NEW YORK CITY / LONDON (IT BOLTWISE) – Julie Zhu baute ihre Startup-Firma Odd One In parallel zu ihrem Job bei Apple auf. Sie wechselte erst im Laufe des folgenden Jahres in Vollzeit, weil sie zuvor Team, finanzielle Sicherheit und eine tragfähige Idee absichern wollte. Dafür arbeitete sie zeitweise rund 13 bis 14 Stunden am Tag an beiden Fronten. Die Bilanz: Aus der Testphase wurde Bootstrapping mit eigener Planung, Produktions- und Lageraufbau sowie anfangs ohne Gehaltsbezug.

Apple-Job und Startup parallel: Warum 13-Stunden-Tage bei Odd One In halfen
Apple-Job und Startup parallel: Warum 13-Stunden-Tage bei Odd One In halfen (Foto: IT BOLTWISE)
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Wer in der Tech-Branche von einem sicheren Arbeitgeber zum Startup springt, bekommt selten echte Planungssicherheit mit auf den Weg. Julie Zhu beschreibt, warum sie genau diese Lücke zuerst schließen wollte, statt dem typischen „erst kündigen, dann herausfinden“-Narrativ zu folgen. Die 29-Jährige, die in New York City lebt, entwickelte ihre Firma Odd One In schon bevor sie Apple verließ und entschied erst später, dass der Schritt in die Gründer-Rolle für sie wirklich stimmig ist. Damit rückt sie weniger den Mut zum Risiko in den Mittelpunkt, sondern die Frage, wie man mit konkreten Prüfsteinen und finanzieller Pufferung aus Unsicherheit eine handhabbare Entscheidung macht.

Der Druck kam nicht nur von außen, sondern auch aus ihrem Alltag bei Apple: Laut ihrer Schilderung begann die Beschäftigung in 2022 und führte in eine Phase, die sie als hochdruckgeladen und stressintensiv beschreibt. Zusätzlich spielte bei ihr das Imposter-Syndrom eine Rolle, also das Gefühl, nicht „genug“ zu sein, obwohl man objektiv Fortschritte sieht. In der Startup-Community bekam sie dann zwar oft ermutigende Signale – aber die Richtung war für sie zu pauschal. Etwa 95 % der Menschen, die sie um Rat bat, hätten ihr sinngemäß gesagt, sie solle bei Unzufriedenheit einfach kündigen, weil das Start-up-Umfeld angeblich den „perfekten Lebenslauf“-Hebel und die Tür zu Gesprächen mit Venture-Capital-Gebern leichter mache. Zhu akzeptiert diese Logik als Möglichkeit, aber nicht als individuellen Handlungsplan, weil niemand ihre konkrete Situation vollständig sieht.

Entscheidend wird ihre Argumentation, sobald sie erklärt, was sie vor dem Kündigungszeitpunkt tatsächlich vorbereiten wollte. Sie nennt dafür eine Art persönliche Checkliste: eine greifbare Idee, ein Team und eine stabile Grundlage, damit sie nicht blind in ein Risiko springt. Finanzielle Sicherheit war dabei besonders wichtig. Sie wollte über ihre eigenen Vermögenswerte und Ersparnisse eine Laufzeit von etwa drei bis fünf Jahren absichern – einschließlich Apple-Aktien. Dazu kam das soziale Fundament: Ihre Eltern sind ebenfalls Unternehmer, und sie wollte ihre Entscheidung nicht gegen familiäres Verständnis durchsetzen, sondern gemeinsam nachvollziehbar machen. Auch die psychologische Seite griff sie an: Im Rückblick berichtet sie, dass sie mit einer Therapeutin über die beste Vorgehensweise gesprochen habe, um rational und logisch vorzugehen – ein Ansatz, der in vielen Gründungsstories fehlt, weil er so selten als „Teil des Business Plans“ erzählt wird.

Technisch und organisatorisch zeigt sich ihr Plan dann in einem ungewöhnlich konkreten Tagesrhythmus. Nachdem sie eine Ko-Funderin bzw. einen Mitgründer gefunden hatte, der bereits ein Freund war, konnte die Zusammenarbeit früh Vertrauen aufbauen. Ihre Unternehmensidee für Odd One In ordnet sie als Artist-Collectible-Unternehmen ein. Das Unternehmen wurde offiziell im Dezember 2024 gestartet, aber sie blieb zunächst bei Apple, weil sie sich laut eigener Darstellung noch nicht bereit fühlte, vollständig zu wechseln. Vor der formellen Trennung ließ sie sich zudem vom Business-Conduct-Team bei Apple rückversichern, damit die Arbeit an ihrem eigenen Projekt neben dem Job möglich blieb – sie strukturierte die Entwicklung entsprechend außerhalb ihrer Apple-Zeit. Für die nächsten acht Monate bedeutete das praktisch, dass nahezu der ganze Tagesablauf zwischen beiden Rollen aufgeteilt war: morgens aufstehen, Fitness und dann Arbeit am Startup, am Nachmittag wieder der Job bei Apple und abends erneut Gründerarbeit, häufig bis gegen 10:30 Uhr.

Damit landet sie bei einer Zahl, die in Startup-Diskussionen fast immer ausgeblendet wird: In einer typischen Woche sei sie auf etwa 13 bis 14 Stunden Arbeit über beide Bereiche hinweg gekommen. Auf den ersten Blick wirkt das wie ein Klassenprimer für Burnout-Risiko. Zhu rahmt es aber bewusst als „mit Meilensteinen geplanten Zusatzaufwand“, nicht als dauerhaftes Umherarbeiten. Dieser Unterschied ist im Kern auch strategisch: Wer parallele Jobs fährt, braucht nicht nur Zeit, sondern eine klare Logik, welche Ergebnisse in welchem Zeitraum entstehen sollen. Erst bis Ende 2024 und in die zweite Jahreshälfte hinein hätten sich für sie genügend Bausteine gefunden, darunter Teamzustimmung und eine spürbare Entwicklung der Startup-Pipeline, sodass das Weiter-Machen bei Apple für sie gleichzeitig schwieriger und auch weniger fair gegenüber ihrem Team wurde.

Im August 2025 sei das Gleichgewicht gekippt, und sie habe sich „all in“ entschieden, in Vollzeit zu kündigen. Ein zusätzlicher Faktor war für sie die Fairness: Sie sagt, sie habe gemerkt, dass das Startup mehr Aufmerksamkeit verlangte und dass sie ihre Zeitaufteilung nicht länger als nachhaltigen Kompromiss rechtfertigen wollte. Außerdem gewann ihre Familie an Unterstützung, nachdem sie die Begründung verstanden und reale Traktion bei Odd One In gesehen habe. Insgesamt beschreibt sie rückblickend, dass sie nach vier Jahren bei Apple den Zeitpunkt als passend ansah. Was aus Sicht von Unternehmen und Gründern daran besonders relevant ist: Sie nutzt Bootstrapping als bewusste Finanzierungsstrategie und zeigt damit, dass man nicht zwingend auf eine sofortige externe Kapitalrunde warten muss, wenn Produktions- und Vertriebsentscheidungen iterativ aufgebaut werden können.

Nach dem Wechsel liefert sie auch einen Blick auf die frühe Wirtschaftsrealität. Odd One In habe im vergangenen Jahr „close to six figures“ Jahresumsatz erzielt, allerdings zahle sie sich noch keinen Gehalt aus, weil das Geld in Wachstum reinvestiert werde: Produktion, Lagerhaltung, Zahlungen an Künstler und weitere Kosten. Das Unternehmen sei vollständig bootstrapped, also ohne externe Finanzierung gestartet und ohne neue Venture-Runden. Um die persönlichen Ausgaben zu decken, stützte sie sich auf Ersparnisse aus ihrer Apple-Zeit und aus früheren Stationen. Für Gründerteams, die zwischen Stabilität und Tempo abwägen, ist diese Kombination aus harter Zeitinvestition und Finanzdisziplin ein praktikables Gegenmodell zum reinen „Sprung“-Gedanken. Gleichzeitig bleibt der Kern ihrer Botschaft: Sie ist froh, nicht zu früh gegangen zu sein, weil der parallele Aufbau ihr Vertrauen gegeben habe, den Schritt später wirklich dauerhaft umzusetzen.

Am Ende nimmt Zhu den Mythos auseinander, dass Startup-Erfolg automatisch aus dem sofortigen Kündigungsakt entsteht. Sie beschreibt das Gründerleben als gleichzeitig demütigend und stärkend: Bei Apple habe sie sich manchmal als kleine Einheit in einem riesigen Apparat gefühlt, während der Aufbau „from zero to one“ ihr gezeigt habe, dass sie deutlich mehr leisten kann, als sie vorher vermutet habe. Für Leserinnen und Leser, die selbst vor dem corporate crossover stehen – ob durch Jobwechsel, Entlassungsdruck oder neue Erwartungen im Job – lautet die praktische Konsequenz: Die Entscheidung muss nicht nur emotional passen, sondern sollte anhand von nachvollziehbaren Kriterien und einem Sicherheitsnetz getroffen werden. Je klarer die eigenen Voraussetzungen sind, desto weniger wird das Startup-Vorhaben zum Glücksspiel und desto eher lässt sich aus Vorbereitung echte Handlungsfähigkeit gewinnen.


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