FRANKFURT AM MAIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Bundesbauministerin Verena Hubertz stellt Investoren einen 13-Punkte-Aktionsplan vor, der Baukosten und Wohnraummangel durch mehr Digitalisierung, schnellere Prozesse und bündelnde Förderlogik adressiert. Ab 2028 sollen Bauanträge verbindlich digital möglich sein, Papieranträge nur noch in begründeten Härtefällen. Parallel will sie standardisierte Datenmodelle nutzen, um Planungsprozesse deutlich zu verkürzen, und ein Bonus-System für raschere Bauzeiten in der Neubauförderung etablieren. Damit rückt auch serielle und modulare Bauweise stärker in den Fokus – allerdings mit teils deutlicher Branchenkritik an Tempo und Ausgestaltung.

Bau wird digital: Hubertz senkt Kosten mit Sofortprogramm für Anträge, Normen und serielle Planung
Bau wird digital: Hubertz senkt Kosten mit Sofortprogramm für Anträge, Normen und serielle Planung (Foto: IT BOLTWISE)
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Deutschland steht beim Wohnungsbau unter doppeltem Druck: Die Baukosten gelten seit Jahren als einer der Hauptbreiber, und zusätzlich belasten höhere Kreditzinsen die Finanzierung neuer Projekte. In Frankfurt legte Bundesbauministerin Verena Hubertz dazu einen 13-Punkte-Aktionsplan vor, der nicht nur auf die Höhe von Fördermitteln zielt, sondern vor allem auf die Prozessgeschwindigkeit und die Reibungsverluste im gesamten Ablauf von Antrag bis Genehmigung. Die Botschaft lautet dabei bewusst pragmatisch: Es geht weniger darum, Bauvorhaben „attraktiver“ zu machen, sondern darum, dass sie überhaupt noch realisiert werden können.

Technisch setzt der Plan an einer Stelle an, die in der Praxis oft unterschätzt wird: an der Digitalisierung der Antrags- und Genehmigungswege. Hubertz kündigte an, dass Bauanträge ab 2028 nur noch digital möglich sein sollen, während Papieranträge künftig auf begründete Härtefälle beschränkt werden. Für Unternehmen und Bauherren bedeutet das vor allem, dass Datenformate, Schnittstellen und Nachweise von Anfang an maschinenlesbar geplant werden müssen – andernfalls drohen neue Prozesskosten in der „letzten Meile“ zwischen Formular und behördlicher Prüfung. Ergänzend soll eine durchgängige Digitalisierung „vom Antrag bis zur Genehmigung“ den Bearbeitungsaufwand reduzieren.

Ein zweites technisches Hebelwerk betrifft standardisierte Datenmodelle in Planungsprozessen. Ziel ist, Bauleitplanverfahren auf maximal zwei Jahre zu begrenzen; bislang seien in der Realität teils deutlich längere Laufzeiten zu beobachten. Damit verschiebt sich der Schwerpunkt weg von Einzelfallprüfung hin zu wiederverwendbaren, strukturierbaren Modellen, die sowohl Planungs- als auch Genehmigungslogik besser abbilden. Im Vergleich dazu setzen andere europäische Verwaltungsansätze häufig zuerst auf „digitale Portale“, während Hubertz stärker auf Datenstandards und eine Art durchgängige Modellkette zielt. Das ist nicht nur ein Effizienzthema, sondern auch ein Compliance-Thema: Wer einheitliche Modelle nutzt, kann die Nachweisketten konsistenter dokumentieren.

Marktseitig liefert der Plan eine klare Antwort auf die aktuelle Lage. Laut Statistischem Bundesamt wurden 2025 nur 206.600 Wohnungen fertiggestellt – rund 45.000 weniger als im Vorjahr und damit ein Tiefstand seit 2012. Obwohl die Baugenehmigungen zuletzt stark gestiegen sind, wirkt der Einbruch aus den Vorjahren zeitverzögert in den Neubau hinein. Experten erwarten für das laufende Jahr nur geringe Verbesserungen. Hinzu kommen externe Kostentreiber wie gestiegene Preise für Baustoffe und Energiekosten sowie Zinsniveaus, die Investoren Projekte auf Eis legen lassen. In diesem Umfeld ist Timing entscheidend: Je früher ein Projekt „genehmigungsfähig und finanzierbar“ ist, desto eher kann der Markt Nachfrage in reale Bauleistung übersetzen.

Um diese Lücke zu schließen, will Hubertz auch die Förderkulisse vereinfachen. Künftig soll die Neubauförderung in einem einzigen Programm gebündelt werden, dessen Start für 2027 vorgesehen ist. Als zentrales Kriterium nennt sie die Möglichkeit, Wohneigentum für Familien aufzubauen. Ergänzend soll ein Bonus-System in der Neubauförderung für verkürzte Bauzeiten und reduzierte Kosten sorgen: Wer schneller baut – ob privater Bauherr oder Investor – soll zusätzliche Mittel erhalten. In der Logik ähnelt das Ansätzen aus anderen Bau- und Infrastruktursegmenten, in denen Leistungs- und Zeitkennzahlen direkt an Fördermechaniken gekoppelt werden, statt pauschal zu subventionieren.

Der wohl sichtbarste Hebel ist die Beschleunigung durch serielle und modulare Bauweise. Hubertz setzt hier auf vorgefertigte Bauteile und argumentiert gegen die aus ihrer Sicht häufig „teure und konventionelle“ Vorgehensweise, bei der Stein auf Stein gebaut wird. Sie verweist dabei auf die Fähigkeit der Fabrikproduktion, große Mengen gleichmäßiger zu liefern, sodass ganze Wohnviertel „vom Fließband“ entstehen könnten. Als direkten Wettbewerbs- beziehungsweise Benchmark-Ansatz lässt sich das im Marktvergleich etwa mit internationalen PropTech- und Industrialized-Construction-Programmen abgleichen, bei denen digitale Planung und modulare Lieferketten gemeinsam gedacht werden – während Deutschland bislang stark fragmentiert produziert.

Gleichzeitig zeigt die Branchenreaktion, wie groß die Umstellungshürde ist. Aus der Baubranche kommt Lob, aber auch ein deutlicher Ruf nach mehr Tempo und Ehrgeiz in der Umsetzung. Felix Pakleppa, Hauptgeschäftsführer des Baugewerbeverbands ZDB, verwies sinngemäß darauf, dass viele Vorschläge richtig sind, aber die praktische Ausgestaltung noch nicht ausreicht. Besonders kritisch sehen Akteure serielle Wohnkonzepte für Verdichtung und Aufstockung in Innenstädten, weil statische, städtebauliche und logistische Randbedingungen nicht automatisch „mitwachsen“. Dazu passt auch, dass Kritiker vor neuen Plattenbau-Ängsten warnen und betonen, dass in Deutschland bislang nur ein vergleichsweise kleiner Anteil der Gebäude mit vorgefertigten Bauteilen entsteht.

Ein weiterer Spannungsbereich betrifft regulatorische Detailarbeit: Der sogenannte Gebäudetyp E soll das rechtssichere Abweichen von Standards und technischen Normen erleichtern, etwa bei Tiefgaragen. Allerdings heißt es, die Umsetzung dauere zu lange, weil das Vorhaben noch auf die frühere Ampel-Regierung zurückgeht. Pakleppa kritisierte, dass bereits über ein Jahr der Legislaturperiode verloren gegangen sei; Hubertz betonte dagegen, ein entsprechender Gesetzentwurf solle noch in diesem Jahr vom Bundesjustizministerium vorgelegt werden. Für Unternehmen ist das mehr als Politikfolklore: Ohne klare, zügige Rechtsgrundlagen bleibt der Nutzen von digitalen Datenstandards und industrieller Bauproduktion begrenzt, weil Projekte sonst in Rechtsunsicherheit stecken. Datenschutz und IT-Sicherheit spielen dabei ebenfalls eine Rolle, sobald Bauanträge und Nachweisdokumente systematisch digitalisiert werden – insbesondere bei Identitäts- und Authentifizierungsdaten, Protokollierung sowie langfristigen Aufbewahrungspflichten.

In die Zukunft übersetzt Hubertz’ Plan damit mehrere Trends, die in der Praxis ohnehin zusammenlaufen: Industrialized Construction, standardisierte Modellketten und förderseitige Anreizsysteme. Wenn ab 2028 digitale Anträge verbindlich werden, entsteht für die Branche ein neues „De-facto-Ökosystem“ aus Datenlieferanten, Planungssoftware und Backend-Prozessen der Verwaltung. Für Entwickler und Integratoren heißt das, dass Schnittstellen, Validierungsregeln und Governance von Modellversionen künftig genauso wichtig werden wie klassische Webportale. Die nächste entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, ob serielle Bauverfahren mehr Akzeptanz gewinnen, sondern ob Recht, Datenstandards und Fördermechanik gleichzeitig so schnell iterieren, dass Bauherren im Alltag spürbar weniger Bearbeitungszeit und geringere Gesamtprojektkosten erleben. Gelingt das, könnte der Wohnungsbau mittelfristig wieder berechenbarer werden – und damit auch finanzierbar.


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