HOUSTON / LONDON (IT BOLTWISE) – NASA hat Details zum Artemis-III-Korridor 2027 geliefert: SLS-Stacking und ein geplantes Wet-Dress-Rehearsal stehen im Zeitplan, während zwei unterschiedliche Landekonzepte in einem risk-basierten Testprogramm zusammenlaufen. Für die Blue-Origin-Seite wird ein gestufter „Lander Test Article“-Ansatz samt BE-7-Erprobung skizziert, der auf New Glenn als Startoption setzt. Bei Starship liegt der Schwerpunkt auf der integrierten Stack-Steuerung und Softwaretests im Orbit, bevor eine Crew-Unterstützung später realistisch wird.

NASA hat nach der Crew-Ankündigung für Artemis III die nächsten technischen Arbeitspakete konkretisiert – und damit auch die entscheidenden Unsicherheiten offengelegt, die in den kommenden Monaten adressiert werden müssen. Der Flug ist frühestens ab Sommer 2027 vorgesehen, wobei die Landekonzepte in niedriger Erdumlaufbahn vorbereitet und per Docking angebunden werden sollen. In dem Interview im Umfeld des Johnson Space Center wird klar, dass nicht nur die Großrakete, sondern auch die Schnittstellenfragen zwischen Raumschiff, Landern und Bordsoftware das Risiko dominieren. Genau deshalb setzt die Agentur auf zeitlich getaktete Testschritte, die sich an „test like you fly“ orientieren.
Im Zentrum steht zunächst das Zusammenspiel von Space Launch System (SLS) und Startanlagen. Nur wenige Monate nach Artemis II befindet sich der Mobile Launcher den Angaben zufolge in sehr gutem Zustand; die zwischen Artemis I und II vorgenommenen Änderungen hätten sich bewährt. Parallel laufen zwei Workstreams: Booster werden in einer Rotation Processing Surge Facility vorbereitet, während am Mobile Launcher selbst noch einige Schäden ausgebessert werden. Besonders relevant ist dabei das Flammloch („flame hole“), wo re-weldings geplant sind, allerdings ohne dass mit Treibstoff in unmittelbarer Nähe geschweißt wird. Das Ziel ist, diese Nacharbeiten bis Anfang Juli zu beenden, damit das spätere Stacking planbar bleibt.
Für das Launch-and-Integration-Testregime beschreibt NASA den nächsten Schritt als Überführung aus früheren Erkenntnissen. Die Diskussion verweist auf Probleme mit kryogenen Dichtungen, die bei Artemis I und II über die Tail Service Mast Umbilicals relevant waren. Um das Risiko zu senken, werden die Umbilicals umkonstruiert und für Artemis III neu implementiert. Bestandteil des Vorgehens ist zudem ein „short-stack tanking“ beziehungsweise ein Wet-Dress-Rehearsal: Booster und Core Stage werden montiert, thermische Schutzsysteme vervollständigt, danach wird gerollt und getankt, um die Dichtheit unter realistischen Randbedingungen zu prüfen. So soll der Moment „bevor Orion oben sitzt“ zum belastbaren Kontrollpunkt werden.
Ein weiterer entscheidender Teil ist der Verzicht auf eine ICPS-Upper-Stage in der Artemis-III-Architektur, weil für die Zielbahn in niedriger Erdumlaufbahn die Leistungsanforderungen anders liegen. Dennoch braucht es eine zweite Stufe als Simulator. NASA nennt hierfür einen „Spacer“, dessen Design bereits fertig ist: Metall wird laut Angaben bei United Launch Alliance vorgefertigt und später am Marshall Space Flight Center inhouse verschweißt. Das Bauteil soll bis spätestens Dezember am Kennedy Space Center eintreffen, bevor Orion aufgestapelt wird. Diese Logik folgt einem klassischen Testprinzip: Komponenten müssen früh genug bereitstehen, um Integrationsrisiken über die gesamte Kette – bis in die Avionik-Interaktion – reduzieren zu können.
Bei den Landern führt NASA zwei sehr unterschiedliche Wege zusammen: Blue Origin mit einem „Lander Test Article“ und SpaceX mit Starship, wobei jeweils andere Testfragen im Vordergrund stehen. Der Blue-Origin-Prototyp wird als Zwischenschritt zwischen Mk 1 und Mk 2 eingeordnet: Gleich bleiben vor allem der Lunar Crew Module-Baukasten, insbesondere Avionik und Flight Software, während sich der Antrieb über die BE-7-Engine unterscheidet. Wichtig ist auch der Umstand, dass der Test nicht mit Kryogenik arbeitet, sondern mit „storable propellants“ und einem Reaction Control System. Damit kann das Team die „dual-launch campaign“ detailliert einüben, die für Artemis IV und darüber hinaus orchestriert werden soll.
Markt- und Systemlogik greifen hier ineinander. NASA bestätigt, dass der Blue-Origin-Lander für Artemis III auf der 7×2-Variante der New-Glenn-Rakete starten kann. Nach einer Pad-Explosion hatte die Agentur öffentlich Vertrauen in die Startbereitschaft geäußert; zugleich benennt sie jetzt das Entscheidungsprinzip für einen möglichen Wechsel. Die „go-or-no-go“-Frage wird als parallel laufende Risikoarbeit beschrieben: New Glenn soll über SLC-36 und die zweite Rampe in den finalen Reifegrad gebracht werden, aber NASA hält eine Backup-Option offen – ausdrücklich auch über andere Träger wie Vulcan oder Falcon Heavy. Parsons betont sinngemäß, dass Diversität der Architektur und „keeping something flying“ ein bewusster Risikohebel ist.
Für die Blue-Engine-Strategie wird zusätzlich die Rolle kleinerer Mk-1-Lander betont, die Datenpunkte und Zeugen („witnesses“) für die Systemreife liefern. Entscheidend ist aber: Mk-1 wird nicht als zwingende Voraussetzung dargestellt, sondern als Beschleuniger für Vertrauen in Systeme und zur Verfeinerung. Die Transfers rund zum Mond werden als Boots-Acceleration-2028-Architektur eingeordnet, mit drei Transferstufen und einem Missionsartikel für die eigentliche Landung. Dabei setzen die Planer auf gemeinsame Hardware zwischen Transferstufen und Mk 1 bis Mk 2, um Produktion und Lernkurve zu steigern. Im Hintergrund bleibt die industrielle Realität neuer Raketenentwicklungen: Pad-Ausfälle gehören laut NASA-Geschichtsschreibung zu diesem Reifeprozess, weshalb Verfahren und Ingenieurarbeit „test like you fly“ zum Leitprinzip werden.
Auch Starship wird so positioniert, dass die technischen Kernunsicherheiten früh adressiert werden – obwohl keine Crew im Starship mitfliegt und damit kein ECLSS im Crew-Cabin-Sinn getestet wird. Der Fokus liegt vielmehr auf Docking, integrierter Stack Control und der Software-Integration, die im Boden-Test zwar vorbereitet, aber erst im Orbit in der Gesamtkette wirklich validiert wird. Für Parsons sind genau diese Punkte „die biggest bangs for the buck“, weil sie die Risiken für eine spätere Landung im Jahr 2028 direkt reduzieren. Blue soll dabei zuerst starten, um mehr Testziele aus dem geplanten Docking-Setting herauszuholen. NASA bewertet zudem die Bahnparameter: Artemis III fliegt in einer Zirkularbahn mit einer Bahnneigung von -33 Grad, peilt eine Höhe unter 250 nautischen Meilen an und optimiert dabei zwischen Startfenstern, MMOD-Risiken und Strahlungsaspekten. Parsons beschreibt den „sweet spot“ grob im Bereich der 230er Meilen, erreichbar in einem einzigen Start sowohl für Blue als auch für Starship.
Mit Blick auf die nächsten Monate ergibt sich damit ein klares Zukunftsbild: SLS-Integration und Sonden-Validierung werden zeitlich so getaktet, dass kritische Dicht- und Umbilical-Fragen nicht erst im Startmoment sichtbar werden. Parallel wird bei den Landern eine Testlogik gefahren, die Lernschleifen in die richtige Reihenfolge bringt – entweder über den Lander Test Article mit nicht-kryogenen Treibstoffen oder über Starship-Docking als Integrationsdrehscheibe für Steuerung und Software. Für die Industrie bedeutet das Chancen für Zulieferer in Avionik, thermischen Schutzsystemen, Integrationstests und Software-Validierung, weil genau diese Schnittstellenentwicklung in den Vordergrund rückt. Gleichzeitig bleibt regulatorisch und sicherheitstechnisch relevant, dass Testkampagnen striktes Daten- und Integritätshandling benötigen, etwa bei Betriebsdaten aus Docking- und Integrationsfenstern, damit spätere Crew-Support-Entscheidungen belastbar werden.
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