BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Im ersten Halbjahr waren nur 58,7 Prozent der Fernzüge der Deutschen Bahn pünktlich unterwegs. Die Bahnchefin Evelyn Palla nennt das Ergebnis „kein guter Wert“, betont aber, dass in drei Viertel der Fälle Verspätungen unter 15 Minuten lagen. Sie rückt die Messmethode in den Fokus und fordert zugleich mehr Leistungskultur, beginnend beim Management. Gleichzeitig kündigt sie an, das interne Zuverlässigkeitsziel von mindestens 60 Prozent weiter konsequent verfolgen zu wollen.

Die Pünktlichkeitsquote der Deutschen Bahn im Fernverkehr bleibt im ersten Halbjahr hinter den eigenen Erwartungen zurück: Nur 58,7 Prozent der Fernzüge waren nach Unternehmensangaben pünktlich unterwegs. Bahnchefin Evelyn Palla bringt das Ergebnis deutlich auf den Punkt und sagt, „Das ist kein guter Wert. Da müssen wir auch nichts beschönigen“. Gleichzeitig versucht sie die öffentliche Debatte zu präzisieren, denn ein Teil der gemeldeten Unregelmäßigkeiten falle bei weitem nicht so stark aus, wie es Schlagzeilen manchmal vermuten lassen.
Technisch betrachtet spielt dabei die Definition der Pünktlichkeit eine entscheidende Rolle. Ein Fernzug gilt laut Messlogik der Bahn bereits ab einer Verzögerung von sechs Minuten als verspätet. Zugausfälle hingegen werden in der betrieblichen Pünktlichkeit, also in der Kennzahl, bei der erfasst wird, wie viele Züge innerhalb eines Zeitraums planmäßig am Ziel ankommen, nicht berücksichtigt. In der Kommunikation betont Palla zudem die Verteilung innerhalb der Verspätungsfälle: „Allerdings hätten in drei Viertel der Fälle die Verspätungen unter 15 Minuten gelegen.“ Diese Differenzierung ist für die Einordnung wichtig, weil sie für operative Entscheidungen eine andere Gewichtung erfordert als etwa großflächige Ausfälle.
Markt- und Steuerungslogik treffen hier aufeinander, weil die Bahn mit einer klaren Zielmarke im laufenden Jahr arbeitet. Palla hatte für das Jahr ein Pünktlichkeitsziel von mindestens 60 Prozent ausgegeben. Nach den bisherigen Werten liegt der Konzern damit knapp hinter der Zielkurve zurück. Palla bezieht sich jedoch nicht nur auf eine Zahl, sondern auf die Frage, wie Management und Öffentlichkeit Erfolg interpretieren: „Wir werden oft nur an der Pünktlichkeit im Fernverkehr gemessen, das ist aber nur das halbe Bild“, sagt sie. Diese Aussage deutet an, dass die Bahn zwar an einer zentralen Kennzahl arbeitet, zugleich aber zusätzliche Qualitätsdimensionen im Blick haben will.
Für die Ursachen blendet Palla nach eigener Darstellung auch nicht die interne Organisation aus. Sie macht Probleme der Deutschen Bahn unter anderem mit einer mangelnden Leistungsbereitschaft im früheren Management in Verbindung. Konkret kritisiert sie eine verfehlte Leistungskultur: „Die Leistungskultur der Vergangenheit war für die Performance der Bahn nicht ausreichend, das wollen wir ändern“. Besonders scharf fällt der Vorwurf in ihrer Beschreibung aus: „Das war am Ende so etwas wie organisierte Verantwortungslosigkeit. Das muss der Vergangenheit angehören.“ Damit verknüpft sie das operative Thema Pünktlichkeit mit der Frage, wie Verantwortlichkeiten in einem komplexen Netzwerk aus Fahrplan, Leit- und Sicherungstechnik, Personalplanung und Baustellenkoordination tatsächlich in Entscheidungen übersetzen.
Historisch ist das Zusammenspiel aus Kennzahlensteuerung und Prozessqualität bei Bahnunternehmen kein neues Thema. Gerade im Schienennetz wirken sich Störungen oft über mehrere Takte aus: Eine frühe Abweichung im Betriebsablauf kann sich in Anschlusszügen fortpflanzen, selbst wenn die Ursachen lokal sind. Vor diesem Hintergrund ist der von Palla gestartete Konzernumbau relevant, weil er in der Logik der Bahn nicht nur Strukturen, sondern Verantwortungswege neu ziehen soll. Nach Amtsantritt im vergangenen Jahr hat sie demnach einen Umbau begonnen, der unter anderem eine Verschlankung der Zentrale vorsieht und Verantwortung in Richtung „Fläche“ verlagert. Zahlreiche Führungspositionen wurden gestrichen, also ein Eingriff in die Entscheidungs- und Eskalationspfade.
Für die Unternehmensführung leitet Palla daraus einen klaren Anspruch an Führungsebene ab. Ihre Linie: Leistung beginnt nicht erst bei nachgelagerten Teams, sondern bei den Top-Entscheidern. „Leistung beginnt ganz oben – zuerst bei mir selbst. Dann beim Konzernvorstand. Wir sind die erste Ebene, die das verkörpern und vorleben muss“, betont sie. In der Praxis heißt das meist: weniger Freiraum für erklärungsbedürftige Ausnahmefälle, dafür mehr Konsequenz in Maßnahmen zur Störungsprävention, zur kurzfristigen Fahrplananpassung und zur Ressourcensteuerung. Ob das schnell genug auf die 60-Prozent-Marke einzahlt, hängt dabei auch von Faktoren ab, die außerhalb des unmittelbaren Managementbereichs liegen, etwa der Auslastung des Netzes und der Häufigkeit intensiver Bau- und Fahrplanphasen.
Unterm Strich macht die aktuelle Entwicklung zweierlei sichtbar: Erstens bleibt die Kennzahl Pünktlichkeit für den Fernverkehr ein unmittelbarer Gradmesser für operative Qualität. Zweitens zeigt die Bahnchefin, dass Messlogik, Zieldefinition und organisatorische Umsetzung zusammen gedacht werden müssen. Palla kündigt am Ende eine eigene Bewertung an und formuliert für die Zuverlässigkeit eine Zwischenbilanz: Sie würde dem eigenen Unternehmen „bei der Zuverlässigkeit die Schulnote 4 minus, insgesamt aber eine 3“ geben. Für Kunden ist damit die Erwartung klar, dass die Bahn nicht nur die Darstellung verbessern, sondern die Performance spürbar anziehen will, bevor 58,7 Prozent endgültig als Übergangslage interpretiert werden können.
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