BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Australien setzt im Streit um kritische Rohstoffe auf ein hartes Instrument: China-nahen Anteilseignern soll bei Northern Minerals ein geordneter Verkauf abverlangt werden. Die Maßnahme knüpft an Sorgen um nationale Sicherheit und strategische Abhängigkeiten an – und stellt Deutschland vor die Grundsatzfrage, wie weit die eigene Investitionsprüfung in sensiblen Bereichen reicht. Ein Blick auf frühere deutsche Entscheidungen rund um Halbleiter, Netzinfrastruktur und Robotik zeigt, wo der rechtliche und politische Spielraum endet. Gleichzeitig wird klar, dass Abhängigkeiten bei Seltenen Erden weniger im Bergbau als in Verarbeitungsketten und Technologieumfeld entstehen.

Australien drängt China aus Minen: Kann Deutschland ähnliche Investitionskontrollen nutzen?
Australien drängt China aus Minen: Kann Deutschland ähnliche Investitionskontrollen nutzen? (Foto: IT BOLTWISE)
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Australien treibt die Debatte über kritische Lieferketten gerade mit einer Maßnahme voran, die in Europa aufmerksam beobachtet wird: Im Umfeld des Minenkonzerns Northern Minerals sollen China zugeordnete Anteilseigner ihre Beteiligungen verkaufen. Hinter dem Vorgehen stehen strategische Sicherheitsüberlegungen, weil seltene Erden längst nicht mehr nur Rohstoff, sondern geopolitisches Machtmittel sind. Während Washington und Canberra damit offenbar eine Gegenallianz gegen Chinas Einfluss aufbauen, stellt sich für Deutschland die unbequeme Frage, ob ein vergleichbares Vorgehen hier politisch und juristisch überhaupt denkbar wäre – oder ob der deutsche Rechtsrahmen andere Wege erzwingt.

Technisch betrachtet liegt Deutschlands Verwundbarkeit weniger in der Primärgewinnung als in den Verarbeitungsketten. Seltene Erden werden weltweit zwar gefördert, die wertschöpfungsentscheidenden Schritte – Trennung, Raffination und die Bereitstellung spezialisierter Materialien – konzentrieren sich jedoch stark. Wie Branchen- und Statistikdaten zeigen, kamen 2024 etwa 65,5 Prozent der deutschen Importe Seltener Erden direkt aus China, 2025 sank der Wert zwar auf 55,4 Prozent, blieb aber hoch. Besonders kritisch sind Neodym, Praseodym und Samarium: Für die deutsche Industrie sind sie essenziell, etwa für Dauermagnete in Elektromotoren. Damit hängt technologische Souveränität an Lieferfähigkeit und industrieller Prozesskompetenz.

Der Vergleich mit früheren deutschen Fällen macht sichtbar, dass die Bundesrepublik in bestimmten Konstellationen sehr wohl Eingriffe vornehmen kann – jedoch selten exakt so, wie Australien es im Minenfall beschreibt. 2022 stoppte die Ampelregierung um Kanzler Olaf Scholz die Übernahmepläne für die Chipfertigungssparte des Dortmunder Unternehmens Elmos, nachdem Silex Microsystems (damals eine Tochter von Sai Microelectronics) die Waferfertigung in Deutschland bündeln wollte. Wirtschaftsminister Robert Habeck begründete das Veto mit dem Schutz technischer und wirtschaftlicher Souveränität im Halbleiterbereich. Ähnlich reagierte Deutschland auf den Einstieg des Stromnetzbetreibers State Grid bei 50Hertz: Die KfW kaufte im Auftrag des Bundes 20 Prozent – ein Hinweis darauf, dass Deutschland nicht nur verhindert, sondern auch gegensteuern kann, wenn Eigentumsverhältnisse politisch abfederbar sind.

In der Marktlogik wirkt das australische Modell wie ein Sicherheitsfilter für Beteiligungen, bevor strategische Abhängigkeiten in Kontrolle über kritische Kapazitäten kippen. Genau hier wird es für Europa komplex: Aus rechtlicher Sicht kann Deutschland ausländische Unternehmensübernahmen grundsätzlich über die Investitionsprüfung kontrollieren. Bei Nicht-EU-Investoren liegt die Schwelle für die Prüfung typischerweise bei 25 Prozent; in besonders sensiblen Industrien – etwa bei Infrastrukturbezug oder Zukunftstechnologien – können Schwellen auf zehn bis 20 Prozent sinken. Deutlich schwieriger wird es hingegen, bereits erworbene Anteile nachträglich aus einem Unternehmen „herauszudrängen“. Ein Zwangsverkauf wäre politisch und juristisch heikel, weil das Grundgesetz Eigentumsschutz als Leitplanke setzt. Das unterscheidet die Vorwärtssteuerung bei der Übernahme von einem nachgelagerten Eingriff.

Ein naheliegender Vergleich ist der Umgang Deutschlands mit Gazprom Deutschland. Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine stellte das Bundeswirtschaftsministerium die Tochtergesellschaft zunächst auf Grundlage des Außenwirtschaftsgesetzes unter Treuhandverwaltung der Bundesnetzagentur. Später überführte die Bundesregierung das Unternehmen in Bundeseigentum und begründete den Schritt damit, die Gasversorgung sicherzustellen. Damit war der Eingriff an reale Krisen- und Versorgungsbedingungen gekoppelt. In Australien hingegen wird im Northern-Minerals-Fall das Investitionskontrollrecht genutzt, das dem Finanzministerium erlaubt, ausländische Beteiligungen zu prüfen, mit Auflagen zu versehen oder in bestimmten Fällen zu untersagen – und zwar auch bei bereits erworbenen Anteilen, wenn nationale Sicherheit oder strategische Interessen betroffen sind. Genau diese „Sicherheitslogik ohne Kriegsszenario“ ist der Punkt, an dem sich europäische Praxis und australisches Vorgehen unterscheiden könnten.

Für den industriepolitischen Kontext ist zudem die Vorgeschichte entscheidend: Beim Roboter- und Automatisierungsunternehmen KUKA gilt der Deal mit dem chinesischen Midea-Konzern seit Jahren als Warnsignal. 2016 ließ die Bundesregierung die Übernahme trotz erheblicher Kritik passieren, offenbar ohne ausreichende Hinweise auf eine Gefährdung der öffentlichen Ordnung oder Sicherheit. Zwar enthielt die Transaktion nach der damaligen Prüfung eine Investorenvereinbarung mit Standort- und Beschäftigungsgarantien sowie Zusagen zum Schutz von Geschäftspartnerdaten. Auch das Ziel, zunächst keinen Beherrschungsvertrag anzustreben und kein Delisting zu verfolgen, sollte Risiken reduzieren. Dennoch, so formulierte es später der damalige baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann sinngemäß, werde man einen ähnlichen Fehler „sicherlich nicht mehr“ wiederholen. Das zeigt: Selbst zugesicherte Schutzmechanismen entbinden nicht von langfristigen Kontrolleffekten.

Aus Market-Impact-Sicht lässt sich daraus eine neue Leitfrage ableiten: Wie viel Sicherheit lässt sich durch Eigentumsgrenzen allein erreichen, wenn Abhängigkeiten in Verarbeitung, Maschinenbau und Komponenten weiterbestehen? Bei Seltenerd-Magneten reicht die Kontrolle über Rohstoffminen nicht aus, wenn die kritischen Stufen in Lieferketten – etwa bei der Herstellung magnetischer Materialien – überwiegend anderswo liegen. In der Praxis bedeutet das, dass deutsche Behörden neben Investitionsprüfungen auch Industriepolitik stärker mitdenken müssen: Diversifizierung von Raffination, Qualifizierung von Lieferanten, Aufbau von Produktionsschritten und strengere Kriterien für „nachgelagerte“ Beteiligungen in sensiblen Wertschöpfungsstufen. Experten berichten zudem, dass Unternehmen bei solchen Maßnahmen sehr genau dokumentieren müssen, wie sie Risiken entlang der gesamten Pipeline reduzieren, nicht nur im Eingangssegment.

Für die Zukunft zeichnet sich damit ein zweigleisiger Weg ab. Erstens wird die Investitionskontrolle wahrscheinlich stärker als Sicherheitsinstrument genutzt werden, gerade bei Beteiligungen an kritischer Infrastruktur oder Technologieclustern, bei denen Ausfallrisiken politisch schnell eskalieren. Zweitens wird die Regierung darauf achten müssen, zwischen präventiver Prüfung und nachträglichem Entzug die rechtliche Balance zu halten. Unternehmen profitieren davon indirekt: Wer seine Daten- und Sicherheitsarchitektur belastbar nachweist, kann bei Prüfverfahren höhere Planungssicherheit gewinnen und Auflagen besser erfüllen. Gleichzeitig bleibt die politische Implikation klar: Deutschland wird die chinesische Abhängigkeit bei Seltenen Erden nicht durch „einmalige“ Eigentumsentscheidungen lösen, sondern nur durch konsequente Entwicklung alternativer Liefer- und Verarbeitungswege. Im Kern entscheidet sich damit, ob Europa bei strategischen Rohstoffen von der Art australischer Härte nur die Mechanik übernimmt – oder auch die Sicherheitslogik in eigenen Kategorien weiterentwickelt.


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