Cyber- und Funkstörungen simuliert werden.


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