SINGAPUR / LONDON (IT BOLTWISE) – ASEAN rückt mit wachsender eigener Raumfahrt-Nutzung stärker ins Zentrum der Debatte um die friedliche Nutzung des Weltraums. Im Blick stehen dabei die Auslegung bestehender UN-Verträge, die gegenwärtigen Grauzonen bei dual-use-Technologien sowie die Frage, wie sich ein Wettrüsten im Orbit verhindern lässt. Der Beitrag ordnet ein, warum ASEAN seine Stimme in multilateralen Foren wie COPUOS und der UN-Arbeitsgruppe weiterhin aktiv einbringen sollte. Gleichzeitig zeigt er, wie Kommunikations- und Sicherheitsformate wie ARF und neue regionale Plattformen helfen können, Normen zu verbreiten und Rivalitäten auszugleichen.

ASEAN und die Raumfahrt: Für Waffenfreiheit und Frieden im Orbit
ASEAN und die Raumfahrt: Für Waffenfreiheit und Frieden im Orbit (Foto: IT BOLTWISE)
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Dass ASEANs Rolle in der Raumfahrt-Diplomatie nicht mehr nur am Rand stattfindet, liegt vor allem an der Kombination aus technischer Alltagstauglichkeit und geopolitischem Druck. Viele Mitgliedsstaaten nutzen Satelliten längst für Telekommunikation, Navigation und Wetterdaten, in Teilen auch für Überwachung, Fischerei und Katastrophenschutz. Gleichzeitig wächst das Interesse am eigenen Satellitenbau, und als Äquatorregion gelten Staaten der Region als potenziell attraktive Kandidaten für Start- und Betriebs-Ökosysteme. Genau in diesem Moment wird „Astropolitik“ relevanter: Wer den Weltraum nutzt, muss auch dessen Sicherheitsregime mitgestalten.

Historisch war der Weltraum lange von wenigen westlichen Akteuren dominiert, während die rechtlichen Leitplanken vor allem aus jener Epoche stammen. Mit Chinas erfolgreicher Raumfahrtentwicklung sowie dem Aufstieg weiterer wirtschaftlicher und technologischer Zentren in Asien hat sich das Feld diversifiziert: Länder wie Indien, Japan oder Australien tragen heute spürbar zur Wettbewerbsdynamik bei. Für ASEAN entsteht dadurch eine doppelte Lage. Einerseits bietet Diversifizierung Chancen für Kooperation, Kapazitätsaufbau und Zugang zu Wertschöpfung. Andererseits steigen Risiken, weil unterschiedliche Interessen die Interpretation von Regeln beeinflussen können, insbesondere wenn neue Technologien in den Orbit vordringen.

Rechtlich stützt sich die Debatte vor allem auf den 1967 verabschiedeten Outer Space Treaty (OST). Dieser verpflichtet Staaten dazu, keine nuklearen Waffen oder Massenvernichtungswaffen im Weltraum zu stationieren und Himmelskörper ausschließlich für friedliche Zwecke zu nutzen (Artikel IV). Das 1979 geschlossene Moon Agreement bekräftigt diese Grundsätze in ähnlicher Weise. In der Praxis ist jedoch nicht die Existenz von Recht das Problem, sondern die Auslegung in modernen Konfliktlagen: Konventionelle Waffen, Cyberangriffe mit Raumfahrtbezug und dual-use- Technologien führen zu Spannungen, weil die Grenze zwischen ziviler Infrastruktur und militärischer Nutzung im Alltag schwerer zu ziehen ist.

Dass das Ganze zunehmend unscharf wird, liegt auch daran, wie der Weltraum als „Sonderraum“ behandelt wird. Zwar sind Prinzipien des humanitären Völkerrechts grundsätzlich denkbar, doch in Verfahren und Argumentationen wird häufig mit abstrahierten Annahmen gearbeitet, die nicht automatisch eins-zu-eins auf reale technische Systeme übertragen werden können. In den Vereinten Nationen wurde deshalb über einen neuen Vertrag zur Verhinderung der Platzierung von Waffen im Weltraum sowie zur Drohung oder zum Einsatz von Gewalt gegen Weltraumobjekte nachgedacht, um die OST-Grundsätze zu „rekodifizieren“. Berichten zufolge bleibt die Ratifizierung kurzfristig unwahrscheinlich, unter anderem wegen unklarer Formulierungen und Widerständen verschiedener Mitgliedsstaaten.

Vor diesem Hintergrund argumentiert der Beitrag, dass ASEAN seine Position als Friedensbefürworter konsistent weitertragen sollte. Die meisten Mitgliedsstaaten haben den OST ratifiziert und stehen damit grundsätzlich für eine friedliche Ausrichtung ihrer Weltraumaktivitäten. Gleichzeitig äußert ASEAN wiederholt in UN-Kontexten die Bedeutung friedlicher Exploration, die Vermeidung eines Wettrüstens sowie die Ablehnung einer Militarisierung des Weltraums. Selbst wenn hinter diesen Statements unterschiedliche nationale Kapazitäten und Interessen stehen, entsteht so ein erkennbarer regionaler Rahmen. Ergänzend signalisiert die Unterstützung der UN Open-Ended Working Group (OEWG) zur Prävention eines Arms Race im Weltraum, dass das Thema als politisch bedeutsam eingestuft bleibt.

Ein weiterer Baustein ist die institutionelle Einbettung. Mehr als die Hälfte der ASEAN-Mitglieder sind in COPUOS engagiert, dem zentralen UN-Gremium für die „internationale Zusammenarbeit bei friedlichen Nutzungen des Weltraums“. Einzelne Staaten übernehmen sogar konkrete Rollen in den Vorbereitungsschienen für wissenschaftlich-technische Unterausschüsse. Für die regionale Steuerung wird zudem der Gedanke „Space as a global commons“ betont: Gleichberechtigter Zugang ist als politisches Recht zu verstehen, ohne den Anspruch auf Frieden im Orbit zu relativieren. Genau hier wird das strategische Dokument ASEAN 2045 relevant, das unter anderem die Abstimmung zu Fragen von internationalem Frieden und Sicherheit, etwa im Umfeld autonomer Waffensysteme, einfordert.

Technisch wird dieser Anspruch nicht allein durch Diplomatie erfüllt, sondern auch durch Organisationsarbeit. Eine Schlüsselfunktion könnte das ASEAN Sub-Committee on Space Technology and Applications (SCOSA) übernehmen: Als Koordinationsinstanz für regionale Raumfahrtaktivitäten bündelt es Studien, fördert Projekte und erleichtert die Zusammenarbeit zwischen Mitgliedsstaaten. Zusätzlich zielen Kapazitätsaufbau und Expertise-Weitergabe auf eine nachhaltige Qualifizierung ab, etwa über regionale Forschungs- und Trainingsstrukturen. Dadurch entsteht ein „First-gate“-Prinzip für Forschung und Bildung in der Region, das wiederum die normativen Positionen der Mitgliedsstaaten speist. Im Kern geht es darum, dass technische Reife und regulatorische Klarheit zusammenwachsen.

Gerade jetzt ist auch der Markt- und Wettbewerbskontext entscheidend. ASEAN kann die äußere Dynamik nicht ausblenden, weil große Raumfahrtprogramme als „Norm-Architekturen“ wirken. Als prominentes Beispiel dienen die US-geführten Artemis-Programme, denen mehrere ASEAN-Staaten über Abkommen bereits verbunden sind. Auf der anderen Seite steht die China-nahe Asia-Pacific Space Cooperation Organisation (APSCO), der andere Mitgliedsstaaten beigetreten sind oder gerade beitreten. Diese Programme sind nicht identisch in Sicherheits- und Rechtsansätzen, doch sie beeinflussen, welche Standards sich in der Region durchsetzen. Der Beitrag sieht deshalb die Chance, ASEANs klare Position „waffenfrei und friedlich“ nicht nur gegenüber UN-Gremien, sondern auch über diese Netzwerke zu stärken.

Für die politische Arbeit nennt der Text zudem Foren, die ASEANs traditionelle Stärke nutzen: multilaterales Aushandeln, Nicht-Alignment und geduldiger Institutionenaufbau. Im Sicherheitsbereich spielt dabei der ASEAN Regional Forum (ARF) eine zentrale Rolle als Mechanismus für kooperative Sicherheit mit 16 Partnerstaaten. Der ARF Ha Noi Plan of Action II berücksichtigt bereits den Austausch von Ansichten zu Raumfahrt-Sicherheit, insbesondere zur Verhinderung eines Arms Race im Weltraum. Da die letzten Workshops länger zurückliegen, wäre eine Wiederaufnahme der Themenagenda naheliegend. Ergänzend sollte auch das ASEAN Defence Ministers’-Meeting-Plus Raumfahrt-Demilitarisierung stärker integrieren, um Sicherheitsdialoge nicht an politischen Schnittstellen enden zu lassen.

Damit verknüpft ist eine weitere Ebene: ASEANs diplomatische „Convening Power“ kann Normendiffusion fördern, ein Mechanismus, der häufig über indirekte Übernahme von Standards wirkt, statt über harte Rechtsdurchsetzung. In einem Bereich ohne schnellen Durchbruch bei verbindlichen Verträgen gewinnt das besonders an Bedeutung. Experten weisen dabei regelmäßig darauf hin, dass Soft Law und institutionelle Lernprozesse gerade dann Wirkung entfalten, wenn die technische Entwicklung schneller voranschreitet als die Rechtsangleichung. Für ASEAN heißt das: Die Region sollte in laufenden Dialogen aktiv Gestaltung übernehmen, statt sich dauerhaft als „Empfänger“ von Regeln zu begreifen. Je früher sie technische, sicherheitliche und rechtliche Leitplanken verknüpft, desto besser kann sie regionale Interessen absichern.

In Zukunft hängt der Erfolg dabei von konkreten Übergängen ab: Zwischen Satellitenbetrieb, Launch-Ökosystemen und sicherheitspolitischer Bewertung müssen robuste Prozesse entstehen, die dual-use-Risiken früh adressieren. Auch Cyber- und Kollisionsrisiken im Orbit, die Sicherheitslage von Satellitenkonstellationen sowie Fragen der Verantwortlichkeit bei Störungen werden vermutlich stärker in den Vordergrund rücken. Der Beitrag deutet an, dass ASEAN mit zunehmender Industrie-Beteiligung einen stärkeren Anreiz hat, einen sicheren und stabilen Rahmen zu verlangen. Genau daraus folgt die nächste Entwicklung: ASEAN kann durch fortgesetzte Teilnahme an UN-Mechanismen und regionale Plattformen die Formierung eines modernen Raumfahrt-Governance-Ansatzes mitprägen. Damit wäre Frieden im Orbit nicht nur ein Anspruch, sondern ein handhabbares Betriebs- und Politikprinzip.


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