LIMBURGERHOF / LONDON (IT BOLTWISE) – BASF treibt die Ausgliederung seines Agrarchemiegeschäfts voran und peilt für das nächste Jahr eine fokussierte Umsetzung eines möglichen Börsengangs an. Laut Livio Tedeschi ist in Nord- und Südamerika sowie in Europa bereits ein Großteil von Agriculture Solutions herausgelöst, Asien soll bis Ende des Jahres folgen. Bis Mitte 2027 sollen die Voraussetzungen dafür geschaffen sein, abhängig von der Entwicklung der Marktbedingungen. Der Konzern will zudem ein Index-Listing anstreben, wobei SDAX, MDAX oder DAX von der Börsengangsgröße abhängen.

In Limburgerhof hat BASF den nächsten sichtbaren Schritt für die geplante Verselbstständigung der Agrarchemie-Gesellschaft konkretisiert: Vorstand Livio Tedeschi sagte, man vervollständige gerade die Ausgliederung von der BASF. Die regionale Rollout-Logik ist dabei klar getaktet. Bereits in Nord- und Südamerika sowie in Europa seien nach seinen Angaben große Teile von „Agriculture Solutions“ herausgelöst, während Asien noch bis Ende des Jahres folgen soll. Damit verschiebt sich das Thema von einer reinen Strategie-Erzählung hin zu einem operativen Projektplan mit geographisch gestaffelter Umsetzung.
Technisch und organisatorisch läuft die Trennung nicht als „Schnitt im Reißbrett“, sondern als Aufbau einer steuerungsfähigen Einheit. Tedeschi sprach davon, dass gleichzeitig eine neue Hauptzentrale der späteren neuen Firma aufgebaut werde, um das Geschäft unabhängig steuern zu können. Das ist in der Praxis mehr als ein Standortwechsel: In der frühen Phase müssen Entscheidungswege, Budgethoheit und Datenflüsse zwischen Konzern und neuer Einheit neu geordnet werden, damit die künftige Organisation bei Vertrieb, F&E und regulatorischen Themen handlungsfähig bleibt. Genau hier verortet Tedeschi auch einen seiner zentralen Vorteile des Börsengangs: aktuell werde etwa die Höhe des Forschungsbudgets noch von der BASF-Zentrale bestimmt.
Für die Investorenperspektive liefert BASF zusätzlich die Argumentationslinie, die bei einem potenziellen Börsenlisting oft über Kurse entscheidet: die relative Bewertung. Tedeschi betonte, dass Agriculture-Geschäfte am Kapitalmarkt in Bezug auf den Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) sehr gut bewertet seien und zugleich höher als BASF als Gesamtkonstrukt. Die Zahlen untermauern das Bild, das die Marktlogik üblicherweise verlangt: Agriculture Solutions erwirtschaftete 2025 einen Umsatz von 9,6 Milliarden Euro und investierte 1 Milliarde Euro in Forschung und Entwicklung. Damit fließt in den Bereich rechnerisch die Hälfte der Forschungsausgaben des Konzerns; bis 2035 sollen innovative Produkte 7,5 Milliarden Euro zum Gesamtumsatz von Agriculture Solutions beitragen.
Auf der Zeitachse bleibt BASF bewusst an den Bedingungen des Kapitalmarkts ausgerichtet. Tedeschi sagte, man konzentriere sich im nächsten Jahr „voll und ganz“ auf einen möglichen Börsengang; bis Mitte 2027 sollen die Voraussetzungen dafür geschaffen sein. Gleichzeitig verwies Finanzchef Dirk Elvermann darauf, dass über den genauen Zeitpunkt und den Umfang des eigentlichen Börsengangs kurzfristig entschieden werde, abhängig von den Marktbedingungen. Außerdem peile BASF ein Index-Listing an; welcher der drei Indizes (SDAX, MDAX oder DAX) es wird, soll von der Größe des Börsengangs abhängen. Für Anleger ist das relevant, weil Indexwechsel typischerweise Effekte durch automatisierte Nachfragewege auslösen, während die operative Ausgliederung parallel die Unternehmensbewertung über Kennzahlen wie Ebitda-Entwicklung und Investitionsrendite beeinflusst.
Historisch knüpft die Planung an die Konsolidierungswellen der letzten Jahre an. BASF habe das Agrarchemiegeschäft mit Übernahmen gestärkt; besonders hervorgehoben wurde der Zukauf wesentlicher Teile des Agrar- und Saatgutgeschäfts von Bayer im Jahr 2018 für rund 5,9 Milliarden Euro. Bayer musste dieses Geschäft abgeben, nachdem die Übernahme des US-Saatgutkonzerns Monsanto erfolgte. Tedeschi bezeichnete die Bayer-Geschäfte als „einer der besten Zukäufe“ für BASF und ordnete ein: Die Transaktion habe die Entwicklung weit vorangebracht. Agriculture Solutions umfasst demnach Pflanzenschutzmittel, Produkte zur Schädlingsbekämpfung sowie Saatgut und beschäftigte nach Angaben im Bereich mehr als 14.000 Menschen; in Summe zeigt das Profil, warum die Trennung als „konzerneigenes Startup“ mit eigenständiger Kapitalmarktstory funktionieren kann.
Währenddessen bleibt das Sparprogramm ein Hintergrundrauschen, das Tedeschi dennoch klar abgrenzt. Er sagte, das laufende Stellenabbauprogramm der BASF betreffe die Kerngeschäfte und damit nicht den Bereich Agricultural Solutions; Kostenfokus solle dennoch auch dort ankommen. BASF will bis Ende 2026 jährliche Kosten in Höhe von 2,3 Milliarden Euro einsparen, und von Januar 2024 bis Ende Juni 2026 baute der DAX-Konzern weltweit rund 7.000 Stellen ab. Für die Investor- und Umsetzungsseite bedeutet das: Die Ausgliederung erfordert zwar zusätzliche Projektarbeit, sollte aber nicht dadurch blockiert werden, dass zentrale Einsparprogramme Ressourcen ausgerechnet in der Agrarchemie abziehen. Genau diese Balance dürfte entscheidend sein, damit die neue Einheit früh genug belastbare Kennzahlen liefert und der Börsengang nicht nur „reif nach Plan“, sondern auch „reif nach Markt“ wird.
Für Unternehmen im Umfeld der Wertschöpfungskette ist die Entwicklung ebenfalls ein Signal. Ein künftiges eigenständiges börsennotiertes Unternehmen mit eigenem Forschungsbudget und eigenständigen Investitionsentscheidungen kann die Beschaffungs- und Entwicklungszyklen stärker an Portfolioeffekten ausrichten als an Konzernprioritäten. Gleichzeitig entsteht mehr Transparenz in Richtung Lieferanten, Dienstleister und Kooperationspartner, weil sich Pflichten und Budgets der einzelnen Geschäftsbereiche eher spiegeln. Unklar bleibt kurzfristig dennoch, in welchem Umfang BASF beim Börsengang zunächst die Kontrolle behält; Tedeschi sagte lediglich, BASF werde am Anfang sicherlich Mehrheitsaktionär sein. Damit wird die nächste Phase vor allem zu einer Frage der Umsetzungstiefe: Wie schnell kann der organisatorische Rahmen die erwarteten Vorteile in verlässliche Ergebnisse überführen, ohne dass die Trennung die F&E- und Produktionsrealität aus dem Takt bringt.
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