PHILADELPHIA / LONDON (IT BOLTWISE) – In Philadelphia starten Bibliotheken „Avoiding AI“-Workshops, die Menschen dabei begleiten, KI-Funktionen auf ihren Geräten bewusst zu deaktivieren. Der Kurs beginnt mit einer verständlichen Erklärung, wie Chatbots und KI-Assistenz in Consumer-Produkten funktionieren – und warum man sie trotzdem meiden möchte. Danach führt der Librarian Schritt für Schritt durch konkrete Menüs, bis die gewünschten KI-Elemente wirklich aus sind. Am Ende geht es weniger um Ablehnung von Technik, sondern um Selbstbestimmung, Transparenz und Kontrolle im Alltag.

In den letzten Monaten hat sich eine neue Art von Digital-Literacy-Angebot in US-Bibliotheken etabliert: Statt nur „wie finde ich Informationen?“ zu erklären, zeigen Librarians auch, wie man KI-Features auf Smartphones und Plattformen wieder loswird. Den Impuls liefert ein Workshop, der in South Philadelphia und zuvor in Maine viral Fahrt aufgenommen hat. Das Thema wirkt auf den ersten Blick wie ein Kulturkampf gegen Künstliche Intelligenz, tatsächlich steht aber eine praktische Frage im Mittelpunkt: Was passiert in Consumer-Apps, sobald sie KI-Assistenz aktivieren – und wie bleibt man bei der Nutzung im Steuerungsmodus selbst?
Charlie Bailey, Bibliothekar in South Philadelphia, startet seinen etwa einstündigen Kurs mit einem Überblick darüber, warum Menschen KI-Produkte verwenden wollen. Er adressiert damit die Kluft zwischen dem Nutzenversprechen (schneller schreiben, kürzen, zusammenfassen) und dem Gefühl, dass KI „einfach überall auftaucht“. Anschließend folgt die technische Entzauberung: Die Teilnehmenden sehen, wie KI-Chatbots und Verbraucherfunktionen typischerweise mit Benutzereingaben umgehen, warum Ergebnisse plausibel wirken können und weshalb sich viele Vorgänge nicht „wegklicken“ lassen, ohne die richtigen Schalter zu kennen. Diese Kombination aus Ursache-Wirkungs-Erklärung und konkreter Anleitung ist der Kern des Ansatzes.
Danach wird es handfest. Bailey arbeitet mit einem Projektor und führt die Gruppe Schritt für Schritt durch Einstellungen auf gängigen Plattformen und Endgeräten, um bestimmte KI-Funktionen gezielt zu deaktivieren. Der Kurs wirkt dabei nicht wie ein Technikseminar für Profis, sondern wie ein geführter Kontroll-Check: Teilnehmende können im Ablauf nachvollziehen, welche Funktionen über welche Menüs aktiv werden und wo die Oberfläche der Gerätehersteller eine „KI-Option“ tatsächlich versteckt. Interessant ist auch das Design des Veranstaltungsorts: In Philadelphia findet der Workshop in einem Klassenraum statt, der sonst für Kinder vorbereitet ist – mit einem Fokus auf spielerische Lernmittel. Die Botschaft bleibt trotzdem klar: Wer lernt, die Schalter zu verstehen, gewinnt wieder agency zurück.
Der Protagonist hinter der Idee ist Hannah Cyrus aus Maine. Sie hatte ihren „Avoiding AI“-Workshop zuvor auf Basis eines eigenen Ansatzes entwickelt und teilte ihn anschließend in der Community der Bibliotheken. Laut Cyrus kam es zu einer Resonanz, die sie selbst als außergewöhnlich beschreibt: Viele Librarians fragten danach, ob sie ihre „Intro“-Struktur oder ihre Folien übernehmen dürften. Hintergrund sind wiederkehrende Fragen, die in der lokalen Beratung immer häufiger auftauchten, etwa „Wie schalte ich das KI-Zeug aus?“, „Warum versucht das Gerät, E-Mails für mich zu schreiben?“ oder „Warum fasst es meinen Ein-Satz-Text zusammen?“ In Bangor Public Library wenden sich Patrons genau dann an Cyrus, wenn Assistenzfunktionen im Alltag stören statt helfen.
Die Nachfrage ist dabei nicht nur ein Randphänomen. Cyrus’ erste Kurse erreichten trotz kleinerer Standardformate für Einsteiger-IT ungewöhnlich große Teilnehmerzahlen, sodass die Anmeldung begrenzt, eine Warteliste eingerichtet und die Veranstaltung zusätzlich per Livestream zugänglich gemacht wurde. Auch in Philadelphia zeigte sich der Effekt: Der erste Termin wurde offenbar so schnell voll, dass Bailey einen zweiten Programmtermin ansetzte. In den Wortbeiträgen aus der Teilnehmerschaft taucht neben technischen Fragen auch der emotionale Bezug auf. Ein Teilnehmender berichtet beispielsweise, dass das Anhängen eines speziellen Parameters an eine Google-Suche helfen kann, KI-Ergebnisse zu verstecken; Bailey notiert so eine Zeichenfolge am Whiteboard neben den Login-Infos für das Jugendlager-WLAN. Eine andere Person ergänzt den Umweltaspekt als persönlichen Antrieb und beschreibt KI am Arbeitsplatz als wiederkehrenden „Zwangskontext“, ohne dabei das Thema als Technologie grundsätzlich abzulehnen. Genau diese Mischung passt zur Intention der Veranstalter: Es geht nicht um Technikverweigerung, sondern um Wahlfreiheit, Transparenz und Kontrolle darüber, wie und wo KI eingesetzt wird.
Technisch betrachtet spiegelt der Workshop eine breitere Entwicklung in der KI-gestützten Produktlandschaft: In vielen Consumer-Interfaces werden KI-Optionen standardmäßig aktiviert oder so integriert, dass Nutzer sie erst spät als „eigene Funktion“ erkennen. Damit verschiebt sich die Kompetenzanforderung von „KI verstehen“ zu „KI-Verhalten kontrollieren“. Bibliotheken liefern dafür eine ungewöhnlich niedrigschwellige Umgebung: öffentlich, nicht-kommerziell, mit geduldiger Anleitung und ohne den Druck, sich sofort für ein Ökosystem zu entscheiden. Für Unternehmen und IT-Verantwortliche ist das eine relevante Beobachtung, weil es zeigt, wie schnell Nutzer in Richtung „Privacy by Configuration“ oder „Control-by-UI“ denken, sobald KI-Assistenzen als Bevormundung wahrgenommen werden. Und weil die Teilnehmenden ganz konkret in Menüs gehen, statt nur über KI zu diskutieren, wird aus einer Debatte eine umsetzbare Praxis.
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