LONDON (IT BOLTWISE) – Anthropic startet eine neue Studie mit dem KI-Tool „Anthropic Interviewer“, um persönliche Erfahrungen mit Künstlicher Intelligenz zu sammeln. Teilnehmende können nach Abschluss entscheiden, ob ihr komplettes Interview öffentlich zugänglich sein soll, inklusive Zuordnung zum Land des Gesprächs. Anthropic will dabei Kontoinformationen wie Name oder E-Mail-Adresse nicht veröffentlichen, weist aber auf das Risiko einer möglichen Re-Identifizierung hin. Die Befragung läuft vom 29. September bis 6. Oktober 2026 und dauert rund 15 Minuten.

Anthropic startet Interview-Studie mit KI und optionaler Veröffentlichung
Anthropic startet Interview-Studie mit KI und optionaler Veröffentlichung (Foto: IT BOLTWISE)
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Anthropic nimmt die Nutzerperspektive in den Fokus: Das Unternehmen startet eine neue Studie, bei der „Anthropic Interviewer“ als KI-gestütztes Interview-Interface Fragen stellt und die Teilnehmenden ihre wichtigsten positiven wie negativen Erfahrungen mit KI in eigenen Worten schildern. Der Kern des Vorhabens ist dabei nicht nur die Datenerhebung, sondern die Frage, wie sich gesellschaftliche Erwartungen und Ängste an die KI-Entwicklung rückkoppeln lassen. In der Ankündigung wird die Studie als Reaktion auf eine Phase beschrieben, in der die Leistungsfähigkeit von KI gleichzeitig Nutzen verspricht und das Missbrauchsrisiko steigen lässt.

Technisch betrachtet zielt das Studiendesign auf eine strukturierte, vergleichbare Datengrundlage, ohne die Sprache der Teilnehmenden zu stark zu standardisieren. Die Interviews adressieren wiederkehrende Themenblöcke: Erlebnisse mit KI, gewünschte Veränderungen im echten Leben (etwa Arbeit, Schule, Gesundheitswesen oder Regierung) und konkrete Erwartungen an Unternehmen, die KI entwickeln, einschließlich Anthropic. Entscheidungsfreiheit ist ausdrücklich Teil des Konzepts („keine richtigen Antworten“), was in der Praxis bedeutet, dass die Antworten inhaltlich heterogen bleiben können, aber dennoch unter einem gemeinsamen Fragenrahmen entstehen. Das soll die spätere Auswertung erleichtern, ohne die Aussagekraft einzelner Erfahrungsberichte zu verwässern.

Für den Marktkontext ist relevant, dass Anthropic das Projekt als Weiterführung einer früheren Erhebung beschreibt. Die Studie knüpft an eine vergleichbare Befragung an, die bereits im Dezember 2025 durchgeführt wurde und in der 81.000 Menschen ihre Hoffnungen und Sorgen zu KI geteilt hatten. Damals seien vor allem die übergeordneten Ergebnisse und einige Zitate öffentlich gemacht worden; diesmal will Anthropic die Gedanken der Teilnehmenden breiter verfügbar machen. Gleichzeitig verweist der Text darauf, dass sich seit dem Dezember-Study-Setup sowohl die KI-Technik als auch die Nutzerbasis verändert haben: Mehr Menschen nutzen den eigenen Claude-Zugang, und die Stimmung gegenüber der Technologie habe sich verschoben.

Der entscheidende Unterschied liegt im Opt-in zur Veröffentlichung: Nach dem Interview können Teilnehmende entscheiden, ob ihr vollständiges Interview online erscheint. Laut Beschreibung veröffentlicht Anthropic dabei den Interviewtext einschließlich der Angabe, zu welchem Land das Gespräch gehört. Kontoinformationen für den eigenen Claude-Zugang, wie Name oder E-Mail-Adresse, sollen nicht enthalten sein. Ebenso wichtig ist aber das Risiko-Szenario: Anthropic macht transparent, dass eine Identifizierung trotz fehlender Namensnennung möglich sein kann. Details, die für sich genommen harmlos wirken (etwa Alter, Job, Stadt oder Ausbildungsort), könnten in Kombination mit anderen Informationen die Wiedererkennung erleichtern; zudem können Dritte den Interviewtext speichern und nach einer gewünschten Entfernung nicht vollständig wieder löschen.

Für Datenschutz- und Security-Verantwortliche ist außerdem die Aussage zur „permanenten“ Entscheidung zentral. Anthropic kann die eigene Kopie auf Anfrage entfernen, aber nicht kontrollieren, was bereits von anderen gespeichert wurde. Das betrifft auch den Mechanismus, dass eine Person theoretisch nicht nur über den Inhalt, sondern über das Zusammenführen kleiner Hinweise identifiziert werden kann; der Text verweist dabei explizit auf die Möglichkeit, dass KI bei der Rekonstruktion helfen kann. Praktisch bedeutet das: Unternehmen, die solche öffentlichen Interviewdatensätze später analysieren oder nachnutzen wollen, müssen ohnehin mit dem Restrisiko arbeiten, dass freie Texte eine indirekte Personenbeziehbarkeit erzeugen. Anthropic empfiehlt deshalb, im Interview keine identifizierenden Angaben zu machen und zeigt während des Gesprächs Beispiele sensibler Informationen.

Die operative Durchführung ist klar terminiert: Die Befragung läuft vom 29. September bis 6. Oktober 2026. Zugangsberechtigt sind Free-, Pro- und Max-Nutzer auf Claude und Claude Code, sofern die Konten mindestens zwei Wochen alt sind, und jedes Interview dauert etwa 15 Minuten. Durchgeführt wird das Gespräch durch „Anthropic Interviewer“, also das KI-System, das Fragen stellt und die Antworten einsammelt. Wer eine Veröffentlichung nicht auswählt, unterstützt zwar weiterhin die Societal-Impacts-Forschung, aber das vollständige Interview soll dann nicht veröffentlicht werden; zudem nennt Anthropic die Möglichkeit, das Interview vorzeitig zu beenden, wobei in diesem Fall ein partielles Interview dauerhaft gelöscht und nicht analysiert oder publiziert werden soll.

Unter dem Strich verschiebt Anthropic damit die Diskussion von „KI-Outputs“ hin zu „KI-Erfahrungen“, und zwar mit einer Veröffentlichungskomponente, die neue Chancen, aber auch neue Risiken für die Nachnutzung schafft. Für die Branche ist das ein Signal: Gesellschaftliche Auswirkungen werden zunehmend als Rohstoff für Produkt- und Modellentscheidungen verstanden, nicht nur als PR-Thema. Gleichzeitig dürfte die Tatsache, dass es keine systematischen Veröffentlichungsfilter vor dem finalen Schritt geben soll (Anthropic plant keine Editierung, kann aber Interviews aus Verantwortlichkeitsgründen entfernen), die Erwartungen an Transparenz und Einwilligungsprozesse weiter erhöhen. Für Forschende, Policy-Teams und Entwickler ergibt sich daraus ein potenziell wertvoller Fundus an qualitativen Daten – wenn Teilnehmende die Aufforderung ernst nehmen, keine identifizierenden Details preiszugeben.


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