STRAIT OF HORMUZ / LONDON (IT BOLTWISE) – Brig. Gen. (ret.) Amir Avivi kritisiert das US-Iran-Memorandum: Es schaffe Unsicherheit darüber, ob der Engpass dauerhaft offen bleibt. Er argumentiert, Washington hätte militärische Kontrolle zeigen müssen, um Freiheit der Navigation glaubwürdig zu garantieren und Druck auf Teheran aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig warnt er, dass jede Entspannung ohne klare Durchsetzungslogik von Iran und verbündeten Kräften als Schwäche gelesen werden könnte. Für Israel sieht er eine zusätzliche Kluft: Israel sei nicht Vertragspartei, müsse aber potenziell seinen Einsatz reduzieren.

Avivi warnt: US-Memo zu Hormus setzt falsches Signal – Kontrolle fehlt
Avivi warnt: US-Memo zu Hormus setzt falsches Signal – Kontrolle fehlt (Foto: IT BOLTWISE)
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Brig. Gen. (ret.) Amir Avivi bringt die Kernfrage des US-Iran-Memorandums zum Strait of Hormuz auf eine unbequeme Formel: Wenn der strategische Wasserweg wirklich offen ist, warum braucht es dann überhaupt einen Deal, der diese Öffnung erst absichert? In seinem Interview ordnet er die Vereinbarung als Moment der Unklarheit ein, der sowohl die Freiheit der Seefahrt als auch Israels Handlungsspielraum unter Druck setzen könnte. Für die Region sieht er keine reine Diplomatiefrage, sondern eine Signalwirkung, die entscheidet, ob Abschreckung stabil bleibt oder ob sich Gegner zu aggressiverem Vorgehen ermutigt fühlen.

Technisch betrachtet handelt es sich bei Hormuz nicht nur um Geografie, sondern um eine sicherheitsrelevante Verkehrs- und Energieinfrastruktur mit eng gekoppelter Wirkungskette: Der Durchgang verbindet den Persischen Golf mit dem Golf von Oman und dem Arabischen Meer, und jede Störung wirkt sofort auf globale Ölströme, Transportkosten, Versicherungsprämien und regionale Sicherheitskalküle. Avivi argumentiert deshalb mit einer operativen Konsistenzprüfung: Wenn US Central Command in der Nähe von Oman einen Korridor freigibt, deutet das für ihn eher auf einen begrenzten, nicht vollständig offenen Modus hin. Aus seiner Sicht ist ein Memorandum ohne klar sichtbare Durchsetzung genau der Hebel, der die Passage faktisch weiterhin umkämpft wirken lässt.

Der Marktkomplex folgt dabei meist einer ähnlichen Logik wie militärische Planung: Erst wenn Akteure eine verlässliche, durchsetzbare Schutzannahme haben, stabilisieren sich Kosten, Versicherungen und Routenentscheidungen. Avivi verknüpft dieses Prinzip explizit mit politischer Bereitschaft. Seine Sorge lautet, dass Iran, Hezbollah und andere von Teheran unterstützte Kräfte aus dem Dokument eine Botschaft ableiten könnten, Druck werde reduziert und Washington sei weniger bereit zu kämpfen. Das sei besonders dann gefährlich, wenn der Gegner auf „Fenster“ setzt, in denen militärische oder wirtschaftliche Vorteile wieder aufholbar werden. Die Frage ist weniger, ob Diplomatie existiert, sondern ob sie durch Zwangsmittel und klare Zeitfenster abgesichert ist.

Aus Wettbewerbs- und Vergleichssicht lässt sich Avivis Argument auch als Kontrast zu anderen sicherheitspolitischen Ansätzen lesen, etwa dort, wo China über Handels- und Infrastrukturinitiativen nicht primär über militärische Präsenz, sondern über „Stabilität durch Beteiligung“ agiert. In der Praxis konkurrieren solche Modelle häufig um Glaubwürdigkeit: Maritime Schutzgarantien, Versicherungsmodelle und Eskalationsmanagement beruhen darauf, dass Blockaden entweder verhindert oder rasch teuer gemacht werden. Avivi stellt den Gegenentwurf offen: Eine Supermacht müsse den Korridor militärisch kontrollieren und Freiheit der Verschiffung gewährleisten können. Genau dieses Element fehle aus seiner Sicht, und diese Abweichung kann bei adversären Planern die Schwelle zur Risikoerhöhung senken.

Für Israel ist der Zeithorizont besonders heikel, weil das Memorandum nach Avivis Darstellung nur einen kurzfristigen Rahmen definiert, nicht aber eine endgültige strategische Lösung. Er betont, dass es sich um ein unverbindliches Memorandum of Understanding handelt und Israel selbst keine Vertragspartei ist. Dennoch könnten politische oder diplomatische Signale dazu führen, dass Israel seine Aktivitäten reduzieren soll, während Iran und verbündete Kräfte die Ruhephase zum Reorganisieren nutzen. Sein Punkt ist damit auch industrie- und einsatzpraktisch: Handlungsfreiheit ist in Sicherheitsfragen wie in Software-Rollouts nicht verhandelbar, wenn die Gegeninstanz weiterhin aktiv entwickelt. Avivi bringt es auf die einfache Linie, dass sich Gegner nur durch Macht und nicht durch Versprechen beeindrucken lassen.

Der zukünftige Ausblick hängt laut Avivi an zwei Hebeln: Druck und Deutlichkeit. Er warnt vor finanzieller Entlastung für Teheran, weil freigesetztes Geld nicht zwangsläufig moderaten Kräften hilft, sondern tendenziell den Ausbau militärischer Fähigkeiten und die Unterstützung von Stellvertretern ermöglicht. Diese Argumentation knüpft an den historischen Verlauf von Sanktionsregimen und deren Nebenwirkungen an: Wirtschaftsdruck kann kurzfristig Fähigkeiten einschränken, aber ohne „Snapback“-Mechanismen und klare Konsequenzen entsteht schnell der Eindruck, Sanktionen seien verhandelbar. Gleichzeitig adressiert Avivi die Energiekrise als potenziellen politischen Treiber: Selbst wenn ein US-Präsident globalen Druck durch sinkende Energiekosten dämpfen will, dürfe Diplomatie die erklärten Kriegsziele nicht ersetzen. Sein Appell an Washington lautet, Iran werde täuschen, und bei Nichterfüllung müsse man zu Blockade- und Militärlogik zurückkehren.

Aus einer regulatorischen Perspektive berührt das Thema außerdem den Kern von Durchsetzung und Risikoallokation: Wenn Märkte den Eindruck gewinnen, dass Freihandel und Navigation nicht mehr zuverlässig geschützt sind, steigen Versicherungs- und Compliance-Aufwände in der gesamten Lieferkette. Das betrifft Reedereien, Finanzinstitute und Betreiber von Transport- und Logistikdienstleistungen, weil Risikobewertungen schnell in Verträge, Deckungszusagen und Sanktionsscreenings hineingreifen. Avivi sieht daher keine rein politische Debatte, sondern eine Frage der Sicherheitsarchitektur: Ob der Korridor als „offen“ wahrgenommen wird, hängt davon ab, ob Abschreckung tatsächlich operativ sichtbar und wiederholbar ist. Seine übergreifende Prognose bleibt hart: Eine dauerhafte Stabilität könne ein Regime, das nach seiner Einschätzung nur „eine Sprache“ versteht, nicht durch Abkommen allein hervorbringen.


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