FORT BRAGG / LONDON (IT BOLTWISE) – Die US-Armee hat im Rahmen von Project Sandhills 2.0 erprobt, wie kleine autonome Drohnen und robotische Breaching-Systeme Truppen beim Überwinden von Hindernissen unterstützen sollen. Dabei blieb die Entscheidung über kritische Wirkungselemente laut Testkonzept beim Menschen: Autonomie ersetzt nicht das letzte Kommando. Im Hintergrund treibt die Armee zugleich den Aufbau einer neuen Kommandostruktur für Futures und autonome Systeme voran. Entscheidend ist für die Planer nicht das einzelne Gerät, sondern die Frage, ob eine Brigade mit genügend autonomen Bausteinen anders kämpft.

Am Standort Fort Bragg ging es bei Project Sandhills 2.0 weniger um den „nächsten“ autonomen Prototyp als um die Frage, ob sich Einsatzabläufe dadurch grundlegend verschieben. Soldaten planten Flugrouten und steuerten bei Range 63 kleine unbemannte Luftfahrzeugsysteme vom Typ Bumblebee V2, um Hindernisse in einem umkämpften Umfeld zu überwinden und gleichzeitig die Exposition gegenüber unmittelbaren Gefahren zu senken. Der Kern der Übung liegt damit auf dem Zusammenspiel: Unbemannte Systeme sollen Aufgaben übernehmen, die für Menschen besonders riskant sind, während die Truppe ihre Fähigkeiten im direkten Gefechtsraum behält.
Technisch betrachtet ist der Ansatz dabei bewusst „multi-domänen“ gedacht. Laut Beschreibung des Vorhabens gehörten zu dem erprobten Problem mehrere autonome oder teilautonome Funktionsblöcke: autonome Lastwagen, robotische Breaching-Payloads, Drohnenschwärme, Fähigkeiten zur Minenerkennung sowie Tools gegen unbemannte Systeme. Besonders aufschlussreich ist die Rolle eines Counter-UAS-Systems mit einer menschlich autorisierten Wirkung („human-authorized effector“): Autonomie bedeutete in diesem Szenario nicht, dass Menschen aus jeder kritischen Entscheidung herausfallen. Für die Einordnung ist das wichtig, denn es zeigt, wie stark die US-Armee Autonomie als verteiltes Funktionspaket versteht, bei dem „Mensch-in-der-Schleife“ vor allem dort bleibt, wo die Konsequenzen eindeutig hoch sind.
Der größere strategische Bezug kommt aus einer Analyse von Dave Rowland und Brian Hester im Kontext moderner Brigadegefechte. Sie argumentieren: Autonomie wird erst dann wirklich „brigaderelevant“, wenn genug autonome Systeme genug Missionen wiederholt unterstützen, sodass sich das Gefechtsverhalten der gesamten Formation ändert. Genau dieser Punkt wird mit Blick auf die heutige Sensor- und Wirklandschaft besonders heikel: Drohnen, weitreichende Aufklärung, elektronische Kampfführung und Präzisionsschlagfähigkeiten verändern, wie leicht große Verbände lokalisiert und angegriffen werden können. Wenn feindliche Systeme Formationen länger beobachten und gezielt bekämpfen, gerät die traditionelle Möglichkeit unter Druck, dass kombinierte Waffen ihre Kräfte im richtigen Moment konzentrieren können.
Vor diesem Hintergrund skizziert Rowland/Hester eine logische Weiterentwicklung vom Gerät zur Formation: autonome Systeme sollen vorausfahren oder vorausfliegen, um feindliche Positionen, Hindernisse und nutzbare Routen früh zu identifizieren. Daneben könnten weitere Plattformen Gegensysteme liefern – etwa gegen Drohnen, für elektronische Kriegsführung, für Aufklärung oder sogar für Täuschung – während autonome Träger außerdem Versorgung über exponierte Abschnitte hinweg ermöglichen. Doch die Umstellung auf „Autonomie in Breite“ ist mehr als eine reine Beschaffungsfrage. Die US-Armee versucht deshalb, parallel zur Erprobung organisatorische und akquisitorische Schritte einzuleiten, unter anderem mit einer Initiative im Rahmen der Haushaltsunterlagen für das Jahr 2026 („Autonomy Formation“) sowie einer neuen Programmlinie, die Engineer Autonomous Breaching Capability für Prototypen zur automatisierten, jenseits der Sichtlinie gesteuerten Hindernis- und Minenräumung vorsieht; eine Bewertung der Einheit wird für Anfang 2027 angekündigt.
Auch organisatorisch wandelt sich die Landschaft: Am 1. Oktober soll ein Memorandum die Einrichtung des U.S. Army Futures and Autonomous Systems Command (FASCOM) anstoßen; die öffentliche Darstellung folgte am 2. Oktober. Das Kommando soll autonome Fähigkeiten in mehreren Domänen integrieren – vom Einsatz in Luftfahrt-, Panzer-/Armor-, Fires- und Sustainment-Formationen bis hin zu Engineer und Training. Priorisiert werden dabei autonome Fires, autonome Kampf- und Gefechtsfahrzeuge, Wasserfahrzeug-Nachschub, Breaching, Aufklärung, Überwachung und Zielaufklärung sowie „crewed-uncrewed teaming“ als Kombinationsansatz. Gleichzeitig macht die eigene Forschung aber deutlich, warum die Übersetzung in eine belastbare Gefechtsfähigkeit nicht automatisch gelingt: In einer zweitägigen Simulation über zwei Wochen betrieben Forschende des Army Research Laboratory ein gemischtes Luft-Boden-Setup mit 13 Soldaten. Es umfasste ein bemanntes Kontrollfahrzeug, zwei robotische Kampffahrzeuge, eine Future Vertical Lift-Plattform und gemeinsam gestartete Effekte – unter Bedingungen gegen eine menschlich gesteuerte gegnerische Kraft. Ergebnis: Die Formation passte sich rasch an, entwickelte funktionierende Koordinationsmuster und hielt die subjektive Arbeitsbelastung stabil, als die Missionskomplexität stieg. Allerdings blieb auch diese Studie auf konkrete Mensch-Maschine-Konzepte im definierten Simulationsrahmen begrenzt, nicht auf das autonome Manövrieren einer operativ agierenden Brigade.
Weitere Forschungsarbeiten zur autonomen Aufklärung und zum Screening nennen als zentrale offene Punkte unter anderem Vertrauen zwischen Soldat und Robotik, Kommunikationsstabilität, geteiltes Lageverständnis und die kognitive Last. Diese Faktoren werden besonders kritisch, wenn Verbindungen degradieren oder zeitweise ganz ausfallen. Genau hier liegt der methodische Sprung, den Rowland und Hester als „skalierende Autonomie“ beschreiben: Eine Brigade kann Autonomie nicht hochskalierten, wenn jedes unbemannte System permanent durch einen einzelnen Soldaten kontrolliert werden muss. Stattdessen folgt die Denkrichtung einer Progression von der Bedienung einzelner Systeme über das Supervisor-Verhalten für mehrere Systeme hin zur Koordination gemischter bemannter-unbemannter Teams und schließlich zum Kommandieren autonomer Formationen nach dem Prinzip des mission command. Selbst ein Blick auf den Ukraine-Krieg zeigt die Chancen und Grenzen: Unbemannte Systeme für Logistik und Verwundetenrückführung belegen den Nutzen, aber laut Einordnung bleiben viele Einsätze weiterhin fernbedient oder nur begrenzt autonom. Das spricht nicht gegen den Wert der Technologie, sondern gegen zu optimistische Zeitskalen – vor allem dort, wo Formationen auch unter elektronischem Druck und aktiver Störung der Kommunikation „sehen, überleben, versorgen und manövrieren“ sollen.
Für die US-Armee ist deshalb die nächste Entwicklungsstufe zwangsläufig organisatorisch, personell und prozedural. Die Herausforderung besteht darin, wie viele Systeme eine Formation überhaupt aufnehmen und „mittragen“ kann, wie Soldaten sinnvoll beaufsichtigen, wie Netzwerke unter Angriffen funktionieren und was passiert, wenn Maschinen in Situationen geraten, die ihre Programmierung nicht antizipiert hat. Rowland und Hester fordern im Kern, diese Erkenntnisse bereits vor einer Perfektionierung der Technik zu sammeln: Brigaden sollen zu Hause mit einer realistischen Zahl autonomer Systeme trainieren, Fehlerbilder erfassen und Taktiken nachschärfen, bevor die Systeme in intensivere Ausbildungskontexte übergehen. Entscheidend wird sein, ob die Kombination aus Akquisition, Organisationsdesign und Trainingsreife am Ende mehr liefert als eine eindrucksvolle Vorführung – nämlich einen wiederholbaren Weg, wie autonom unterstützte Brigaden auch bei aktiver Gegenwirkung operieren können.
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