ABU DHABI / LONDON (IT BOLTWISE) – AstraZeneca und Oracle setzen Künstliche Intelligenz ein, um Patientinnen und Patienten schneller für klinische Studien zu finden und potenzielle Sicherheitsrisiken im Blick zu behalten. Der Fokus liegt zunächst auf Krebs-, Herz-Kreislauf-, Atemwegs-, Immunologie- und seltenen Erkrankungen. Ein erster Pilot wird in Abu Dhabi im Bereich Hypertonie-Forschung umgesetzt, begleitet vom dortigen Gesundheitsdienstleister M42. Das Ziel ist, Rekrutierungsverzögerungen zu reduzieren und medizinische Evidenz über den gesamten Arzneimittel-Lifecycle kontinuierlich zu aktualisieren.

Für die Arzneimittelentwicklung zählt nicht nur, ob ein Wirkstoff wissenschaftlich funktioniert, sondern auch, wie schnell und verlässlich man in klinische Studien rekrutiert. Genau an dieser Engstelle setzt die Zusammenarbeit zwischen AstraZeneca und Oracle an: Künstliche Intelligenz soll dabei helfen, geeignete Patientinnen und Patienten gezielter zu identifizieren und Sicherheitsaspekte früher zu erkennen. AstraZeneca beschreibt den Schritt als Beitrag, um klinische Studien zu beschleunigen und zugleich die medizinische Forschung zu verbessern – also Geschwindigkeit und Sicherheit nicht gegeneinander auszuspielen.
Technisch ist das Zusammenspiel aus Wirkstoff- und Studiendomäne auf der einen Seite sowie Daten- und KI-Kompetenz auf der anderen Seite entscheidend. Laut der Vereinbarung sollen die Teams AstraZenecas Expertise in der Arzneimittelentwicklung mit Oracle-Technologie und Healthcare-Datenfähigkeiten verbinden. In der Praxis bedeutet das: Die KI soll Datenmuster nutzen, um Patientinnen und Patienten mit passenden Einschlusskriterien zu matchen und potenzielle Sicherheitsrisiken während der Studie zu überwachen. Besonders wichtig ist dabei die Abgrenzung zu reinem „Dokumentieren“; Monitoring zielt auf das frühere Erkennen von Auffälligkeiten ab, damit Teams schneller reagieren können.
Der geplante inhaltliche Startbereich deckt mehrere große Indikationsfelder ab: zunächst Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Atemwegserkrankungen, außerdem Immunologie sowie seltene Krankheiten. Die Auswahl ist nicht zufällig, denn gerade dort sind Rekrutierungsprozesse häufig komplex – etwa wegen eingeschränkter Patientenzahlen, heterogener Krankheitsverläufe oder zusätzlicher diagnostischer Anforderungen. AstraZeneca nennt zudem den möglichen Nutzen für eine frühere Diagnose schwerer Erkrankungen. Dass der Anbieter in einer frühen Phase auf mehrere Indikationen geht, deutet außerdem darauf hin, dass die zugrunde liegende Modellierung und Datenaufbereitung so gestaltet werden muss, dass sie sich nicht nur auf eine einzelne Studie zuschneiden lässt.
Ein erster Projektfokus liegt auf Hypertonie-Forschung in Abu Dhabi. Dort arbeitet AstraZeneca demnach mit dem in den Vereinigten Arabischen Emiraten ansässigen Gesundheitsunternehmen M42 zusammen. Patient Recruitment bleibt eine der größten Bremsen in der klinischen Entwicklung: Wenn sich Einschreibungen verzögern, verschiebt sich häufig der komplette Zeitplan – und das treibt die Entwicklungskosten. Genau in diese Logik passt das KI-gestützte Matching: Statt nach dem Gießkannenprinzip potenzielle Teilnehmende zu suchen, sollen Informationen aus dem Versorgungskontext stärker als Steuergröße für die Studiensuche genutzt werden.
Als strategische Stoßrichtung ergänzt die Kooperation die größere Entwicklungsperspektive von AstraZeneca. Das Unternehmen versucht, sein Portfolio auszubauen und bis 2030 auf mehr als 80 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz zu kommen. Im Hintergrund steht dabei auch die praktische Erfahrung, dass klinische Studien nicht selten durch Verzögerungen oder unerwartete Hürden aus dem Takt geraten. In der Quelle wird etwa von Rückschlägen berichtet, darunter Verzögerungen bei einem Brustkrebs-Behandlungsansatz und das Scheitern eines Medikaments für eine Nervenstörung. Solche Ereignisse machen deutlich, warum viele Pharma-Chefs heute stärker auf datengetriebene Prozesse setzen: Nicht als „Zauberformel“, sondern als Möglichkeit, Wartezeiten zu verkleinern und operative Entscheidungen besser zu begründen.
Der Nutzen soll nicht bei der Studiendurchführung enden, sondern in den Lebenszyklus von Arzneimitteln hineinwirken. AstraZeneca CEO Pascal Soriot hebt in diesem Zusammenhang hervor, dass die Technologie klinische Teams dabei unterstützen kann, Patientinnen und Patienten früher zu identifizieren, klinische Studien zu optimieren und fortlaufend Evidenz über den gesamten Zeitraum der Arzneimittelentwicklung zu generieren: „We can help clinicians identify patients sooner, optimize clinical trials, and generate evidence continuously across the lifecycle of a medicine“, sagte Soriot. Dass diese Formulierung den Begriff „kontinuierlich“ betont, ist ein Hinweis darauf, dass die KI nicht nur einmalig vor dem Screening eingesetzt wird, sondern Daten aus der laufenden Versorgung und dem Studienverlauf stärker in den Informationsfluss einbinden soll.
Für den Markt ist die Partnerschaft vor allem deshalb relevant, weil sie ein weiteres Beispiel dafür liefert, wie Cloud- und KI-Plattformen in die Pharma-Wertschöpfung rücken. Oracle positioniert sich dabei als Technologie- und Datenpartner, während AstraZeneca die Domänenexpertise beisteuert. Die Vereinbarung ist als nicht bindendes Abkommen beschrieben; finanzielle Details wurden nicht offengelegt. Genau diese Unschärfe ist typisch für frühe Stufen solcher Kooperationen: Zuerst geht es um Machbarkeit, Datenzugriff und Zielmetriken wie Rekrutierungsdauer oder die Rate an Screen-Failures. Erst wenn sich das KI-Matching und das Sicherheitsmonitoring in kontrollierten Pilotprojekten bewähren, entscheidet sich in der Regel, wie stark Skalierung und Standardisierung ausgerollt werden.
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